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© Katrin Ribbe

Interview-Theater

Chaostage mit Ohrstöpseln auf der Cumberland-Bühne

Ach, wenn doch jedes Scheitern eines Theaterabends so interessant verliefe wie die Uraufführung von „Chaostage – der Ausverkauf geht weiter“! In der Cumberland-Raumbühne spielten sich geniale Szenen ab, leider muss das Publikum bei den kommenden Aufführungen auf die genialsten verzichten.

Hannover. Doch der Reihe nach. Regisseurin Ulrike Günther hat für das Staatsschauspiel zum zweiten Mal ein „Re­cherche-Projekt“ an den Start gebracht – das erste hieß „Bis hierher lief’s noch ganz gut“ und handelte von Hannovers Problemvierteln, nun bildeten die hiesigen Chaostage den Ausgangspunkt, die in den 80er und 90er Jahren heftige Auseinandersetzungen zwischen Punks und Polizisten mit sich brachten.

Günther hat Punks von damals und heute interviewt, das Themenspektrum aber weiter gefasst – es geht auch in anderer Hinsicht um Selbstbestimmung, um Ausbruch aus den Normen. Nichtsdestotrotz wird das Publikum mit brachialem Schlagzeugdonner begrüßt: Während man sich einen Platz auf einer der Tribünen um die dreieckige Bühne sucht, brettert Tim Golla drauflos, was das Zeug hält. Dankenswerterweise sind sofort hilfreiche Hände mit dem Verteilen von Ohrenstöpseln beschäftigt – Golla wird in der Folge durchaus einen gewissen Variationsreichtum an den Tag legen, laut bleibt er allerdings fast durchweg.

Geht es hier um Theater oder ums richtige Leben? Jedenfalls eliminiert sich gleich zu Beginn Maximilian Grünewalds lapidare Be­hauptung, er und die anderen Akteure seien Punks, durch die Intonation umgehend selbst. Auch im weiteren Verlauf sorgt gerade Grünewald für schöne Störfeuer, wenn er etwa zum unpassendsten Zeitpunkt die Staatsschauspiel-Aktion „Zypressen für Nicaragua“ anpreist. Und dann gibt es die Biografien. Wieder Grünewald erzählt von den ewig zugedröhnten Teenagern in Coburg, Anke Stedingk zeigt das Dilemma der ungeliebten Jugendlichen, die weder „Ballett-Mädchen“ noch „Pferde-Mädchen“ ist.

Wolf List, 62 Jahre jung, schildert, wie die Initiative Einzelner weitreichende Folgen haben kann: So verhinderte der russische Oberst Stanislaw Petrow 1983 höchstwahrscheinlich den Dritten Weltkrieg, als er einen vermeintlichen Raketenangriff der USA zu Recht als Fehlalarm einstufte. Zwischen alledem wird viel geraucht, getrunken und Liedgut wie „Sich fügen heißt lügen“ angestimmt.

Berichtet wird auch von Karl Nagel, einer zentralen Figur im Zusammenhang mit den Chaostagen und der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands. Nun ist eben dieser Karl Nagel bei der Premiere als Berichterstatter für den Deutschlandfunk persönlich anwesend, und Janko Kahles Versuche, ihn ins Geschehen zu integrieren, stoßen auf Granit.

Schon zuvor hatte Nagel sein Gesicht kummervoll in den Händen vergraben, nun lässt er den Schauspieler wissen, dass die Theaterszenen mit Punk ja nun mal gar nichts zu tun hätten und er nicht daran dächte, an dieser Stelle etwas zu etwaigen Hintergründen beizusteuern. Kahle wird angegrabscht und verwahrt sich dagegen. Später flammt das Scharmützel noch einmal auf, und in manchen Momenten ist der Dialog in Hinblick auf das „So tun, als ob“ im Theater erhellender als ein komplettes Uni-Seminar.

Durch all das ist so etwas wie echte Anarchie eingekehrt. Die Inszenierung bekommt einige Schräglage, die Souffleuse mehr zu tun als allgemein üblich. Und mit der Verlesung einer – übrigens höflich formulierten – Mail, in der Karl Nagel im Vorfeld eine Mitarbeit abgelehnt hatte, endet ein Abend, der in dieser Form nie wiederkehren wird.

Jörg Worat


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