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Kultur Das „Fäkaliendrama“ und die Sauberkeit
Nachrichten Kultur Das „Fäkaliendrama“ und die Sauberkeit
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15:46 09.11.2018
Versprechen der Schönheit: Regisseurin Lucia Bihler im Bühnenbild von „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Ein „Fäkaliendrama“ feiert in Cumberland Premiere. Dazu zählte Werner Schwab sein Stück „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“. Lucia Bihler inszeniert – ein Interview.

Was werden wir da am Sonntag sehen?

Eine sehr artifizielle Welt, die in ihrer Künstlichkeit die Grausamkeit mit einem Skalpell herauszuschälen versucht.

Aha. In der Vorlage haben wir es mit einem Haus zu tun, das Gesellschaft repräsentiert. Das gibt es bei Ihnen schon mal nicht, sondern drei Zirkuswagen. Dann ist es ein fast schon historischer Stoff mit viel 90er-Kolorit. Was sagt uns das Stück heute noch?

Was leider zeitlos ist, sind bestimmte Machtstrukturen, in denen sich die Menschen und die Gesellschaft bewegen und die zur Folge haben, dass immer nach unten getreten wird. Das hat Werner Schwab sehr stark beschrieben: Sobald irgendjemand Schwäche zeigt, wird er sofort niedergemetzelt – also sprachlich. Er behandelt Universalthemen; die menschlichen Abgründe, die er schildert, sind schon sehr heutig: Familie, Enge ... Was passiert hinter diesen verschlossenen Wänden? Und wenn man dann doch hineinguckt, will man vielleicht gar nicht so genau wissen, was dort passiert.

Ihre Zirkuswagen zeigen auch nur ihre Fronten.

Ja, man sieht drei verschlossene Wohnwagen und kann über die Live-Kamera hineinblicken.

Den mittleren Wagen haben wir aber gerade offen gesehen.

Der ist anfangs aber auch geschlossen. Zunächst schaut man in diese Familien rein und sieht Inzest, Hass, Liebe, unerfüllte Liebe – Hass ist letztlich ja nichts Anderes als Ringen um Liebe. Und man sieht ganz komische Regeln, die alle akzeptieren, die auch überhaupt nicht mehr hinterfragt werden. Im zweiten Teil wird es noch surrealer: ein Traum, der zunächst nach Erlösung riecht, dann aber doch in Vernichtung endet.

Haben Sie sich diesen Stoff ausgesucht?

Das Schauspiel hat mich auf Schwab gebracht, was bei mir eine Sofortverliebung zur Folge hatte. Und das Stück habe ich mir ausgesucht.

Aus welchen Gründen?

Es hat supersaftige Figuren. Es ist sehr dicht geschrieben. Schwab ist irre witzig. Ich habe auch ganz, ganz tolle SchauspielerInnen. Alle bringen etwas Eigenes mit und sind doch auch ein Ensemble. Was hier ganz wichtig ist: dass man etwas Gemeinsames erschafft.

Was Sie noch weiter ins Surreale treiben, indem Sie dem Stoff die Bürgerlichkeit des Hauses nehmen, oder?

Ich glaube nicht, dass die Bürgerlichkeit draußen ist, weil sie dem Stück nämlich sehr stark eingeschrieben ist: in der Sprache und auch in den Regeln. Bürgerlichkeit heißt doch, dass man etwas nicht hinterfragt, dass man versucht, etwas zu deckeln, dass man sagt: „Es ist schon okay so ...“

Aber versuchen diese Figuren nicht auch sprachlich auszubrechen?

Ich glaube, sie können die Sprache gar nicht kontrollieren. Sie kommt aus ihnen heraus wie Körpersäfte: Sie veräußern sich wie von selbst. Hier wird ohne jedes Wirkungsbewusstsein gesprochen.

Warum ein Zirkusszenario?

Im zweiten Teil öffnet die feine Frau Grollfeuer ihr Zuhause. Ich wollte das verstärken: dass etwas wahnsinnig Schönes anfängt, aber in einem totalen Abgrund endet. Und Zirkus hat für mich ein großes Versprechen: von Schönheit. Vor diesem Hintergrund zwickt die Sprache erst richtig. Und natürlich hat Zirkus auch noch ganz viele andere Komponenten: Man muss zusammenarbeiten, auch wenn es große Differenzen gibt, die wahnsinnige Enge, das Klaustrophobische. Man kann nicht mit- aber auch nicht ohneeinander. Und es geht um die Frage: Wie inszeniert die Frau Grollfeuer sich selbst? Wie inszeniert diese alte Diva diesen ganzen letzten Teil?

Es klingt ein wenig wie die „Freak Show“-Staffel von „American Horror Story“ ...

Das wird mir auch oft als Referenz für die Ästhetik genannt.

Ist Ihnen dieser Stoff näher als beispielsweise Ihre Folgen von „Eine Stadt will nach oben“, die Sie sehr hedonistisch und morbide inszeniert haben?

Ich glaube, dass ich meine Themen in allen Stoffen finden kann. Aber manche triggern mich natürlich mehr. Ich habe Grundthemen: diese Abgründe, die Vergänglichkeit, die Mechanismen, die hinter Handlungen stecken. Es sind sehr unterschiedliche Stoffe: „Eine Stadt ...“ konnte ich einfach nehmen und machen, was mir daran wichtig war. Schwab bietet mir viel mehr die Stirn. Zu ihm muss man wirklich eine Idee haben: sonst bleibt es in den 90ern. Mich hat es sehr gereizt, diesem „Fäkaliendrama“ eine große ästhetische Sauberkeit entgegenzusetzen.

Ihr Ziel ist die Sauberkeit?

Mein Ziel ist die Sauberkeit, auf der man den Dreck besser sieht. Wenn ich mich schon suhle, sehe ich ihn ja gar nicht mehr.

Ein grässliches Grazer Haus, bewohnt von grässlichen Menschen. Unten lebt Frau Wurm mit ihrem Sohn, einem Kunstmaler, in der Mitte die inzestuöse Familie Kovacic, oben die hasserfüllte feine Frau Grollfeuer – eine nicht ganz so gute Gesellschaft lässt Werner Schwab in „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ von 1991 aufeinanderprallen, einem seiner von ihm so genannten „Fäkaliendrama“.

Der österreichische Dramatiker Schwab, Jahrgang 1958, wurde mit seiner so groben wie präzisen Sprache in den 80er, 90er Jahren zu einer Theatersensation. 1994 starb er an einer Alkoholvergiftung. Heute ist er ein wenig in Vergessenheit geraten. Lucia Bihlers Inszenierung von „Volksvernichtung ...“ feiert am 11. November in Cumberland ausverkaufte Premiere. Mehr Informationen finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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