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Überleben in feindlicher Natur: Kelab (Jürgen Vogel) unterwegs in den Alpen. Ein Mann wie aus einem Steinzeit-Diorama.

Überleben in feindlicher Natur: Kelab (Jürgen Vogel) unterwegs in den Alpen. Ein Mann wie aus einem Steinzeit-Diorama.
© Foto: Port au Prince Pictures

Kino

„Der Mann aus dem Eis“ – Ötzis Geschichte

Jäger der verlorenen Schatulle: In dem Steinzeitdrama „Der Mann aus dem Eis“ (Kinostart: 30. November) zieht Jürgen Vogel aus, um Rache für seine Familie zu fordern. Wie der echte Ötzi ums Leben kam, bleibt weiterhin unbekannt

Hannover. Der Filmbeginn macht schon mal neugierig: Auf Untertitel werde verzichtet, lautet ein Hinweis auf der Leinwand. Sie seien zum Verständnis der Geschichte für den Zuschauer nicht weiter erforderlich. Wo gibt es denn so etwas noch im sonst so erklärungswütigen Kino, das viel zu oft die Handlung sprachlich noch einmal doppelt?

Jürgen Vogel verkörpert den Jäger kompakt-energetisch

Hier vertraut ein Regisseur ganz auf seine Bilder und seine(n) Darsteller – und damit wären die Stärken von Felix Randaus „Der Mann aus dem Eis“ benannt. Die Trümpfe dieser Rachegeschichte aus der Kupfersteinzeit sind eine übermächtige, gewalt(tät)ige Natur und ein unter Tierfellen beinahe verschwindender Zotteljäger, den Jürgen Vogel kompakt-energetisch verkörpert. Des Jägers Wanderung durch Sturm, Schnee und Eis ist das eigentliche Ereignis. Die kehligen Nuscheleien, tatsächlich der rätischen Sprache nachempfunden, wie sie vor ein paar Jahrtausenden im Alpenraum gesprochen worden sein könnte, wirken dagegen weniger überzeugend. Aber es wird sowieso kaum gesprochen, dafür viel geschrien und gestöhnt. Und viel gestorben wird auch.

Wir lernen kennen: Ötzi zu Lebzeiten, also bevor er zur besterhaltenen Leiche wurde, die die Alpen je wieder freigegeben haben. 1991 tauchte Ötzi aus dem Gletscher auf, beinahe so, wie dieser ihn mehr als 5000 Jahre zuvor im Eis begraben hatte, eine Speerspitze steckte in seiner Schulter. In der Gegenwart des Films heißt Ötzi allerdings selbstredend noch nicht Ötzi, sondern Kelab und ist Familienvorstand und Priester in einer Person. Kelab wacht über eine magische Schatulle, deren Inhalt lange vor uns Zuschauern verborgen bleibt.

Steinzeitmensch Kelab lebt wie im Freilichtmuseum

Geradezu idyllisch haust Kelab mit seiner Sippe an einem Bachlauf in Südtirol. Schöner als die Filmausstatter es hier getan haben, lässt sich kein Freilichtmuseum bauen. Und da liegt eine Schwäche dieses Film, der so mutig gestartet ist: Der uns eben noch so fremd anmutende Steinzeitmensch soll uns partout nahegebracht, ja beinahe zu einem Zeitgenossen gemacht werden. Kelab deckt die schlafende Gefährtin samt Baby sorgsam zu, entpuppt sich als Vertrauter des älteren Sohnes und ist überhaupt ein Familienvater wie aus dem Bilderbuch. Da hätte auch gleich Tom Hanks die Rolle übernehmen können (angeblich war mal Brad Pitt dafür im Gespräch).

Klar, wir wissen nicht viel über das gewöhnliche häusliche Leben in der Kupferzeit. Aber der Regisseur weiß es auch nicht. Kelab zählt zur Spezies des Homo sapiens, Mord und Totschlag dürften auch damals schon zu den nicht besonders gern gesehenen Umgangsformen gezählt haben. Hier aber wird Kelab erst einmal als ein Sympathieträger aufgebaut wie in einem konventionellen Rachethriller. Denn bald schon sieht der Familienmensch rot.

Drei Fremde bringen die Familie des Helden um

Kelab bricht zur Steinbockjagd in die Berge auf. Dann wittert er Feuer unten im Tal. Über Stock und Stein hastet er zurück ins Dorf: Seine Familie wird niedergemetzelt von drei Fremden, wie er aus der Ferne sieht (einer davon ist der gerade eben noch erkennbare André Hennicke). Kelab kommt zu spät zur Rettung, auch die Schatzschatulle ist weg. Der genauso verzweifelte wie zornige Jäger nimmt die Verfolgung über die Alpen auf. Zunächst hat er noch den einzigen Überlebenden des Angriffs, ein Baby, im Arm und eine Ziege im Schlepptau. Das Neugeborene wird er bei einem weißhaarigen, altersweisen Alm-Öhi (Franco Nero, einst besser bekannt als Django) los.

Was davon belegt ist? Gar nichts. Das Kino füllt mit viel Fantasie die Lücken, die die Wissenschaft offen lassen muss. Dafür ist das Kino da. Ob das wirklich Ötzis Geschichte ist? Keine Ahnung.

Der Mensch wird auf seine essenziellen Gefühle reduziert

Aber darauf kommt es auch gar nicht an. In dieser archaischen Story wird der Mensch auf seine essenziellen Gefühle reduziert: Zeugungslust, Angst vor Tod und Sterben, der Glaube an Übersinnliches und natürlich Rachegefühle machen ihn aus.

Ein wenig erinnert diese Mörderjagd an Leonardo DiCaprios „The Revenant – Der Rückkehrer“, verlegt in die Kupferzeit und in die Alpen. Auch die grandiosen Naturaufnahmen passen dazu, die Kameraflüge über schroffe Berghänge und die Blicke in vereiste Höhlen. Alles verengt sich auf Kelabs unbeirrbar verfolgtes Ziel: Er will die töten, die die Seinen töteten. Die Geschichte ist simpel, vielleicht ein wenig zu simpel, wenn hier die Pfeile schwirren und Speere sich in Körper bohren. Action dieser Art hat man schon besser gesehen.

Irgendwann steht Ötzi an einem Abhang und blickt sinnend auf die wiedereroberte Schatulle in seiner Hand. Und dann schleudert er die Kostbarkeit in hohem Bogen von sich weg. Der Mensch, könnte das bedeuten, war schon immer ein an sich Zweifelnder. Wozu braucht es einen Glauben, wenn dieser niemanden beschützt?

Von Stefan Stosch/RND


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