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Kultur „DSDS“: Ich werde gesehen, also bin ich
Nachrichten Kultur „DSDS“: Ich werde gesehen, also bin ich
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20:34 05.02.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Warum hast du so große Zähne? Einladungen von Dieter Bohlen versprechen märchenhafte Abenteuer besonderer Art. Quelle: Archivbild

Dabei müsste sich inzwischen herum­gesprochen haben, dass sie von einem ­rüpelnden Dieter Bohlen mit Sprüchen wie „Du siehst aus wie ’ne geisteskranke Blondine“ gedemütigt und beschimpft werden. Und dass keiner der Sieger der vergangenen Staffeln der RTL-Produk­tion „Deutschland sucht den Superstar“ auch nur annähernd den Status eines sogenannten „Superstars“ erreicht hat. Allenfalls reichte es, um eine gewisse Zeit in der Arena des Kleinpromizirkus vorgeführt zu werden.

Wer sich hier anmeldet, betritt eine Parallelwelt, die ihre eigenen Gesetze und Maßstäbe hat. Sie zeichnet sich durch ordinäre Großmäuligkeit und chronische Übertreibung aus. Eine Talentshow, in der 98 Prozent der Kandidaten völlig untalentiert sind (Bohlen zu einem Kandidaten: „Das klingt irgendwie nach voller Windel ...“), aber dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) ihren TV-Auftritt bekommen, wird als Suche nach einem ­„Superstar“ angekündigt – und so wird suggeriert, dass hier die infantilen Star­träume pubertierender Mädchen und Jungen (jeden Alters) in Erfüllung gehen könnten.

Solch pompös-albernes Marketing-­Gebläse ruft wohl nur noch bei wenigen ein Gefühl der Peinlichkeit hervor. Man hat sich daran gewöhnt, dass es in der Welt der Boulevardmedien von sogenannten „Schlagerlegenden“, „Bierkönigen“ oder „Fußballkaisern“ nur so wimmelt. Und wenn man in eine bestimmte Kneipe geht, ist das gleich „Kult“. Diese Welt hallt wider von einer marktschreierischen ­Superlativrhetorik und gebiert fortwährend Scheinriesen, die bei näherer Betrachtung allesamt zu infantilen Banalitäten schrumpfen. Es fehlt an weithin anerkannten gesellschaftlichen Maßstäben, mit denen sich Banales von Bedeutendem unterscheiden ließe.

Die Überproduktion von Promimassenware hat ihren Grund in der riesigen Nachfrage der vielen konkurrierenden Klatschblätter und Klatschsendungen (nicht nur) im Privatfernsehen – die Seiten und Sendezeiten müssen gefüllt werden. Die Welt des journalistischen Boulevard macht sich zunehmend selbst zum Thema und inszeniert Ereignisse, über die sie ja eigentlich nur berichten sollte, gleich selbst. So wird eine Klatschproduktionsanlage in Gang gesetzt, in die „Star“-Attrappen eingespeist werden, deren einzige Leistung es ist, dass über sie berichtet wird. Es ist eine Parallelwelt, die sich andauernd nur selbst bespiegelt.

Aber es müssen schon echte Tränen fließen, um den fälligen Authentizitätsbedarf zu decken. Das Publikum bekommt so Gelegenheit, sein Innenleben in Wallung zu bringen und für die Kandidaten solcher Shows mal probehalber Gefühle wie Sympathie, Mitleid, Hass oder Verachtung durchzuexerzieren. Diese Gefühle müssen sich echt anfühlen, aber dürfen zu nichts verpflichten. Freilich zieht sich das Medium verstärkt den versierten Zuschauer heran, der mit seinem routiniertem Zynismus schon weiß, welches Gefühl er hier ausleben will: Schadenfreude. Und das ohne schlechtes Gewissen: Schließlich wird niemand gezwungen, an diesen Demütigungs­ritualen teilzunehmen.

Während die Bedürfnislage des Publikums sich ja unmittelbar erschließt, bleibt es doch vielen ein Rätsel, warum sich so viele junge Leute freiwillig dem hohen ­Risiko der Lächerlichkeit aussetzen. Bei Interviews mit den Kandidaten wird immer wieder deutlich, wie wichtig es für sie ist, „ins Fernsehen zu kommen“, und dass sie den modischen Motivationshokuspokus mit seiner magischen Aufmunterungsparole „Du musst nur an dich glauben“ wortwörtlich nehmen. Mit der Folge, dass ihnen völlig absurde Selbsteinschätzungen unterlaufen.

Erstaunlich ist bei vielen Kandidaten, wie groß die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ist. Da wuchert pubertärer Größenwahn, als ob diese Jugendlichen in einem sozialen Niemandsland lebten. Es scheint niemanden zu geben, der dieser naiven Egomanie einen Spiegel vorhält und die Jugendlichen mit Maßstäben konfrontiert, die eine realistische Selbsteinschätzung ermöglichen.

Die soziale Wirklichkeit jedenfalls scheint vielen Jugendlichen nicht attraktiv genug zu sein, um sich in ihr und an ihr zu erproben und sie als Betätigungsfeld in Betracht zu ziehen. Jedenfalls bietet sie einer zunehmenden Zahl von Heranwachsenden offensichtlich zu wenig Gelegenheit, um stabile Identitäten auszubilden. Glaubensgemeinschaften und die Familien geben weniger Halt als früher, angesichts unserer sich dynamisch entwickelnden Arbeitswelt mit wechselnden „Jobs“ lässt sich, anders als früher, auch weniger Bestätigung aus dem Berufsstolz gewinnen. Zudem sehen viele ohnehin nur wenige reale Aufstiegschancen, weshalb bei diesen angestrengten Versuchen, zu ganz großem Ruhm zu kommen, Hoffnung und Verzweiflung kaum mehr zu unterscheiden sind.

Die Schwächung sozialer Beziehungen und Absicherungen geht in unserer Gesellschaft einher mit der Forderung, sich immer selbst als seines Glückes Schmied zu begreifen. Diese anspruchsvolle Devise trifft nun fatalerweise auf ganz reale Ohnmachtserfahrungen, die aus dem weitverbreiteten Gefühl der sozialen Vereinzelung, der Überforderung und Verunsicherung herrühren. So geraten nicht wenige, die sich dieser Forderung nach „Eigenverantwortlichkeit“ nicht gewachsen fühlen, in einen Selbstwertkonflikt, der viele zu irrationalen Auswegen verleitet, zu einer Flucht vor der realen Frustration in medial erzeugte und genährte Wunschphantasien.

Kein Wunder, dass der Aufdringlichkeit, mit der sich viele Anerkennung geradezu zu erzwingen versuchen, etwas Gewaltsames eignet. Während pöbelnde ­Jugendliche anderen mit Brutalität „Respekt“ abzunötigen versuchen, ertrotzen sich bei Bohlen Jugendliche Aufmerksamkeit, mit nichts anderem ausgestattet als dem brachialen Willen, sich unbedingt etwas Anerkennung zu verschaffen. In dieser Gesellschaft hat sich das Schamempfinden verlagert. Das Intimste vor Kameras oder im Internet zu offenbaren, seine innersten Gefühle, sexuellen Vorlieben oder seine Wunschträume, überhaupt sein Selbst ohne Scheu zu präsentieren – dafür müssen viele Menschen heute kaum noch Hemmschwellen überwinden.

Zudem zeigt der Erfolg von Dieter Bohlen, dass es auch keine gesellschaftlich anerkannten kulturellen Maßstäbe gibt, die primitive, auf die Befriedigung niedriger Instinkte zielende Unterhaltungsangebote als „minderwertig“ ausweisen könnten. Der Nimbus der Bildung hat in unserer Gesellschaft dramatisch abgenommen, und im Bereich der Medienangebote kann man sich mit Niveaumangel kaum mehr blamieren. Als Versagen gilt nur das Verfehlen von quantitativ messbarem Erfolg.

Wer gegen hohe Auflagen oder Quoten qualitative Maßstäbe, ein gehobenes kulturelles oder intellektuelles Niveau, einfordert, steht auf verlorenem Posten, gilt als Oberlehrer und Besserwisser, als arrogant und tendenziell undemokratisch. Insofern ist der zählbare Erfolg, auch wenn er gewisse intellektuelle Standards unterschreitet, die zentrale Norm unserer inoffiziellen Leitkultur geworden – dass die „Bild“-Zeitung den „Spiegel“ als Leitmedium abgelöst habe, wird in Debatten nicht mehr nur in ironischer Absicht festgestellt.

Freilich ist in der modernen, narzisstischen Gesellschaft eine andere Form von Scham allgegenwärtig: die Scham, ein Verlierer, ein Versager zu sein, der den Anforderungen nicht gewachsen ist. Wer sich nicht als ein „Nichts“ fühlen will, der kann sich hier mithilfe der Kamera seiner Existenz versichern: „Ich werde gesehen, also bin ich.“

Das treibt viele in eine paradoxe Situation. Sie tun alles, um sich Achtung (oder wenigstens Beachtung) zu sichern, und handeln sich dabei nur die Verachtung des Publikums ein. Sie wollen ihr Leben in die eigene Hand nehmen und werden doch nur zum Gegenstand des Gespötts. Aus den Träumen, die sie verwirklichen wollen, wachen sie am Pranger auf – als Versager.

Aber immerhin: Für das Selbstwertgefühl des Publikums tut Bohlen etwas. Er gibt jedem Zwerg die Gelegenheit, sich als Riese zu fühlen, wenn er auf andere herabsehen kann. Wer will, kann dieser Sendung einen aufklärerischen Kollateralnutzen zubilligen. Überzeugender ist diese „Du kannst alles schaffen, was du nur willst“-Ideologie bisher nicht widerlegt worden.

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