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Kultur Barocke Sommernächte in Herrenhausen
Nachrichten Kultur Barocke Sommernächte in Herrenhausen
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13:36 12.08.2018
Lady Gaga der Klassik: Susanne Kermes singt im Gartentheater. Quelle: Fotos: Wallmüller
Hannover

Vor kurzem noch kaum vorstellbar, dass solche Worte in diesem Sommer jemals geäußert werden könnten: Es hätten ein paar Grad mehr sein können. Zumindest für die Besucher der Herrenhäuser Barockkonzerte, die feststellen mussten, dass es just an diesen beiden Abenden draußen im Gartentheater doch schon etwas frischer wurde. Was indes nicht so viel ausmachte – die Darbietungen waren bestens dafür geeignet, für innerliche Wärme zu sorgen.

Zweimal eine bekannte Sopranistin, zweimal die renommierte Lautten Compagney Berlin, doch Konzerte von ganz unterschiedlichem Charakter: Abnutzungserscheinungen blieben gewiss aus. Zunächst wurden im Programm „Birds“ die Vogelwelten beschworen, und die realen Herrenhäuser Piepmätze verfolgten von hoch oben, was sich diese sonderbaren Menschen diesmal hatten einfallen lassen.

Das war eine ganze Menge, inklusive Extravaganzen wie Jean-Philippe Rameaus lautmalerischer Hühner-Skizze und Telemanns „Trauer-Music eines kunsterfahrenen Canarienvogels“. Da durfte Sängerin Dorothee Mields besonders groß auftrumpfen und fügte ihrer bekannt leichten Stimmführung ein weiteres Register hinzu – bei der Beschimpfung von Gevatter Tod fauchte sie, als gelte es, dem Sensenmann jeden Knochen einzeln zu brechen.

Blockflötist Stefan Temmingh hatte vor allem bei Vivaldi einige magische Momente, und wenn auch die Verstärkeranlage im ersten Teil nicht immer optimal ausbalanciert klang – bei diesen Bedingungen tatsächlich keine leichte Übung –, war‘s ein richtig schöner Abend, der mit der Telemann-Zugabe „Mein Vergnügen wird sich fügen“ endete.

Rund 300 Besucher waren dabei, tags darauf kamen noch 150 mehr zu Simone Kermes. Im schulterfreien Kleid und mit silbernen Glitzerschuhen betrat die Sopranistin die Bühne, um mit einem Händel-Programm zu zeigen, wie sie sich den Beinamen „Lady Gaga der Klassik“ erarbeitet hat. Schon der Auftakt bewies Wandlungsfähigkeit: Zuerst rief Kermes als Armida die schrecklichen Furien herbei, um anschließend als Cleopatra herzzerreißend den Himmel um Erlösung anzuflehen.

Solche Stimmungsumschwünge brachte die Sängerin bei Bedarf binnen Sekunden zustande, schmetterte zwischendurch die abenteuerlichsten Koloraturen, und schickte das Publikum mit einer dann doch etwas übertriebenen Ansage in die Pause: „Jetzt gibt‘s wahrscheinlich einen Grog.“ Kermes selbst jedenfalls ließ auch im zweiten Teil, nunmehr mit bedeckten Schultern, nicht locker: Ob man gemerkt habe, dass „Morirò, ma vendicata“ eine Rache-Arie gewesen sei? Man hatte.

Die Lautten Compagney war bei alledem weit mehr als nur kompetente Begleitung, wie sie nicht zuletzt in den gesangsfreien Nummern bewies: Das Arrangement von Purcells „Hornpipe“ etwa driftete schon in Richtung Klezmer.

Große Begeisterung am Ende eines vielleicht etwas überlangen Konzerts. Und in den Zugabenblock schmuggelte Kermes, ohne mit der Wimper zu zucken, Gershwins „The Man I Love“.

Von Jörg Worat

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