Navigation:
Hinterfragt:

Hinterfragt:

Interview

Carolin Emcke über das A und B der Demokratie

„ABC der Demokratie“ heißt eine neue Gesprächsreihe in Cumberland. Die Publizistin Carolin Emcke lädt sich dazu Gäste ein. Ein Interview.

Hannover. A wie Amerika, B wie Bild, C wie Chronik – die Publizistin Carolin Emcke (50) Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, will die Demokratie durchbuchstabieren: Sie moderiert und kuratiert in Cumberland die Reihe „ABC der Demokratie“. Im Interview erklärt sie, warum das nötig ist.

Warum ist es heute notwendig, das Thema Demokratie durchzubuchstabieren?

In den letzten Jahren sind in vielen Ländern Europas, aber auch außerhalb Europas, soziale Bewegungen und politische Partei erstarkt, die mit ihren Parolen und Programmen demokratische Institutionen anfeinden und unterwandern. Die Prinzipien einer säkularen, modernen Gesellschaft, die durch Religionsfreiheit, Gewaltenteilung und einen Rechtsstaat garantiert sind, lehnen sie vielfach ab. Die Attraktivität einer demokratischen Gesellschaft wird oftmals gar nicht mehr erkannt. Deswegen denke ich, muss wieder ausbuchstabiert werden, was das heißt: eine Demokratie. Man muss sie wieder auffüllen mit Erfahrungen und Geschichten, man muss sie hörbar und fühlbar machen für diejenigen, für die sie nur ein abstrakter Begriff oder eine selbstverständliche Normalität geworden ist.

Welchen Erklärungsbedarf gibt es?

Mein Eindruck ist, dass es nicht mehr reicht, zu sagen: die Demokratie ist existenziell. Es reicht nicht mehr, sich auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu berufen. Das wirkt zunehmend hohl und leer. Es ist in Vergessenheit geraten, dass eine Demokratie ein offener, mühsamer, sich stetig neu erprobender Lernprozess ist. Und dazu gehört eine Bereitschaft, die eigenen Erfahrungen, die eigenen Überzeugungen, die eigene politischen Begrifflichkeit auch immer wieder zu befragen.

Und für wen ?

Für uns alle. Demokratie wird von allen gemacht. Von Eltern und Lehrerinnen, von Rentnern und Studentinnen, von Erziehern und Lehrerinnen, von Filmemachern und Schauspielerinnen. Wir alle verhandeln, bewusst oder unbewusst, jeden Tag die Art und Weise, wie wir miteinander leben wollen. Indem wir eine Sprache etablieren, in der über „Fremde“ oder „Alte“ gesprochen wird, in dem wir Bilder und Geschichten erzählen und weiterreichen, in denen unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit oder vom guten Leben vermittelt wird, indem wir entscheiden, was zu unserem Erbe oder zum kulturellen Kanon gehört, welche Personen darin vorkommen und welche nicht, welche Erinnerungen geschwiegen und welche in eine Chronik aufgenommen werden. Wir alle erzeugen miteinander eine demokratische Kultur.

Besteht bei so einer Veranstaltung nicht die Gefahr, dass man ausschließlich vor bereits Bekehrten spricht?

Ich liebe diese These. Das ist so eine Mode-Erscheinung, sich über das eigene Publikum zu beklagen - als sei es nie genug, als seien immer die, die nicht anwesend sind, die, die man eigentlich erreichen müsste. Bei diesen Gesprächen geht es gar nicht ums „Bekehren“. Es geht ums gemeinsame Nachdenken, darum, etwas zu lernen, von Menschen aus anderen Disziplinen, anderen Regionen der Welt, Menschen, die etwas mitbringen zu uns: ihre Erfahrung, ihr Wissen, eine Geschichte, wie ein Gewürz. Es soll bereichern. Nicht belehren.

Wie haben Sie die jeweiligen Themen ausgesucht?

Die Themen sind natürlich eine Auswahl, die idiosynkratisch ist. Zu jedem Buchstaben hätten sich auch eine Vielzahl an anderen Möglichkeiten ergeben. Aber es ging zunächst einmal darum, zu zeigen, welche systematischen, politischen, sozialen, kulturellen Fragen hängen denn an der Demokratie, oder an welchen Beispielen lassen sich das Unbehagen, die Schmerzen an der Demokratie der Gegenwart besonders gut zeigen. Amerika – Bild – Chronik – Demokratie und Emotion … das schien uns für das erste Jahr eine aufregende Mischung.

Und wie haben Sie die Gesprächspartner gewählt?

Da waren wir sehr ehrgeizig. Wir haben schon versucht, zu den Themen oder Ideen und Begriffen die relevantesten, originellsten oder erfahrensten Gesprächsparterinnen zu gewinnen. Teju Cole zu Amerika ist für mich persönlich ein Traum. Es gibt niemanden, mit dem ich lieber gesprochen hätte zu diesem Thema.

Mehr Informationen gibt es hier.

Von Stefan Gohlisch


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von den Obike-Leihfahrrädern in Hannovers City?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie