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Kultur Dennis Pörtner zieht ins „Qualityland“
Nachrichten Kultur Dennis Pörtner zieht ins „Qualityland“
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00:18 09.03.2018
Stab des Anstoßes: Dennis Pörtner posiert mit Peter Arbeistlosers Ärgernis. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Peter Arbeitsloser ist Level 10 – ein recht mickriger Wert in Utopia. Als ihm eines Tages unaufgefordert ein pinker Delfinvibrator zugeschickt wird, kommen ihm Zweifel am scheinbar perfekten System: Von einer leisen Revolte erzählt die Science-Fiction-Groteske von Marc-Uwe Kling, dem Schöpfer der Känguru-Chroniken. Die Bühnenfassung wird in Hannover uraufgeführt. Ein Interview mit Hauptdarsteller Dennis Pörtner (32).

Welches Level haben Sie denn wohl?

Na, wir wissen ja, was Peter Arbeitsloser für eines hat. Ich selbst befreie mich von dieser Levelstruktur.

Wie schlüssig ist diese Idee aus „Qualityland“, dass in der nahen Zukunft alle Menschen durch Level eingestuft werden?

Was dort passiert, ist gar nicht so weit entfernt von unserer Welt. Es gibt nicht diese offensichtliche Levelstruktur, aber Einteilungen gibt es schon.

Und so wie Peter Arbeitsloser in der Geschichte einen unerwünschten rosa Delfinvibrator erhält, passiert es Amazon in unserer Welt gerade auch, dass Menschen Sexspielzeuge bekommen, die sie nie bestellt haben ..

Amazon hat doch gerade einen Shop eröffnet, in dem man bargeldlos und durch eine App gesteuert einkauft. Man nimmt die Ware aus dem Regal und sie ist bezahlt. Alles beobachtet von Kameras. Und es gibt ein Türschloss von Amazon für den Postboten. Dieser kommt über eine App mit Code in die Wohnung, ohne den Schlüssel zu haben. Die „Washington Post“ hat das getestet: Es ist ein noch sehr fehlerhaftes System mit großen Sicherheitslücken.

Noch aber gibt es diese Regulative. In „Qualityland“ wird Peter wegen seiner Vibrator-Beschwerden überall gewiesen, weil nicht wahr sein darf, dass ein Fehler geschehen ist.

Ja, jeder Fehler in „Qualityland“ würde bedeuten, dass das System einen Fehler gemacht hat, also falsch ist.

„Der Roman ist riesig“

Wie setzt man das alles für die Bühne um? Allein die Besetzungsliste weist für sechs Schauspieler 30 Rollen aus, dazu kommen drei Handlungsstränge ...

Wir haben uns auf zwei Handlungsstränge beschränkt. Der Roman ist ja riesig; auf die Geschichte des Martyn Vorstand verzichten wir fast vollständig. Sie ist nahezu gegenläufig zu der Peters: Während Peter aufsteigt, steigt Martyn stetig ab, und erst am Ende begegnen sie sich kurz. Das behalten wir bei. Dann den Wahlkampf und Aufstieg zum Präsidenten des Androiden John of Us und eben Peters Strang. Ich selbst spiele nur den Peter. Aber den Kollegen geht es so wie mir: Es macht Spaß, sich in diese Typen hineinzuwerfen.

Wer ist dieser Peter?

Die Frage wird ihm in dem Roman ja auch gestellt, als er sich beschwert, dass sein Profil falsch ist. Und er nur stammeln kann, weil er nicht weiß, wie er darauf antworten soll. Wie sagt man das auch? Auf jeden Fall ist er in diesem System zu etwas gemacht worden, was ihn wenig dazugehören lässt. Also zieht er sich zurück und lebt in einer Art WG mit kaputten Maschinen, die fast menschlicher erscheinen, als die Menschen in Qualityland.

Diese Maschinen hatte er, als Maschinenverschrotter, zerstören sollen. Was hat ihn wohl davon abgehalten?

Ein Grund kann sein, dass er im Kontakt mit ihnen etwas aufbaut, was er sonst nicht hat. Er hat ja auch eine Ausbildung zum Maschinentherapeuten angefangen. Diese Aufgabe darf er allerdings nicht mehr ausüben. Es darf ja nichts mehr repariert werden in Qualityland; das besagen die „Konsumschutzgesetze“.

Diese kaputten Maschinen sind dennoch alles Könner, wie in einer verqueren Superhelden-Geschichte ...

Ja, das stimmt. Und es ist natürlich sehr ironisch, wenn man einen Sexroboter hat, der nicht mehr vögeln kann, oder eine Drohne mit Flugangst (lacht). Auch die sind nicht zugehörig, was von außen bestimmt wurde.

Wie auch bestimmt wurde, dass man zugehörig zu sein hat.

Ja, selbst der Partner wird einem ausgewählt. Und wenn man Karriere machen will, ignorieren die wenigsten Menschen die Nachrichten auf ihrem Handy, in denen ihnen alle fünf Minuten ein neuer, besserer Partner vorgeschlagen wird.

Wie nah ist das dran an unserer Welt?

Jeder wird Parallelen zu seinem Leben feststellen.

Sie auch?

Naja. Ich habe hier ein Smartphone. Wenn ich etwas nicht weiß, google ich es. Twitter und Facebook nutze ich gar nicht. Myspace habe ich früher genutzt.

Ist das nicht total Nuller-Jahre?

Ja, oder Studi-VZ (lacht). Aber neulich fiel mein WhatsApp aus. Darüber gab es immer die Probenpläne. Also musste mit die Assistentin die nochmal anders zukommen lassen. Ein Arbeitsschritt mehr.

Wie witzig wird es?

Humor und Komik sind schon ordentlich drin. Die Situationen sind skurril.

„Er versteht diese Welt nicht“

Wie nähern Sie sich einem solchen Stoff an?

Erst einmal natürlich lesen: zuerst den Roman; dann aber bin ich froh, wenn es eine Strichfassung gibt, allein um zu sehen, was reinkommt und was nicht. Die Figuren hier sind alles Typen; damit kann man gut spielen. Peter reagiert ganz viel. Alles redet auf ihn ein. Er versteht diese skurrile Welt eigentlich nicht. Dabei behält er einen trockenen Humor bei. Und er braucht einen Punkt - den Delfinvibrator, den er fälschlicherweise zugeschickt bekommt –, damit er endlich mal aktiv wird.

Warum bringt ihn der so auf die Palme?

Es geht nicht um den Delfinvibrator. Das Problem ist größer. Es geht darum, dass er sich nicht verändern kann, weil das System vorschreibt, wer er in dieser Welt ist.  Und wenn sie ihn fragen, wie er das belegen kann, muss er immer diesen Delfinvibrator herausholen, was natürlich eine große Komik hat.

Wo sehen Sie ihn jetzt, nach Ende des Romans?

Der Roman ist glaube ich, eine Liebeserklärung an das „Gutbürgerliche“, an eine Heimat, an eine Welt, in der man aufgehoben ist. Ich kann mir vorstellen, dass er es sich wünscht, eine Beziehung zu haben, Kinder, ein Zuhause. Ruhe – etwas, was in diesem Roman, in dieser Welt nicht vorkommt. Er ist sicherlich kein Held, der ein System stürzen will. Ich glaube, dass er einfach nur in einer gewissen Normalität sein Glück finden will.

Das Stück

Schönste, neueste Welt: Geht es um „Qualityland“, ist nur der Superlativ erlaubt. In diesem Staat nicht weit von unserer Zeit lautet die Antwort auf alle Fragen „okay“, tragen die Menschen als Nachnamen den Beruf ihrer Eltern und erfüllen Versandhandel ihre Wünsche, bevor sie die auch nur gedacht haben. Als ihm aber ein pinker Delfinvibrator zugeschickt wird, ist dem Normalo Peter Arbeitsloser nach Revolte zumute – diese Geschichte steht im Vordergrund von „Qualityland“ (Ullstein, 384 Seiten, 18 Euro), der neuen Satire von Marc-Uwe Kling. Malte C. Lachmann inszeniert den Roman für das Junge Schauspiel – Kling vergab die Uraufführungsrechte nach Hannover, weil ihm die hiesige Version seiner „Känguru-Chroniken“ so gut gefiel.

Alle Termine finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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