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Wo alles begann: In der Nikolaistraße eröffnete Hans-Joachim Flebbe 1991 sein erstes Multiplex-Kino.

Kino

Der König sucht ein neues Reich

Nicht nur Hannovers Kinolandschaft befindet sich im Umbruch – und Hans-Joachim Flebbe mischt dabei kräftig mit. Die Kinobranche in Deutschland rüstet sich für die Zukunft – und in Hannover hat sie schon begonnen.

Die Zuschauer haben davon zwar noch nicht viel bemerkt, doch hinter den Kulissen rumort es. Eine Personalie ist dabei entscheidend: Kinokönig Hans-Joachim Flebbe ist kein Kinokönig mehr. Der Cineast, der von Hannover aus sein bundesweites Cinemaxx-Imperium aufgebaut hat, ist Ende September vom Posten des Vorstandschefs zurückgetreten.

Nicht ganz freiwillig: Es habe unterschiedliche Auffassungen über die „Strategie und die Ausrichtung“ des Konzerns gegeben, so Flebbe. Schwer sei es ihm gefallen, sein „Lebenswerk“ aufzugeben – immerhin war er es, der 1991 das erste Großkino in Deutschland in Hannovers Nikolaistraße eröffnete. Künftig muss sich Flebbe mit einem Platz im Cinemaxx-Aufsichtsrat begnügen.

Das heißt aber nicht, dass er seiner Liebe zum Kino abgeschworen hat. Flebbe schmiedet längst neue Pläne. Gerade lässt er in Berlin das ehrwürdige Palastkino umbauen. Die Zukunft des Kinos soll erste Klasse sein: Noch vor Weihnachten will er es zu einem Edelkino mit mehr Beinfreiheit und besserer Gastronomie herausputzen. „Premium-Kino“ nennt Flebbe das Haus am Ku’damm. Es sollen noch weitere „Premium-Kinos“ folgen. Auch in Hannover.

Flebbe will zurück ins Raschplatzkino, in jenes Programmkino also, in dem seine Karriere (nach ersten Schritten im Lindener Apollo) begann und das gerade wegen Umbau geschlossen hat. Momentan haben die Betreiber im Cinemaxx in der Nikolaistraße ein Notquartier bezogen. Bislang ist der Cinemaxx-Konzern zuständig für das Filmkunstkino hinter dem Bahnhof, doch der will sich zurückziehen. Die Verhandlungen zwischen Flebbe und der Hannover Region Grundstücksgesellschaft (HRG) laufen noch.

Es sind gewiss keine sentimentalen Gefühle, die Flebbe zur Rückkehr zu seinen Wurzeln bewegen. Vielmehr geht es um einen neuen Aufbruch. In gewisser Weise stellt sich Flebbe an die Spitze einer Bewegung: Die Kinobranche sucht mit neuen Ideen einen Ausweg aus der Krise, von der sie schon seit Jahren gebeutelt wird.

Auch in den Konzernen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Kino künftig nicht mehr als fabrikmäßige Abspielstätte von Hollywoodkonfektion funktioniert. Es genügt nicht mehr, Horden von Teenagern mit übergroßen Popcorneimern über klebrige Teppichgänge zu schleusen. Jugendliche gucken Filme inzwischen auf Handy oder zu Hause auf DVD, nicht mehr unbedingt im dunklen Saal. Insgesamt wird die Bevölkerung älter, andere Zielgruppen müssen wieder ins Kino geholt werden.

In Hannover hat der Cinemaxx-Konzern auf die demografische Entwicklung reagiert. Soeben wurde ein neuer Chef im Raschplatz-Cinemaxx in Stellung gebracht, der nicht unbedingt ein Freund von Highschool-Komödien aus Hollywood ist. Roman Colm kommt aus dem Bereich Kunstkino. Bei Dienstantritt kündigte er an, dass er künftig auch Programm für ältere Zuschauer machen wolle. Ohne Werbung. Dafür aber womöglich mit Rotwein und Brezeln im Angebot. Mehr deutsche Filme sollen gespielt werden, vielleicht wird künftig sogar ein Kinobalkon mit Verzehrtischchen bestückt.

Der Cinemaxx-Konzern hat bereits damit begonnen, seine 32 Multiplex-Kinos aufzuhübschen. In Essen oder Würzburg sei das bereits geschehen, heißt es in der Hamburger Zentrale. „Die Opernvariante“ nennt Cinemaxx-Sprecher Arne Schmidt die Verschönerungen. Bei gereifteren Kinozuschauern soll die Hemmschwelle gesenkt werden, ein Multiplex-Kino zu betreten.

Ironischerweise haben die Raschplatz-Exilanten mit ihrem Arthouse-Programm in der Nikolaistraße – die ja bald an alter Stätte mit Flebbe die neuen Cinemaxx-Konkurrenten sein wollen – die Vorarbeit für eine größere Filmakzeptanz des Publikums geleistet.

Werke wie das schmerzensvolle Melodram „So viele Jahre liebe ich dich“, der dokumentarische Trickfilm „Waltz with Bashir“ oder das belgische Sozialdrama „Lornas Schweigen“ finden inzwischen in der Nikolaistraße Zuschauer. Das soll so bleiben, wenn die Exilanten wieder ausziehen. „Wir wollen auch künftig ein breiteres Spektrum von Kino zeigen“, sagt Sprecher Schmidt. Cinemaxx solle zum „Treffpunkt für alle“ werden.

Sollten die Cinemaxx-Leinwände künftig tatsächlich nicht mehr nur mit James-Bond-Abenteuern, Teenagerkomödien und „Harry Potter“-Fantasy bespielt werden, dürfte sich eine ganz neuer Wettbewerb ergeben. Dann müssen sich alle hannoverschen Kinobetreiber etwas einfallen lassen. Schon jetzt stärken vor allem das Raschplatz-, das Apollo- und auch das Kino im Künstlerhaus den „Event-Charakter“ bei Vorstellungen. Gäste stellen Filme vor, Regisseure und Schauspieler sind zu Besuch. Es werden Werke in der Originalfassung gespielt, Kinofrühstücke serviert, Filmreihen angeboten.

Flebbe setzt auf die technische Entwicklung, um künftig ein noch vielfältigeres Angebot unterbreiten zu können. Seine Hoffungen ruhen auf der digitalen Datenübermittlung. Das bedeutet, dass Filme nicht mehr allwöchentlich auf schweren Zelluloidkopien durch die Republik gekarrt werden müssen. Als Bildträger dienen dann Festplatten. Einige Pilotprojekte gibt es schon, auch in Hannover. Möglicherweise werden die Filme künftig auch per Satellit gesendet.
Viel Geld ließe sich bei digitalen Lieferungen sparen. Auch für ein zahlenmäßig kleineres Publikum würde sich die Bestellung von Filmen lohnen. Vorstellbar ist vieles. Aber ist die neue Technik auch bezahlbar?

Bislang schreckt die Branche vor den hohen Kosten zurück. Flebbe schätzt allein die Umrüstung eines Kinosaals mit digitalem Projektor auf etwa 80.000 Euro. Kinoverleiher, -betreiber und -produzenten streiten schon seit Jahren über die Kostenverteilung. Eines steht jedenfalls fest: Im neuen Jahrtausend ist es nicht mehr so leicht, König in einem eigenen Kinoreich zu werden.

von Stefan Stosch


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