Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Die Band Rainer von Vielen probt am Ballhof an einem tanzbaren Theaterstück
Nachrichten Kultur Die Band Rainer von Vielen probt am Ballhof an einem tanzbaren Theaterstück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:06 03.07.2012
FREIHEIT MACHT ARBEIT: Dan le Tard, Niko Lai, Rainer von Vielen und Mitsch Oko in der Cumberlandschen Galerie. Quelle: Ralf Decker
Hannover

Wer tanzt bei dem Stück?

Rainer von Vielen (Sänger): Das Publikum. Unsere Songs sind immer gut tanzbar, und etwa die Hälfte des Stücks ist Musik.

Mitsch Oko (Gitarre): Die Bühne wird quer gedreht, es gibt Stehplätze - da ist die Tanzchance größer. Auf den Sitzplätzen sieht man auf das Stück und auf die Tanzenden.

Niko Lai (Schlagzeug): Der Unterschied zum Musical ist, dass wirklich Konzertatmosphäre sein wird.

Mitsch O.: Wir picken uns das Schöne aus beiden Disziplinen: die textlich basierte Erkenntnis des Theaters und die Magie der Musik.

Was ist die textliche Erkenntnis bei „Mythen der Freiheit“?

Mitsch O.: „Die Mythen der Freiheit fordern Revanche“: das ist aus dem Song „Virus Wahrheit“ von Rainer.

Rainer vV: Viele unserer Texte drehen sich um das Thema Freiheit.

Dan Le Tard (Bass): So auch die Zeile „Freiheit ist der Abstand zwischen Jäger und Gejagtem“.

Rainer vV: Es geht darum zu hinterfragen, wofür Freiheit heute überhaupt steht. Der Begriff hat Konjunktur, bei uns nicht zuletzt dank unseres neuen Staatsoberhaupts.

Niko L.: Wir freuen uns immer über solche Steilvorlagen aus der Politik. Viele Menschen denken, sie seien komplett frei. Dabei sind sie von allem Möglichen beschränkt - Mietvertrag, Arbeitsverhältnis, schon die Jahreszeiten. Freiheit ist heute ein Schlagwort - im Namen der Freiheit wurde auch der Irak angegriffen.

Rainer vV.: Freiheit wird oft sehr oberflächlich verstanden. Vielleicht kann man es mit dem Bild eines Getränkeautomaten erklären, bei dem man die Wahl zwischen Cola, Fanta und Spezi hat. Alles gehört Coca-Cola - und eigentlich will man nur etwas Gutes trinken. Wir haben scheinbare Wahlfreiheit - aber nicht das, was wir eigentlich brauchen.

Dan LT: Die Zigarettenwerbung verheißt Freiheit - das ist Absurdistan.

Niko L.: Die Demokratie ist die freieste Regierungsform, die wir haben - aber was es letztlich für eine Farce ist, sehen wir derzeit. Da regieren die Finanzmärkte - deren Freiheit sollte man zum Beispiel einschränken.

Rainer vV: Deshalb sagen wir: Schafft die Freiheit ab! Um ein neues Bild der Freiheit zu gewinnen.

Wie sollte das aussehen?

Rainer vV: Es geht erst einmal um eine differenziertere Sicht. Freiheit von etwas - Freiheit für etwas: es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen von Freiheit. Und man muss sehen, dass Freiheit Verantwortung mit sich bringt. Freiheit macht Arbeit.

Niko L.: Das bedeutet auch, dass man die Verantwortung für die eigene Entscheidung übernimmt. Zum Beispiel, wenn man die Wahl trifft „Esse ich täglich Fleisch aus Massentierhaltung - oder einmal die Woche vom Bio-Bauernhof?“.

Das sind ethische Fragen - wie bringt man die auf die Bühne?

Rainer vV.: Das Stück wird den Charakter einer Messe haben, inspiriert durch kirchliche Rituale. Es wird wie unsere Stücke - lustig, traurig, harmonisch, streitlustig, intensiv ...

Mitch O.: ... anarchisch, laut, engagiert. Wenn wir unsere Musik beschreiben, sagen wir meist: Bastard-Pop. So ist das Stück auch ein Bastard-Stück. Eine Ein-Euro-Oper.

Wie kams zu der Zusammenarbeit?

Niko L.: Wir haben verschiedentlich in Hannover gespielt und sind bei „Republik Freies Wendland - reaktiviert“ für den erkrankten Jan Plewka eingesprungen. Danach hat uns einer der am heftigsten hüpfenden Tänzer, Regisseur Florian Fiedler, angesprochen: Wir müssten unbedingt was zusammen machen.

Und wie kommt ein deutscher Pop-Musiker zum Oberton-Gesang?

Rainer vV: Ich habe immer viel experimentiert mit der Stimme, oft an der Grenze meiner Stimmkapazität gearbeitet und bin auf diesen kehligen Gesang gestoßen - ein bisschen, als ob man leise brüllt. Und ich habe so durch Ausprobieren und Zufall gefunden, wie ein zweiter Ton erklingt. Und dann bin ich auf Ruppert Volz im Allgäu gestoßen, Mitbegründer von The Blech. Die Vorstellung, dass man mit der eigenen Stimme zweistimmig singen kann, hat mich nicht mehr losgelassen.

Mitch O.: Es gibt unserer Musik einen Weltmusikaspekt, der uns immer wichtiger wird - weil wir ja in den Alpen aufgewachsen sind. Früher hätte ich mir nie vorstellen können, Jodeln zu mögen, inzwischen ist es mir richtig ans Herz gewachsen.

Rainer vV: Jodeln ist nicht weit weg vom Arpeggio in der Musik (aufgelöste Akkorde, in denen die Töne kurz hintereinander erklingen, Red.), und damit im Grunde auch nicht weit weg vom Techno. Im Stück wirds auch ein Jodelsolo geben.

Zur Wendland-Premiere am Freitag, dem 6. 7., gibt es einen Shuttle-Bus

Wie ein Derwisch wirbelt Rainer von Vielen durch die Musikstile, von Hip-Hop über Elektro bis zu Deutschpop zwischen Rio Reiser und Element of Crime. Früher trat er mit Anne Clark auf, auch mit Orange; jetzt nennen er und seine Band Kauz sich Rainer-von-Vielen-Band. Ihr Theaterkonzert im Wendland ist als Gegenbesuch des Schauspiels Hannover zur „Republik Freies Wendland – reaktiviert“ gedacht; das Plakat spielt auf den Tortenwurf auf Jürgen Trittin bei der Podiumsdiskussion auf dem Ballhofplatz im September 2010 an.

Die ersten Aufführungen von „Mythen der Freiheit“ sind am 6. und 7. Juli um 20.30 Uhr in Salderatzen; das Schauspiel Hannover bietet einen Bus-Shuttle für 30 Euro inklusive Ticket und Freigetränk an, Tel. 0511/ 99991111.

Premiere im Ballhof Eins ist am 28. September.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Wir wollen frei sein!“, brüllen zehn Mädchen unisono im Ballhof Zwei heraus. Die Jungen stehen dem nicht nach und powern „Wir sind Söhne von unserem Vater!“ heraus. Kein Schrei-dich-frei-Kurs für Jugendliche, sondern Premiere von „Wasser findet immer seinen Weg“ vom Jungen Schauspiel in der Reihe „Theater Mobil“.

03.07.2012

Die Kluft zwischen Armen und Reichen wird immer größer - überall auf der Welt. Einer Vielzahl fast mittelloser Menschen stehen nur wenige Superreiche gegenüber.

03.07.2012

Die Unesco hat weltweit 26 Stätten neu in ihre Liste einzigartiger Schätze der Menschheit aufgenommen, darunter aus Deutschland das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth.

02.07.2012