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Kultur Argentinien macht die Buchmesse entspannt
Nachrichten Kultur Argentinien macht die Buchmesse entspannt
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16:25 08.10.2010
Die Frankfurter Buchmesse überwältigt den Besucher mit Wänden aus Dichtung und Co.

VON EVELYN BEYER

FRANKFURT. Einen Auftritt hat man wohl bewusst auch vorher abgehakt, bei Thilo Sarrazin gestern wars zwar voll rund ums „Blaue Sfa“, aber kein Massen-Run, Fachpublikum hat anderes im Sinn. Moderatorin Annette Riedel begründete taktvoll mit einem Zitat, warum sie das Buch für taktlos hält, lange gings um Sarrazins Idee einer Gebärprämie für junge, gebildete Frauen, und sonst gab der Autor mal wieder den Provokateuer: „Wenn es uns und unsere Nachfahren in Deutschland nicht mehr gibt, kann es uns egal sein, ob es hier 40 oder 50 Grad ist“, so sein Standpunkt zur Klimakatastrophe. Zwischenrufe wurden besänftigt, am Ende große Erleichterung bei den Verantworlichen, dass alles glimpflich verlaufen war.

Überhaupt ist die Buchmesse trotz des schon üblichen Publikumsplus gefühlt sehr entspannt, nach dem anstrengenden Partnerland China im Vorjahr. Argentinien zeigt sich völlig unaufgeregt, es setzt ganz auf viele Bücherstände in Halle fünf und die übliche Präsentation im Forum. Dort hat man eine Art Irrgarten gebaut, aus Stellwänden, Schaukästen und großen Stoffbahnen.

Labyrinthe seien ein häufiges Motiv der argentinischen Literatur, heißt es, doch beim Durchgang kommen auch andere Assoziationen: Hier sucht ein Land im Irrgarten seiner Vergangenheit sich selbst.

Neue technologische Errungenschaften wie eine Jacke mit Ipod-Steuerung im Ärmel, die Tagebücher des aus Argentinien stammenden Revolutionärs Che Guevara, ein in Argentinien gefundener Dino-Schädel, ein altes Grammophon für den Tango: alles wird angesprochen; natürlich und vor allem aber die Militärdiktatur 1976 bis 1983.

Wie konnte der Terror der Diktatur Normalität werden? In vielen Büchern wird das auf erzählerisch sehr hohem Niveau erforscht. Zum Beispiel in „Sittenlehre“, den Martín Kohan auf der Buchmesse vorstellt. Er ist aus der Sicht einer Lehrerin erzählt, die zur Diktaturzeit Zucht, Ordnung und Schrecken an ihrer Schule verbreitet, während ihr eigener Körper ihr aus den Fugen gerät, sie sich in Sexfantasien verstrickt.

Während der Finanzkrise ist auch das Verlagswesen des Landes zusammengebrochen, jetzt rappelt man sich wieder auf in Argentinien. Junge, unabhängige Verlage konnten in der Lücke wachsen – und die tauschen sich hier gern mit den deutschen Kleinverlagen aus.

Die sind wieder zu Hauf vertreten: „Familientreffen hier, wie Weihnachten,“, sagt Dietrich zu Klampen vom Zu Klampen-Verlag aus der Nähe Hannovers. Feiern kann er auch, vor allem aber muss er „verhandeln, verhandeln, verhandeln“. Für die Krimis der Niedersachsen-Reihe möchte er die Sachbuch-Lizenz verkaufen, Interessenten gibt es schon.

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