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Kultur Der andere Blick auf Syrien
Nachrichten Kultur Der andere Blick auf Syrien
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00:22 12.03.2018
Blickt zurück: Wasim Ghrioui bei den Proben von „Tin Pit“ in Cumberland. Die Uraufführung findet im Ballhof statt. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Da war der Vater, der selbst das Brot an einem Schalter nur für Militärs erhielt. Tante Wahida, deren gewaltiger Hahn das Viertel mit seinem Krähen terrorisierte. Und Madame Loris, einzige Christin unter Moslems, die als Akt direkter Nächstenliebe ihrem Enkel und seiner Freundin Unterschlupf gewährte. Solche Bilder sieht Wasim Ghrioui, denkt er an seine Kindheit, an seine Heimat, an Syrien, und sie möchte er den immer gleichen Syrien-Bildern von Krieg, Toten, Trümmern und Terror entgegensetzen, in dem Stück „Tin Pit“, das im Ballhof seine Uraufführung feiert.

Zinngrube, englisch „Tin Pit“, hieß im Volksmund das Viertel in Damaskus , in dem Ghrioui aufwuchs: „Ein Armenviertel, in dem sich der Bodensatz sammelte“, erklärt er: „Ich glaube, dass sich gerade in diesen Vierteln zeigt, wie ein Land wirklich ist.“ Von menschlicher Wärme sei seine Kindheit und Jugend geprägt gewesen: „Der Staat war nicht freundlich, aber die Gesellschaft war es.“ Er erzählt von dem typischen Phänomen des Zusammenlebens in Diktaturen, dem Zusammenrücken, dem Organisationstalent, der Solidarität.

Alles vorbei. er musste fliehen, sein Leben auf den Kopf stellen. Ghrioui war in seiner Heimat bildender Künstler. Er musste eine andere Ausdrucksform finden, um das auszudrücken, was er erzählen will. Sein Deutsch sei leider immer noch schlecht, entschuldigt er sich mit einem warmen Lächeln aus seinen tiefen dunklen Augen: „Aber alle, die wir hierher gekommen sind, sind wie Kleinkinder – nur lernen wir leider nicht so schnell die Sprache“, sagt er in fließendem Englisch.

„Tin Pit“ ist ein multimediales Musiktheaterstück, in Deutsch mit arabischen Untertiteln. Paul Wollin, Ensemblemitglied des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, trägt den Text vor, der getragen wird von Videobildern Matze Görigs und der Klangwelt der syrischen Sopranistin und Komponistin Dima Orsho: „Es ist nicht nur Musik zu hören“, sagt sie: „Sondern auch Werbemelodien, Straßengeräusche, Ausschnitte aus Nachrichtensendungen.“

Klänge als Träger von Erinnerungen und verschütteten Emotionen. Kein Wunder, dass die Staatsoper und das Musikland Niedersachsen Kooperationspartner sind. Doris Schröder-Köpf, Migrationsbeauftragte des Landes, hat die Schirmherrschaft für die Produktion übernommen, die auch noch in Hildesheim, Göttingen und Braunschweig zu sehen sein wird.

Berlin, Ghriouis aktueller Wohnort, wird nicht dabei sein. Seit 2013 lebt er dort: „Heimisch bin ich dort nicht geworden, habe ich nicht werden wollen, weil ich Angst habe, auch dies Heimat zu verlieren.“ Gerne ginge er irgendwann nach Damaskus zurück und hat doch auch davor Bedenken: „Ich weiß, das dort nichts mehr so ist, wie es einmal war.“ Was bleibt, sind Erinnerungen, festgehalten in diesem Stück – als Blicke in eine verlorene Welt.

„Tin Pit“: am 10. und 11. März jeweils ab 19.30 Uhr im Ballhof zwei. Karten kosten zwölf, ermäßigt acht Euro.

Von Stefan Gohlisch

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