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Anständig: Axel Hacke

Anständig: Axel Hacke
© 2015 Thomas Dashuber

Interview

Axel Hacke über den Anstand in schwierigen Zeiten

Anstand – ein nahezu altmodisches Wort und eine Tugend, die verloren zu gehen droht: Sie ist das Thema im neuen Buch des Publizisten Axel Hacke. Wir sprachen mit ihm über den Wert von Werten in Zeiten der AfD.

Hannover. Vielleicht ist es das Buch der Stunde: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Ein Interview mit dem Publizisten Axel Hacke.

Nach diesem Wahlsonntag kann man den Eindruck bekommen, dass dieses Land – oder zumindest ein Teil seiner Einwohner – sich vom Anstand losgesagt haben. Ist das so?

Das würde ich jetzt mal nicht übertreiben! Dieses Land sowieso nicht, das besteht in seiner ganz großen Mehrheit selbstverständlich aus sehr anständigen Menschen. Und ein Teil seiner Einwohner? Leute wie Gauland, Höcke und Konsorten sind Rechtsextreme, die sich von einem gewissen menschlichen Anstand schon länger verabschiedet haben. Von dieser Sorte gibt es eine Menge bei der AfD. Aber die meisten AfD-Wähler haben ja nicht für die gestimmt, weil sie diese Partei so toll finden, sondern weil sie den anderen Parteien, vor allem der Union und der SPD, mal einen Denkzettel mitgeben wollten. Was man aber schon im Wahlkampf sehen konnte, ist eine gewisse Verrohung, die man auch sonst in der Gesellschaft sieht. Man kann jeden Politiker selbstverständlich kritisieren, aber was sich die Kanzlerin an übelsten Beleidigungen anhören musste, war nur noch unanständig. Von solchen Dingen können Ihnen übrigens auch viele einfache Polizisten, Schaffner, Krankenwagenfahrer erzählen.

Wäre nicht spätestens jetzt der Zeitpunkt für einen, um mit Gerhard Schröder zu sprechen, „Aufstand der Anständigen“?

Wie gesagt: Es handelt sich bei diesen Leuten um eine Minderheit, da braucht es keinen Aufstand, sondern eine ruhige, vernünftige und vor allem dauerhafte Auseinandersetzung. Es ist schon richtig, immer wieder Zeichen zu setzen, dass wir so etwas nicht wollen, das fehlte ja in Dresden zum Beispiel, aber in München gab es das immer wieder. Aufstand – das klingt mir zu hysterisch, da macht man drei Tage lang einen Aufstand, dann ist das wieder vorbei. Was wir brauchen, sind Haltung und Engagement – und das dauerhaft. Man muss wissen, wofür man steht, und das muss man vertreten, klar und deutlich und ruhig. Wir beschäftigen uns zu oft mit irgendwelchen Sprüchen von AfD-Politikern und zu wenig mit dem, was wir selbst wollen.

Wie begegnet man jenen, die jeden Anstand vermissen lassen, mit Anstand?

Jedenfalls nicht, indem man sich auf ihr Niveau begibt. Mit Feindseligkeit und Pöbelei können die Leute ganz gut umgehen, das kennen sie ja gut von sich selbst. Bringt gar nichts, wenn man sich darauf einlässt, außer dass sich alles noch mehr verhärtet. Viele Leute, die jetzt AfD gewählt haben, haben die Erfahrung gemacht, dass man sich für sie nicht interessiert, dass sie Politikern und großen Teilen der Gesellschaft einfach egal sind, und da ist bisweilen auch was Wahres dran. Mir hat gerade einer aus Rosenheim geschrieben, der saß im Sommer 2015 auf dem Weg zur Arbeit in München jeden Morgen in einem Zug mit Flüchtlingen, und das waren, schrieb er, vorwiegend junge Männer, keineswegs nur Familien mit kleinen Kindern. Das fand der jetzt nicht nur toll, aber wenn er das anderen erzählt hat, war er immer gleich der Nazi. Das ist der aber nicht. Der hat nur Angst – und die kann man ja nicht einfach weg reden. Der Mann hat jetzt AfD gewählt, weil er das Gefühl hat: Außer denen hört mir keiner zu. Also, der Mann ging mich erst mal wütend an, aber wenigstens sind wir ins Gespräch gekommen.

Und wo sind die Grenzen?

Mit Rechtsradikalen müssen sie nicht reden, das hat sowieso keinen Sinn, dazu sind die zu abgebrüht. Man muss schon sehr deutlich machen, wofür man selbst ist, aber nicht im Duktus so eines selbstgefälligen Moralisierens, den sich manche angewöhnt haben, sondern mit etwas mehr Offenheit für andere Lebenserfahrungen.

Für jene, die – eine Schande, ich weiß – Ihr Buch noch nicht gelesen haben: Wie definieren Sie anständig?

Mir geht es jedenfalls nicht darum, dass man Messer und Gabel richtig hält und seiner Frau in den Mantel hilft. Kann nicht schaden, ist aber nicht mein Thema. Mir geht es um eine grundsätzliche Solidarität mit anderen Menschen, um die Erkenntnis, dass wir alle ein Schicksal teilen, es geht um Respekt, Interesse, Neugier, Zugewandtheit, um den Versuch, zu verstehen, um Anerkennung, Rücksicht, Wohlwollen, Freundlichkeit.

Sie zitieren den großen Moralisten Erich Kästner damit, dass man den Menschen nicht gut, sondern nur besser machen könne. Wie soll das gelingen?

Das gelingt schon ziemlich lange ziemlich gut. Wir tragen alle noch einiges vom Steinzeitmenschen in uns, das sieht man ja bei jedem Fußballspiel. Aber wir haben das ritualisiert und zivilisiert und leben jetzt, zum Beispiel, schon seit mehr als 70 Jahren in einem friedlichen Europa, das über Jahrhunderte eine Ort des Blutvergießens, der Seuchen und anderer Schrecklichkeiten war. Wenn das kein Fortschritt ist ...

Viel dreht sich bei Ihnen auch um eine entsolidarisierte Gesellschaft. Wo ist sie falsch abgebogen?

Wir leben in Zeiten, die wie gemacht sind für jene, die offen sind für alles Neue, die risikofreudig sind, die Welt entdecken möchten, denen Sicherheit nicht alles bedeutet. Das ist ja auch toll, aber es gibt nun mal ein sehr menschliches Bedürfnis nach Sicherheit, Aufgehobensein, Stabilität. Leuten, die das brauchen, macht die Welt gerade auch Angst, und wenn wir ehrlich sind, sind die meisten von uns ein bisschen überfordert mit dem, was alles so passiert, und zwar ohne dass wir da groß Einfluss darauf hätten: Globalisierung, die Revolution unserer Kommunikationsmittel, der Verlust vieler Gewissheiten. Es wäre schon gut, wenn das nicht jeder allein für sich bewältigen müsste, sondern wir das gemeinsam schaffen. Wir haben vor Jahren zum Beispiel die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt, keiner muss mehr zur Bundeswehr, der es nicht will. Warum haben wir das nicht ersetzt durch ein verpflichtendes soziales Jahr für alle jungen Leute? Wo ist der Gedanke, dass man einer Gemeinschaft nur angehören kann, wenn man wenigstens einmal im Leben ein Opfer für sie bringt? Die Antwort ist: Das war uns nicht so wichtig. Und das ist ein Problem.

Ihr Freund, mit dem Sie im Buch Zwiesprache halten, sagt einmal: „Wir wissen zu viel“. Gibt es das überhaupt, ein Zuviel an Wissen?

Wir wissen zu viel Kleinkram, und es fehlt uns an Einordnung. Man wird durch das Internet bombardiert mit immer neuen Dingen, gleichzeitig fehlt einem die Zeit, das zu sortieren, zu bewerten, Das habe ich gemeint. Man kann nie genug wissen, aber man muss das Gewusste auch verarbeiten. Dazu braucht man Zeit und eine Haltung. Die Zeit muss man sich nehmen, die Haltung muss man entwickeln. Das ist eine Aufgabe, aber ich glaube, es muss einem auch erst mal klar werden, dass jeder von uns diese Aufgabe hat.

In Ihrem Buch ist viel die Rede von den Vereinfachern im Internet oder in der Politik. Ist unsere Welt zu kompliziert geworden?

Was hätte es für einen Sinn, das zu beklagen? Die Welt ist, wie sie ist, wir müssen mit ihr umgehen, und das tun wir ja auch. Ich glaube aber, dass man dazu eine Vision braucht, ein Ziel und damit auch eine gewisse Begeisterung. Die Populisten bieten den Menschen dazu eine Geschichte an, sie sagen: Wir müssen uns zurückziehen auf uns selbst, auf das Nationale, wir müssen die Türen dicht machen, America First, schließt Großbritannien für die Fremden, wir wollen unser Land zurück. Das führt in die Irre, das wissen wir, und das sehen wir in den USA und in Großbritannien schon. Es ist den Leuten aber erst mal egal, weil ihnen diese Geschichte so gut gefällt, eine einfache, leicht verständliche Geschichte, die ihren Gefühlen entspricht. Wenn man dagegen antreten will, muss man schon selbst etwas zu erzählen haben darüber, wie man sich die Zukunft vorstellt.

Ist Anstand, dieser Grundkonsens an Werten, nicht eigentlich das Einfachste der Welt?

Eigentlich ja, aber man muss es wollen. Man muss eine Entscheidung dafür treffen, und das muss jeder für sich tun, das nimmt einem keiner ab. Und man muss es jeden Tag neu tun.

Buch und Lesung

Es geht um Respekt, um Rücksichtnahme und Freundlichkeit, manchmal auch um die einfache Formel: „Was du nicht willst, was man dir tut ...“ Es geht, kurzum, um Anstand, nicht im Sinne von guten Sitte, sondern um einen gesellschaftlichen Konsens an Werten für das Miteinander, das dieser Gesellschaft und dieser Zeit ein wenig verloren gegangen zu sein scheint. „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ schreibt Axel Hacke (61, „Der weiße Neger Wumbaba“) in seinem neuen, kulturkritischen Buch (Kunstmann, 192 Seiten, 18 Euro). Es ist ein Augen- und Herzensöffner.

Axel Hacke liest am 12. Oktober im Pavillon. Eintritt: 15 bis 25 Euro.

Von Stefan Gohlisch


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