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Nachrichten Kultur Comic „Das Parlament“: 45 Leben für die Politik
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16:56 03.04.2019
Streiter für Demokratie: Die Parlamentarier im Buch des Comic-Künstlers Simon Schwartz (Bildausschnitt). Quelle: Avant Verlag
Berlin

So wie auf dem Titelbild vor der Silhouette des Berliner Reichstagsgebäudes haben sie natürlich nie beieinander gesessen: Clara Zetkin ragt hinter dem wuchtigen Turban von August Giacomo Jochmus hervor. Hildegard Hamm-Brücher, Rudolf Virchow und Petra Kelly mit dem Peace-Zeichen am Revers füllen die Bank in der Mitte. Und unter dem Schriftzug „Dem Deutschen Volk“ blickt streng durch blaue Brillengläser Ludwig Windthorst, Abgeordneter in Hannover, als Hannover noch ein Königreich war.

Zeiten, Ziele und Charakter trennen sie, aber sie eint ihr Einsatz für die Demokratie, ihre Aufgabe als Parlamentarier in wechselnden Häusern auf deutschem Boden von der Frankfurter Paulskirche bis zur Berliner Volkskammer der DDR und dem Bonner Bundestag der BRD zwischen 1848 und 1990. In „Das Parlament. 45 Leben für die Demokratie“ hat der Hamburger Comic-Künstler Simon Schwartz Persönlichkeiten aus eineinhalb Jahrhunderten deutscher Parlamentsgeschichte zusammengetragen. Ein Auftragswerk des Kunstbeirats des Deutschen Bundestags, das im Avant Verlag erscheint und seine Premiere feiert im Rahmen der Comic-Ausstellungseröffnung in der Abgeordnetenlobby des Reichstaggebäudes. Schwartz’ kompakte Porträts sind dort bis 31. August zu sehen.

Parlamentarier-Comic: Weg vom Klischee

„Ein Ritterschlag für die Kunstform Comic in Deutschland“, sagt Schwartz, der auch auf die ironische Note des Vorgangs hinweist. Am selben Ort verabschiedete das Parlament der Weimarer Republik 1926 ein Gesetz gegen sogenannte „Schund- und Schmutzschriften“, das den Comic generell kritisch beäugte. Das Gesetz wurde später in beiden deutschen Staaten aufgegriffen und bildet die Grundlage für die seit 1954 existierende Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Ein Western-Comic aus den USA wurde als eines der ersten Medien indiziert.

In der Folge übten Verlage immer wieder Selbstzensur. Und Roger Willemsen sah sich veranlasst, die Prüfstelle als „Pharisäervereinigung der Kolle-Jahre“ zu bezeichnen. Später schrieb Willemsen das Buch „Das Hohe Haus“ über sein Jahr als Parlamentsbeobachter – und kam zu dem Schluss, dass das Parlament entgegen allen Klischees funktioniere.

Weg vom Klischee bewegt sich auch Schwartz’ Comic. „Parlamentarismus ist ein immerwährender Kampf und keine Selbstverständlichkeit“, sagt Schwartz. In diesem Geist hat er seine Auswahl getroffen und überwiegend herausragende Persönlichkeiten im Dienst einer freien, demokratischen Gesellschaft versammelt.

Eine Seite pro Parlamentarier

Pro Seite ein Parlamentarier: Diesem Rahmen ordnet sich der Comic-Autor unter, der von „extremer Reduktion“ und „Spotlights“ spricht. Umfassende Biografien verbietet das Format zwangsläufig, was den Künstler herausfordert, weil es nicht ausreicht, in Text gefasste Lebensabschnitte zu illustrieren. Es geht darum, über das Bild eine zusätzliche Bedeutungsebene zu liefern – was oft mit atmosphärischer Farbgebung gelingt oder mit raffiniertem Panel-Design.

Bei Victor Klemperer etwa kracht ein Hakenkreuz von oben ins Bild auf ein überdimensioniertes „T“ im Schriftzug „LTI“, was wiederum für „Lingua Tertii Imperii“ steht, sein 1947 veröffentlichtes Werk, das die Instrumentalisierung der Sprache durch die Nazis untersucht.

Rudolf Virchow ist eher als Wissenschaftler, Arzt und Begründer der modernen Pathologie im Gedächtnis. Schwartz zeichnet ihn in den Querschnitt eines menschlichen Kopfes – und legt zeitgleich dessen politische Karriere offen. Was mit einiger Komik einhergeht, wenn der zornbebende Bismarck Virchow 1865 zum Duell forderte, der aber solcherlei Firlefanz mit einer Handbewegung ablehnt und sich lieber seiner Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“ widmet, mit der er vor 150 an die Öffentlichkeit ging.

Der Comic dokumentiert die mühsam erkämpfte Freiheit

Solcherlei Details gräbt Schwartz aus und macht Lust aufs Weiterlesen. Historische Querverbindungen entstehen. Mit dem Zentrums-Politiker Ludwig Windthorst, Justizminister im Königreich Hannover, später Abgeordneter des Reichstages des Norddeutschen Bundes, taucht ein weiterer erbitterter Bismarck-Gegner auf.

Gemessen am Zeitraum von eineinhalb Jahrhunderten stehen die 45 Miniaturen des Parlament-Panoptikums etwas vereinzelt nebeneinander. Aber die punktuellen Einblicke zeigen, wie mühsam Freiheiten erkämpft wurden, die wir heute für selbstverständlich erachten.

Kein pädagogischer Ansatz?

Und zufällig fällt der Comic in eine Zeit, in der das britische Unterhaus im Brexit-Chaos die Initiative an sich reißt. Das Image vom Abnick-Gremium von Parteiinteressen erhält eine kleine Korrektur. Ob auch der Comic mit seinem Blick auf Überzeugungstäter, unnachgiebige Widerständler oder schillernde Individualisten wie den politischen Weltenbummler August Giacomo Jochmus dazu beiträgt?

„Einen pädagogischen Ansatz habe ich nicht“, sagt Schwartz. Er weiß aber, dass seine Werke immer wieder der politischen Bildungsarbeit dienen. Sein autobiografischer Comic „Drüben!“ über die Ausreise aus der DDR seiner Eltern wird in manchen Bundesländern im Unterricht behandelt. Für die Stasi-Gedenkstätte seiner Geburtsstadt Erfurt hat er ein großformatiges Zeitstrahl-Wimmelbild der Wende verfasst – von dem Gedenkstättenleiter Jochen Voit schwärmt, dass er dort mit Schulklassen locker eine halbe Stunde diskutieren könne. In der Ausstellung „Das Parlament“ dürfte das ebenfalls gelingen. Gerade weil Schwartz auf eine belehrende Attitüde verzichtet, unerwartete Details einfängt und sogar einen fiktiven Abgeordneten ins Buch schmuggelt.

Weitere Informationen

Info: Simon Schwartz: Das Parlament – Ausstellung in der Reichstags-Abgeordnetenlobby, vom 4. April 2019 bis 31. August 2019; zugänglich während der Kunstführungen. Weitere Informationen gibt es hier. Der Comic „Das Parlament – 45 Jahre für die Demokratie“ ist beim Avant-Verlag erschienen.

Von Dimo Rieß

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