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Kultur Das „Auerhaus“ kommt nach Hannover
Nachrichten Kultur Das „Auerhaus“ kommt nach Hannover
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18:08 26.02.2017
Bunte Truppe: (von links) Sebastian Weiss, Maximilian Grünewald, Julia Schmalbrock, Emilia Reichenbach, Anne Rohde und Julian Mandernach spielen beim Jungen Schauspiel die Bewohner vom „Auerhaus“ Quelle: Isabel Machado Rios
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Hannover

Um den bittersüßen Vogel Jugend und den Sinn und Unsinn des Lebens dreht sich Bov Bjergs Roman „Auerhaus“. Nun kommt der Stoff ans Junge Schauspiel. Wie es ihm damit geht, erzählt Bjerg im NP-Interview.

Sie stellen Ihrem Buch den Satz voran „Alle Figuren sind erfunden, alle Handlungen verjährt.“ Das heißt zweierlei: Die Figuren hat es so nicht gegeben, die Geschehnisse schon ... Hat es den gekappten Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz wirklich gegeben?
Sie glauben doch nicht, dass ich Ihnen das verrate (lacht).  Genau dafür gibt es doch diesen Satz. Aber ich würde das Motto auch nicht glauben. Wenn man es ganz spitzfindig angeht, gibt es überhaupt nichts Erfundenes. Weil alles, was man beschreibt, auf Erfahrungen beruht – und wenn es eine angelesene ist.

Was gab den Ausschlag, genau diese Geschichte zu schreiben?
Ich hatte vor ein paar Jahren schon einen Roman geschrieben, „Deadline“. Es war ein relativ experimenteller Text, der bei einer Handvoll Kollegen Zuspruch fand. Ansonsten haben die Leute ihn eher nach spätestens zwei Seiten weggelegt. Es wurden 224 Stück verkauft; der Rest wurde bei einem Lagerbrand vernichtet.

Ein echtes Sammlerstück.
Tatsächlich poppt es online manchmal antiquarisch auf, für 200 oder 300 Euro, und ist dann schnell wieder weg. Ich frage mich immer, ob es ein Missverständnis ist. Jedenfalls war „Deadline“ gegen den Literaturbetrieb geschrieben – dieses Kalkül ging besser auf, als ich es mir vorgestellt hatte. Aus diesem Buch las ich einmal in einer Schule, vor Jugendlichen, die das höflich hinnahmen. Aber als ich erzählte, dass ich vor dem Abitur in einer WG lebte, wurden sie plötzlich neugierig. Daran erinnerte ich mich, als ich in einer Schreibkrise war. Und ich dachte mir: Machst du es dir mal einfach und schreibst etwas, was die Leute interessiert.
Es geht in „Auerhaus“ um die Jugend, um deren Orientierungslosigkeit, Hoffnungen, auch Abgründe. Ihre Figur Frieder sagt: „Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben.“ Warum geht es bei manchen gut aus und bei Anderen nicht?
Das ist eine große Frage. Ich habe mich selber immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Es gibt in der Psychologie einen Seitenkreis, der sich mit Resilienz beschäftigt, damit, welche Faktoren dazu beitragen, dass manche Menschen trotz schädigender Einflüsse schaffen, weder selbstdestruktiv noch kriminell  zu werden. Ein wichtiger Faktor ist offenbar , dass selbst bei Kindern und Jugendlichen, bei denen alles den Bach heruntergegangen ist, es immer einen Erwachsenen am Rand gab, der sich gekümmert hat. Andere kommen aus gar nicht zerrütteten Familien und werden trotzdem selbstzerstörerisch.

Was ist Frieders Tragödie? Eigentlich hat er solche Menschen um sich.
Ja, aber das Auerhaus geht irgendwann auseinander, und jeder ist wieder auf sich gestellt. Ihm wird die Einsamkeit noch deutlicher, als es vorher war, als er das Gegenteil von Einsamkeit noch nicht kannte.

Sie gönnen dem Leser ein Happy-End, und dann zertrümmern Sie es.
Das ist nur relativ kurz und auch nur eine Wunschvorstellung von Höppner, dem Erzähler.

Sie als Autor hätten es ändern können.
Der Grund für Höppner, diese Geschichte überhaupt zu erzählen, ist, wie sie ausgegangen ist. Wenn jeder seinen bürgerlichen Werdegang genommen hätte, wäre es nur ein Angeben: „Was hatte ich für eine wilde Jugend!“ Das wollte ich auf keinen Fall.

„Ich bin sehr tolerant, was künstlerischen Unsetzungen angeht“

Wie leicht fällt es Ihnen, Ihre Figuren und Ihren Roman in die Welt hinaus und Anderen zu überlassen?
Es ist interessant. Ich habe bislang nur eine Theaterfassung gesehen, die Uraufführung in Düsseldorf; inzwischen gibt es weitere. Ich bedaure es sehr, dass ich vermutlich nur den geringsten teil davon sehen kann.

In Hannover werden Sie auch nicht sein?
Zur Premiere nicht. Der Rest hängt davon ab, wie lange das Stück läuft, weil ich wenig Zeit habe. Es ist natürlich spannend, zu sehen, wie die jeweilige Inszenierung und Dramaturgie mit dem Text umgeht.

Erkennen Sie Ihre Figuren wieder?
In Düsseldorf habe ich sie wiedererkannt, gerade Frieder und Höppner. Ich musste sehr lachen, weil es so frappierend passend war. Das hat mich verblüfft.

Was wäre, wenn sich jemand entschließen würde, es bei dem glücklichen Ende zu belassen?
Ich bin sehr tolerant, was künstlerische Umsetzungen des Themas angeht. das aber wäre ein Punkt, gegen den ich mich wehren würde. Ich glaube aber nicht, dass irgendjemand würde, weil jeder, der sich mit dem Stoff beschäftigt hat, wissen müsste, dass er ihm damit Gewalt antut. Ansonsten darf jeder daraus machen, was er will. Es ist doch auch unglaublich schmeichelhaft, dass sich jemand damit beschäftigt, für so einen Feld-, Wald- und Wiesenschreiber wie mich.

Jetzt machen Sie sich aber klein.
Nee. Das meine ich tatsächlich so. Der Erfolg von „Auerhaus“ ist für mich etwas Spektakuläres. Und wenn sich jetzt jemand damit künstlerisch auseinandersetzt, dann rede ich da nicht groß rein – bis auf diesen einen ganz entscheidenden Punkt.
„Auerhaus“ hat am 19. März im Ballhof zwei Premiere.

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