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Stellt seinen Lesern gern die Nackenhärchen auf: Stephen King, der aber auch lesenswerte Bücher ohne Monster geschrieben hat.

Stellt seinen Lesern gern die Nackenhärchen auf: Stephen King, der aber auch lesenswerte Bücher ohne Monster geschrieben hat.
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Kultur

Creepy Birthday, Stephen King!

Der Meister der fantastischen Literatur wird am Donnerstag (21. September) 70 Jahre alt. Und schreibt und schreibt und schreibt – weil er sein Kinderherz in einem Krug auf dem Schreibtisch stehen hat. Eine Würdigung.

Hannover. Hallo Stephen King,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Sie wissen ja, 70 ist das neue 50 und mit Sicherheit haben Sie auf dem Speicher eins jener Bilder stehen, die an Stelle ihres Besitzers altern. Wenn nicht: Ihre Rose Madder könnte ihnen bestimmt so eins malen, die Frau versteht sich auf magische Gemälde, wir haben es in Ihrem Roman „Das Bild“ gelesen. Nein, es war keins von den allzu guten Büchern. Ziemlich wirr sogar und konstruiert, ehrlich gesagt, und gefühlt 300 Seiten zu lang. Als hätten sich Ihre Lektoren nicht mehr recht an Sie herangetraut damals. Zu berühmt. Unantastbar.

„Friedhof der Kuscheltiere“ hat uns richtig Angst gemacht

Danke Stephen King, Sie haben uns so über alle Maßen erschreckt all die 43 Jahre lang, haben süßes Grauen in unsere nüchterne Wirklichkeit sickern lassen. In unsere Welt, in der zuvor unsere größte Sorge gewesen war, dass der Pizzateig nicht aufgeht und die zweitgrößte, dass man mal eine Folge von „Raumschiff Enterprise“ verpasst. Als in „Friedhof der Kuscheltiere“ die Katze der Creeds von den Toten zurückkehrte, stinkend, voller Erde und übernatürlich fauchend, machten wir erstmal das Licht aus, um nicht weiter lesen zu müssen. Als ein paar Seiten weiter der trauernde Vater Louis Creed dann auch noch wider besseren Wissens sein Söhnchen Gage auf dem Wiederauferstehungsfriedhof begraben wollte, wären wir am liebsten reingesprungen in die Seiten, um ihn davon abzuhalten.

Und dann erst dieser fiese Clown Pennywise in „Es“, der ab nächsten Donnerstag wieder im Kino seine gelben Augen auf die Kinder von Derry richtet. Kommt er auf der Leinwand vielleicht etwas zaudernd rüber, war er zwischen den broschierten roten Buchdeckeln Ihres Tausendseiters einer, der unsere komplette Körperbehaarung stramm und steil stellte. Unvergesslich die Szene, in der dem Jungen auf dem zugefrorenen Kenduskeag River fast zu spät dämmerte, dass mit dem bunten Typen auf dem Eis etwas nicht stimmte, dass sein Bündel Luftballons nämlich gegen die Windrichtung stand und unter der lustigen Maske etwas Schwarzes und Böses amorph rumorte.

Das Böse hält höchstens mal kurz die Luft an

Wenn die Schultern des Monsters im Schrank Ihrer kindlichen Helden dann doch nur alte Decken waren, die Bernsteinaugen bloß dem zerliebten Teddybär gehört hatten, die von den Eltern angeknipste Kinderzimmerlampe alles Spielzeug am angestammten Platz fand und Mama des Nachtmahrs Spinnweb mit beruhigenden Worten weggewischt hatte, dann hatte das Böse in Ihren Büchern in Wirklichkeit nur mal kurz die Luft angehalten. Sobald das Licht wieder erlöschte, war es zurück, hörte der kleine Tad Trenton in „Cujo“ die Scharniere seines Kleiderschranks leise quietschen. „Ich habe dir doch gesagt, dass sie gehen würden“, ließen Sie das Biest flüstern, „das tun sie am Ende immer.“ Sie haben immer dieselben Tricks angewandt, Stephen King, eigentlich eine Schande, dass Sie uns damit auch immer wieder gekriegt haben.

Auch mit den kleinen, obskuren Geschichten. Über den mordenden „Wäschemangler“ (da kam Ihr ganzer Hass gegen Ihren ersten Job in der Großwäscherei durch!) oder über den hungrigen Schatten im Cascade Lake, der die vier abendlichen Schwimmer, die ihren Camaro am Strand geparkt hatten, nicht mehr von dem im See verankerten „Floß“ ließ. Oder über den „Nebel“, der Ungeheuer aus einer anderen Welt in die verschlafene Welt um den Long Lake spülte. In Neuenglands Städten und Städtchen haben Sie dem Horror, der in den Jahrhunderten zuvor an wildromantische Schauplätze gebannt war, ein modernes Zuhause geschaffen. Selbst der abgetakelte Vampir überwand bei Ihnen seine transsylvanische Gebirgsadeligen-Rückständigkeit, lustwandelte in Supermärkten und machte– nachzulesen in der Kurzgeschichte „Nachtflieger“ – gar seinen Pilotenschein. Wow!

Von guten und von schlechten Seiten

Die Kritiker haben Sie genervt, Ihnen all die Preise missgönnt, voran den begehrten „National Book Award“. Sie haben Ihnen sämtliche literarischen Todsünden vorgeworfen, Ihre Leser Dummköpfe gescholten. Und, naja, in manchem hatten sie recht. Sie sind tatsächlich rührselig. Selbst „Es“, Ihr unheimlichstes Buch, haben Sie mit einem sentimentalen Epilog verwässert. Und dann war da diese Schreibphase nach der sadistischen Affäre der Krankenschwester mit ihrem bettlägerigen Lieblingsschriftsteller in „Sie“, in der Sie selbst Shortest Storys zu Wälzern aufbrezelten. „Tommyknockers“, die Geschichte einer Frau, die über ein Metallstück stolpert und ein riesiges Raumschiff ausgräbt, hätte ein mutiger Lektor um die Hälfte gekürzt. Oder gleich in die Tonne geworfen. „Die Augen des Drachen“ und „Der Werwolf von Tarker Mills“ hinterdrein.

In der Waagschale gegenüber liegen Ihre bildreiche Sprache, Ihr Humor, Ihre feinen Charakterskizzen. Ihr Buchpersonal ist reichhaltig und lebensecht – man vergleiche sie spaßeshalber mit den dürren Schablonen der alten Horror-Konkurrenten Dean Koontz und Clive Barker. Sie schildern unangenehm anschaulich – die Arthritis von Polly Chalmers in „In einer kleinen Stadt“ etwa glaubte man in den eigenen Fingern zu spüren. Chapeau!

Schreiben Sie auch heute am Geburtstag wieder 2000 Wörter Minimum wie sonst? Und worüber? Sie haben mal gesagt, das Geheimnis Ihres anhaltenden Erfolgs sei, dass Sie sich Ihr Kinderherz bewahrt und es sich in einem Krug auf den Schreibtisch gestellt hätten. Wir haben das auch, Ihre Millionen Leser. Wir sind nach wie vor fasziniert von den durchlässigen Spiegeln zu den Schattenwelten, wo biologische und physikalische Gesetzmäßigkeiten aufgehoben sind. Wo das Monster nächtens Einlass begehrt und man am Morgen nach dem Albtraum merkwürdige Kratzer an der Haustür findet …

Die Schar der illustren Gratulanten

Wer sich heute alles angesagt hat: Fünf von den glorreichen Sieben aus „Es“. Dann Gordon, Chris, Teddy und Vern, die vier Jungs aus „Die Leiche“ (das viele aus der Verfilmung „Stand by Me“ kennen). Ihr einstiger Schriftstellerkollege Jack Torrance natürlich, der immer noch Hausmeister im Overlook Hotel ist und bis heute nicht begreifen will, dass er die Sehergabe des „Shining“ besitzt wie sein Sohn. Und Susan, die damals wirklich nichts von dem Eimer Schweineblut wusste, den sie beim Frühlingsball über die arme „Carrie“ auskippen wollten. Johnny Smith kommt auch, der die Welt in „Dead Zone“ vor einem fürchterlichen Präsidenten bewahrt hat und der so einen komischen Glanz in den Augen hat, wenn er davon spricht, er würde „heute mehr gebraucht denn je.“

Wenn heute ein dicker Bernhardiner bei Ihnen auf die Wiese pinkelt – das ist nicht „Cujo“, keine Angst, sondern sein Ur-Ur-Urenkel Pablo. Und, nein, der feuerrote Plymouth Fury an der Ecke ist kein Geschenk. Das ist tatsächlich die leibhaftige „Christine“ mit ihren sexy Heckflossen – und Sie sollten besser nicht einsteigen, nach dem, was Sie allesüber sie geschrieben haben. Sie wartet auf Sie, sie ist immer noch ein extrem rachsüchtiges Miststück. Pennywise? Hoffentlich bleibt der dem Fest fern.

Lieber Stephen King, lassen Sie sich unbedingt von Rose Madder malen. Dann klappt’s auch die nächsten 70 Jahre mit Büchern!

Creepy Birthday!

Von Matthias Halbig / RND


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