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Kultur Chris Tall übt den Tabubruch
Nachrichten Kultur Chris Tall übt den Tabubruch
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16:12 05.11.2017
Für ihn läuft’s rund: Christ Tall füllt mit seiner Comedy inzwischen die ganz großen Hallen, so auch am Sonnabend die Swiss-Life-Hall. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

In der zweiten Reihe sitzen tatsächlich ein Kevin und eine Jaqueline, ein Paar. Kann man nicht besser erfinden. Ein gefundenes Fressen für Chris Tall – „Hey, die Flodders sind in Hannover“, freut der Comedian sich in der Swiss-Life-Hall. Kevin und Jaqueline lachen herzlich; was bleibt ihnen übrig?

„Selfie von Mutti!“ ist der Name seines Programms – der 26-jährige Hamburger wurde mit Witzen über technikdoofe Eltern bekannt. Doch „Darf er das?“ ist der eigentliche Leitspruch – der ziert das Merchandising, das Chris Tall an all seine Opfer verteilt, und ist zugleich Titel seiner notorischsten Nummer. Da forderte er, ein Mittelstandskind mit Wohlstandsbauch, dass man auch Minderheiten Witze machen dürfe, aus Gründen der Gleichberechtigung. Denn: „Wir Deutschen müssen mehr über uns selber lachen“. Also: auch über Schwarze, Schwule, Behinderte ...

Seitdem füllt Chris Tall auch die ganz großen Säle. 200 Stationen umfasst die Tour; der Auftritt vor 4000 Menschen in der ausverkauften Swiss-Life-Hall ist der vorletzte. Und so zieht der 26-Jährige auch an diesem Abend durch: „Sind Rollstuhlfahrer da? Mal kurz aufstehen!“ „Du heißt Klaus? Das ist in Polen ein Befehl.“

Humor im deutschen Herbst 2017. Darf er das? Und, vor allem: Muss er das? Immerhin: Wenn Nazis da seien, mögen die doch rausgehen, die wolle er nicht hier haben, versichert er glaubhaft. Nun gut, aber da kann auch die „Ich bin zwar kein Nazi, aber ...“-Fraktion sitzen bleiben.

Es ist ein seltsamer Ritt: Schlüpfrigkeiten aus den Jugendzimmern der Republik („da bekommt der Begriff Selfiestick eine ganz neue Bedeutung“) und kalkulierten Tabubrüchen, Hannover-Lob und Publikumsbeschimpfung, Ein Marvin, 13 Jahre alt und viel zu jung für all die Zoten, wird zu einem Running Gag des Abends, ebenso dessen Mutter Tanja, einer ausgemachten „Milf“ – eine „Mum I’d like to Fußballspielen“.

Und dann kommt – „kennste, kennste, kennste?“ – eine ziemlich gute Mario-Barth-Parodie und zum Schluss die große Geste der Verbrüderung: dass man nett zueinander sein solle, dass Familie das Wichtigste sei und Eltern doch ganz cool. Und die Krönung des Abends habe es eh kurz vor dem Auftritt gegeben, aufs Smartphone: ein Selfie von Mutti.

Ein Interview mit Chris Tall finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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