Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Die Blechtrommel“ als deutschsprachige Erstaufführung
Nachrichten Kultur „Die Blechtrommel“ als deutschsprachige Erstaufführung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:34 09.09.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Aal-süßsauer: Christin König spielt eine berühmte „Blechtrommel“-Szene. Quelle: dpa

Das Buch war eine Sensation. Als 1959 „Die Blechtrommel“ des damals noch recht unbekannten Autors Günter Grass erschien, wusste nicht nur die literarische Öffentlichkeit bald, dass man es hier mit einem ganz besonderen Buch zu tun hat. So hat noch keiner von deutscher Geschichte erzählt. So breit angelegt und doch auf den Punkt gebracht, so frech und so tragisch, so ironisch und so ernst, so barock und doch so modern. „Die Blechtrommel“ ist ein bedeutendes und – nicht zuletzt durch die berühmte Verfilmung von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1979 – ein bekanntes deutsches Buch. Einige Szenen haben sich ins kollektive Literaturgedächtnis der Öffentlichkeit eingeprägt: die Aale aus dem Pferdekopf und wie sich die Frau Matzerath dann verzweifelt an Fischen zu Tode frisst, die Sache mit der Brause im Bauchnabel, das Skatspiel mit dem verwundeten polnischen Postangestellten, der mit dem Hosenträger am Tisch fixiert wird, die Nadel mit dem Hakenkreuz, die Vater Matzerath bei Kriegsende eilig verschluckt, was ihm eine blutende Speiseröhre und einen schmerzhaften Tod bringt, und natürlich die vier Röcke der kaschubischen Großmutter, unter denen der Brandstifter Koljaiczek am Kartoffelfeuer Schutz vor der Staatsmacht findet. Lauter bekannte Bilder. Das macht es nicht leichter, den 700-Seiten-Roman auf die Bühne zu bringen. Wie soll man spielen, was schon jeder kennt? Und wie soll man der wunderbar mäandernden, hypotaxeverliebten, beschreibungsbesoffenen, ironisch verspielten, aber im Grunde dialogfernen Sprache des Autors gerecht werden? Die Blechtrommel ist ein großes, bruchstückhaftes Zeitgemälde, kein Drama. Das ist eine Herausforderung, aber das Theater liebt ja Herausforderungen.

In Polen und in einigen skandinavischen Ländern hat es schon Aufführungen der „Blechtrommel“ gegeben. In Deutschland bisher noch nicht. Der Autor wollte nicht. Aber dann hat Regisseur und Autor Armin Petras, der viel Erfahrung mit der Dramatisierung großformatiger literarischer Werke hat, bei Grass nachgefragt. Der Dichter hat zugesagt – und die Ruhrtriennale hat einen weiteren Höhepunkt im Programm. Jetzt wurde „Die Blechtrommel“, fürs Theater bearbeitet von Armin Petras, inszeniert von Jan Bosse, in der Bochumer Jahrhunderthalle zum ersten Mal im deutschsprachigen Theater aufgeführt.

Die Geschichte beginnt 1899 mit der Flucht des Brandstifters Koljaiczek über den Kartoffelacker und unter die Röcke der Großmutter. Und sie endet in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, in denen Oskar Matzerath, der Trommler, in einem Varieté die Menschen zum Weinen bringt – keine kleine Tat in diesen „tränenlosen Zeiten“.

Aber welche Emotionen setzt die Theaterfassung der Blechtrommel frei? Weinen muss man nie, lachen eigentlich nur sehr selten, gelegentlich staunt man, oft bewundert man die Schauspieler und erfreut sich daran, wie sie die schönen Sätze des Dichters zum Blühen bringen, aber die meiste Zeit hört man einfach nur zu. Irgendwie im Neutralmodus. Berühren will dieses Theater nicht wirklich. Und: Berühren kann dieses Theater auch gar nicht. Denn es gibt kein Drama, sondern ein Erzählspiel. Regisseur Jan Bosse und Dramaturg Armin Petras begegnen dem Jahrhundertwerk in der Bochumer Jahrhunderthalle nicht mit einer Jahrhundertinszenierung, sondern mit einer Theatermode.

Seit ein paar Jahren schon macht man das so im deutschen Theater: Man gibt Rollenspiele ohne feste Rollen. Die Schauspieler sind eine Spielgemeinschaft, jeder spielt alles, man schlüpft in Rollen hinein und auch gleich wieder hinaus. Man probiert dieses, man probiert jenes. Bosse lässt den Text nicht spielen, sondern eher referieren. Nichts wird durchgehalten, jede Behauptung gilt nur für einen kurzen Moment. Es ist, als zappe man sich durch eine Geschichte.

Als Zuschauer fühlt man sich da oft so, als würde man einer Probe beiwohnen. Die Schauspieler kumpeln miteinander herum, augenrollend, grinsend, beifällig nickend kommentiert jeder das Spiel seiner Kollegen. Na, sollen sie machen – wenn sie gut sind. Und die hier sind hervorragend. Ruth Reinecke, Christin König, Britta Hammelstein, Anne Müller (die wunderbare, großartige, begnadete, spielfreudige, angstfreie Anne Müller!), Robert Kuchenbuch, Ronald Kukulies und Hans Löw (der wunderbare, sanfte, lächelnde, hochfliegende, absturzgefährdete, filigrane Hans Löw!) spielen allerlei Haupt- und Nebenfiguren und auch die siebenfach aufgesplitterte Hauptfigur. Es gibt große Momente. Und kleine.

Typisch für diese Art des undramatischen Theaters ist auch, dass die Bühne gern mal vollgerümpelt wird. In diesem gigantischen Improvisationstheater werden zentnerweise Kartoffeln auf die schräge Spielfläche gekippt (Bühne: Stéphane Laimé). Ansonsten findet alles Mögliche vom Sperrmüll im Spiel Verwendung. Wenn man es mit einem Monumentalroman zu tun hat, müssen vor allem die Requisiteure Monumentales leisten.
Natürlich gibt es auch einen breitformatigen Videoeinsatz, besonders historische Familienfotos spielen eine wichtige Rolle. Aber man belässt es nicht dabei, sie einfach zu zeigen. Wenn zwischen den Figuren wenig passiert, muss anderswo eben umso mehr los sein. Also müssen die Schwarzweißfotos, die von einer Videokamera abgefilmt und auf eine große Leinwand projiziert werden, ständig bearbeitet werden – und das heißt: bespuckt, verbrannt, gewässert, mit Erde bestreut und zerrissen.

Das hat etwas von Voodoo. So als wolle man mit diesen Symbolhandlungen der Wirklichkeit irgendwie nahe kommen. Aber es funktioniert nicht. Man hätte es vielleicht doch mit Theater probieren sollen.
Bei der Ruhrtriennale am 11., 12., 14. und 15. September. Vom 26. September an im Maxim Gorki Theater Berlin.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Kunstgeschichte zum Quaken: Besucher des Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum können von Sonntag an da Vincis Mona Lisa, die Nofretete, van Goghs Selbstporträt oder den „Mann über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich sehen. Allerdings sind alle Figuren als Enten im Stile von Donald Duck dargestellt.

09.09.2010

Kate Nash kommt am 16. September nach Hannover. Die Popqueen spricht im NP-Interview über MP-3s, aggressive Songtexte und Lena Meyer-Landrut.

08.09.2010

Das Konzert der Band aus Colorado in Hannover war schön, aber kurz.

08.09.2010