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Kultur Arme Ritter: Sandra Hüller brilliert als Parzival
Nachrichten Kultur Arme Ritter: Sandra Hüller brilliert als Parzival
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16:29 17.01.2010
Von Rainer Wagner
Die vielfach ausgezeichnete Theater- und Filmschauspielerin Sandra Hüller (rechts) steht als "Parzival" auf der Bühne. Quelle: lni

Der Mann hat doch schon genug zu leiden. Er ist der Held eines monumentalen Versromans und eines kaum weniger groß angelegten Bühnenweihfestspiels. Und doch wird Parzival/Parsifal immer wieder neu erfunden. Vor sechs Jahren brachte das hannoversche Staatsschauspiel eine Bühnenfassung von Adolf Muschgs Roman „Parzival. Der rote Ritter“ heraus. Vor einem halben Jahr widmeten ihm die hiesigen Schauspielstudenten der Musikhochschule einen Theaterabend, der zwar „Fragment Parzival“ hieß, aber doch etwas länglich geriet. Und jetzt wird die Geschichte erneut im Schauspielhaus erzählt. Diesmal vom Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss, der – unter anderem – Träger des hannoverschen Gerrit-Engelke-Literatur-Preises ist.

Der fleißige Autor, der von den Kritikern der Fachzeitschrift „Theater heute“ 2003 zum Nachwuchsdramatiker und 2005 zum Dramatiker des Jahres gewählt wurde, ist ein gewiefter Praktiker. Er weiß, wie man holzschnittartig Szenen Kontur gibt. Er hat mit der Axt aus Wolfram von Eschenbachs 24812 Verse jene Handlungsbalken herausgehauen, die uns Parzival als Sinnsucher zeigen. Die Vorgeschichte bleibt ebenso weg wie die Parallelwelt des Artusritters Gawain, hinter dessen Abenteuer der mittelalterliche Dichter Wolfram die Bewusstwerdung Parzivals versteckt (der kehrt irgendwann verblüffend geläutert in die Handlung zurück). Dass Parzival zwischen seinen beiden Gralsburgbesuchen schnell mal Zwillinge zeugt (einer davon ist Loherangrin, der später als Lohengrin Opernkarriere machen wird), ist auch Bärfuss nicht weiter wichtig.

Seine Geschichte beginnt in der Einöde, in die Mutter Herzeloyde geflohen ist, damit ihr Sohn Parzival nichts mitbekommt von der Welt – und schon gar keine Sehnsucht entwickelt, diese zu erobern. Sein Vater hat es vorgemacht und ist daran gestorben. Nicht ohne Parzival einen Halbbruder zu bescheren, aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Im hannoverschen Schauspielhaus ist die Einöde vorzugsweise leer. Reinhild Blaschke hat den Bühnenraum mit zwei versetzt ansteigenden Flächen bebaut und die Wände mit einem Material ausgekleidet, das an ein Marmorimitat aus Holz erinnert. Hier räsonieren zwei Bauern über die Blödheit des Knaben Parzival. Doch der ist nicht dumm, er weiß nur nichts. Woher auch, wenn ihm keiner die Welt erklärt.

Mutter Herzeloyde wird von Andreas Schlager gespielt (fast alle Akteure haben mehrere Rollen), das signalisiert schon, dass Hausherr Lars-Ole Walburg auf Distanz setzt. Die hat mehr mit romantischer Ironie als mit Parodie zu tun. Das passt zur Textfassung, die zumindest in der ersten Hälfte auf lakonischen Wortwitz setzt.

Geriet vor sechs Jahren die theatralische Nacherzählung dieser Geschichte noch grell, laut und plakativ, so fällt sie diesmal gebrochener aus. Das wird schon beim Auftritt Parzivals augenscheinlich. Sandra Hüller betritt die Bühne splitterfasernackt (wenn man von einem Hirschgeweih als Kopfbedeckung absieht). Aber sie bewegt sich so selbstverständlich, als trüge sie einen schützenden Mantel der Unschuld. Wenig später gibt die Mutter Parzival einen „Kissenanzug“ und eine Narrenkappe (Kostüme:Kathrin Krumbein) mit auf den Weg, doch auch diese wunderliche Aufmachung hindert ihn nicht, die Welt zu erobern.

Lars-Ole Walburgs Inszenierung setzt Marker ins Geschehen. Bildchriffren, die für das Ganze stehen. Und die doch absichtsvoll vage bleiben, so wie die zirpende bis klöppelnde Musik, die Tomek Kloczynski beisteuert. Die Herren Ritter sind nicht weit entfernt von der Karikatur, die spätestens seit Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“ (zu) nahe liegt, aber Walburg genügt die Andeutung, dass die Tafelrunde vorzugsweise von Rittern der traurigen Gestalt bevölkert wird. König Artus (Aljoscha Stadelmann) bewirft den roten Ritter Ither (Philippe Goos) mit Weintrauben, aber weil er oft daneben trifft, landen etliche im Zuschauerraum – in heutigen Theaterzeiten ist die erste Besucherreihe immer eine Gefahrenzone.

Für das Leiden Anfortas‘ (Andreas Schlager) hat Walburg ebenso einen bildhaften Einfall wie für die Reifeprüfung Parzivals. Wie Sandra Hüller mit dem Riesenschwert hantiert, das zeigt auch, wie Parzival als Ritter und Retter ge- und überfordert ist und dann doch zur Erkenntnis findet.

Ganz fair sind die Vorwürfe gegen ihn samt Cundries Fluch (von Veronika Avraham herausgeschleudert) ja nicht. Erst fragt der tumbe Thor den Leuten ein Loch in den Bauch, dann wird er ermahnt, nicht so viel zu fragen. Und als er prompt den kranken Anfortas nicht nach seinem Leiden ausforscht, ist es auch wieder nicht recht.
Aber sie kommt ja doch noch, die entscheidende Frage: „Was fehlt euch?“ Damit endet der pausenlos zweistündige Theaterabend. Ein bisschen sang- und klanglos, weshalb das Publikum eher zögernd einen Schlussstrich ziehen wollte.

Das war vielleicht die angemessene Reaktion auf einen Theaterabend, der forsch und frech und pointiert beginnt und dann ebenso wie der Theatertext sich daran abarbeitet, die Geschichte zu Ende zu erzählen. So ganz hält die Spannung dann aber doch nicht an, auch Bärfuss‘ Text verliert ein bisschen an Griffigkeit.

Sehenswert ist der Abend schon wegen der stimmigen Ensembleleistung. Und natürlich wegen Sandra Hüller, die im hannoverschen Schauspielhaus Neugier auf arme Ritter weckt. Das Mitgefühl, das Parzival erst lernen muss, das ruft sie mit ihren ersten Sätzen ab. Entsprechender Beifall – auch für das Produktionsteam und Lukas Bärfuss. Er wird wohl nicht der letzte Nachdichter dieser Geschichte bleiben.

Nächste Vorstellungen: 19., 26. und 30. Januar.

Mehr Infos im Internet unter:Schauspielhaus Hannover

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