Navigation:
Regisseur Lav Diaz bekam für sein Historiendrama «Von dem, was war» in Locarno den Goldenen Leoparden.

Regisseur Lav Diaz bekam für sein Historiendrama «Von dem, was war» in Locarno den Goldenen Leoparden. © Urs Flueeler

Film

Das Filmfestival Locarno schwelgte in reiner Kino-Magie

Das 67. Internationale Filmfestival Locarno war ein voller Erfolg: trotz Regens war der Zuschauerzuspruch enorm, am roten Teppich gab's viele Stars zu bejubeln, und zum Finale ging der Goldene Leopard an einen der Publikumsfavoriten.

Locarno. Filmfestival-Jurys lieben es, mit Urteilen fern aller Erwartungen von Publikum und Kritik zu überraschen. Beim 67. Internationalen Filmfestival Locarno war das anders. Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, ging, wie von vielen erhofft, an den philippinischen Regisseur Lav Diaz für "From what is before". Diaz, einer der bekanntesten Filmkünstler Asiens, spiegelt in seinem fünfeinhalb Stunden dauernden Drama mit einem von suggestiver Ruhe geprägten Bilderrausch die alltägliche Gewalt der Marcos-Diktatur auf den Philippinen in den 1970er Jahren.

Die Ehrung dieses packenden Films mit dem Goldenen Leoparden ist auch eine Anerkennung der Arbeit des erst im zweiten Jahr amtierenden künstlerischen Direktors des Festivals, Carlo Chatrian. Er setzt nämlich im Wettbewerb sehr viel stärker als seine Vorgänger auf Filme, die gesellschaftskritischen Anspruch und Publikumswirksamkeit exzellent und effektvoll miteinander verbinden.

In dieser Hinsicht punktete auch das deutsche Kino in Locarno kräftig. So titelte die in Locarno wöchentlich erscheinende "Tessiner Zeitung" zum Ausklang des Festivals: "Deutschland steht in Locarno hoch im Kurs". Selbst Auszeichnungen gab es für Filme, die mit starkem finanziellen Engagement deutscher Produzenten realisiert worden sind: die polnische Regisseurin Zuzanna Solakiewicz bekam für ihren Musik und Meditation pointiert verbindenden Filmessay "15 Corners oft he World" die Ehrung für den Besten Film der Sektion "Woche der Kritik". Da die deutsch-polnische Ko-Produktion in hohem Maß mit Geld aus Deutschland gedreht wurde, kommt auch ein Großteil der Ehre hierher.

Das gilt ebenso für "Los Hongos" ("Die Pilze"), realisiert mit Finanzmitteln aus gleich vier Ländern vom kolumbianischen Regisseur Oscar Ruiz Navia. Er erzählt vom Leben einiger Graffiti-Künstler in seiner Heimat. Dafür bekam er den "Spezialpreis der Jury "Ciné+ Cineasti" im Concorso Cineasti del presente". Diese Auszeichnung wird an junge Filmemacher vergeben, die gerade ihre ersten Schritte gehen, die dabei aber bereits mit einer besonders kreativen Handschrift auffallen.

Im Hauptwettbewerb um den Goldenen Leoparden waren deutsche Produzenten mit zwei internationalen Gemeinschaftsproduktionen präsent: "A Blast" ("Explosion") des griechischen Regisseurs Syllas Tzoumerkas und "Dos Disparos" vom Argentinier Martin Rejtman. Während dem schwer zugänglichen melancholisch grundierten Sozialpanorama "Dos Disparos" von vornherein allenfalls Außenseiterchancen eingeräumt worden waren, gehörte "A Blast" bis zum Schluss zu den weithin geschätzten Favoriten. Auch dies ist in der wirksamen Verknüpfung von Privatem und Gesellschaftlichen ein typischer Film für diesen Locarno-Jahrgang.

Sogar bei den Ehrungen der besten Schauspieler legte die Jury, in der Regisseur Thomas Arslan ("Gold") aus Deutschland mitarbeitete, Wert auf soziale Verankerung. Ausgezeichnet wurden die Hauptdarsteller gesellschaftskritischer Studien, die im Arbeitermilieu angesiedelt sind: Ariane Labed (Frankreich) bekam den Silbernen Leopard für ihre Interpretation einer Schiffsmechanikerin in "Fidelio, die Odyssee von Alice" und Artem Bystrow (Russland) für die Verkörperung des Titelhelden in "Der Narr".

Doch es gab auch Jury-Entscheidungen fern der Vorlieben des Publikums und der Kritiker. So erhielt Pedro Costa (Portugal) die Ehrung als Bester Regisseur für seinen kunstgewerblich anmutenden Spielfilm "Cavalo Dinheiro" ("Pferdegeld"). Im Stil mehr der Bühne als dem Kino verpflichtet, spiegelt Costa in einem komplizierten Szenengeflecht die Auswirkungen revolutionärer gesellschaftlicher Umbrüche auf die Psyche einfacher Menschen.

Bei der Auszeichnung von Pedro Costa mag für die Juroren ausschlaggebend gewesen sein, dass er sich auf künstlerisch eigenwillige Wege begibt. Das lässt sich nachvollziehen. Weniger nachvollziehbar sind die Beweggründe für die Vergabe des Spezialpreises der Jury an "Listen Up Philip" ("Halt die Klappe, Philip") von Alex Ross Perry (USA). Der Film erzählt weder eine originelle Story, noch überrascht er mit einem ungewöhnlichen Stil. Entworfen wird das Porträt eines eitlen New Yorker Schriftstellers. Stilistisch soll das eventuell eine Hommage an Woody Allen sein. Doch der Film wirkte einfach nur schwatzhaft und platt.

Zum Glück war Plattes, Schwatzhaftes und Kunstgewerbliches in Locarno eher die Ausnahme. Das Filmangebot überzeugte in der Regel durch eine kluge Balance von Anspruch und Amüsement. Für Letzteres sorgte natürlich auch eine Parade von Alt-Stars. Legendäre Akteure wie etwa die US-Amerikanerin Mia Farrow, der Deutsche Armin-Mueller-Stahl und der Italiener Giancarlo Giannini, die allesamt mit Ehrenpreisen ausgezeichnet wurden, begeisterten bei abendlichen Freiluftgalas auf der Piazza Grande von Locarno jeweils mehr als achttausend jubelnde Zuschauer.

Die Galas unterm Sternezelt sind naturgemäß das A und O des Festivals am schweizer Ufer des Lago Maggiore. Selbst wenn es regnet und sich das Publikum kollektiv unter Schirme und Capes verkriecht, entfaltet sich hier eine einmalige Atmosphäre, geprägt von reiner Kino-Magie, der Magie des Spiels von Licht und Schatten. Wer das auch nur einmal selbst erlebt hat, weiß, warum so viele davon schwärmen, dass Locarno die schönste Tribüne der Weltfilmkunst sei.

dpa


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von den Obike-Leihfahrrädern in Hannovers City?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie