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Kultur Alligatoah rappt zwischen den Stühlen
Nachrichten Kultur Alligatoah rappt zwischen den Stühlen
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16:05 12.09.2018
Ein Schelm: Alligatoah. Quelle: Norman Z
Hannover

Manchmal helfen nur „Schlaftablettenm, Rotwein“ – nun veröffentlicht Deutschlands ungewöhnlichster Rapper, Lukas Strobel (28) alias Alligatoah, sein fünftes Mixtape, das so betitelt ist. Ein Interview über Rollenspiel als Mittel der Wahrheit.

Es gibt ein neues Alligatoah-Album – wer hat es gemacht: Lukas Strobel, Kaliba 69, DJ Deagle oder irgendein anderes Alter Ego?

Darüber lässt sich streiten. Über alles lässt sich streiten. Auch darüber, ob es ein Album oder Mixtape ist. Früher, mit 16, habe ich dieses „Rotwein, Schlaftabletten“-Reihe Mixtape genannt, einfach weil ich es nicht besser wusste. Ich dachte halt, ein Album hat ein Konzept, und ein Mixtape hat kein Konzept. Von der Mühe und dem Aufwand her, die dahinterstecken, gibt es keinen Unterschied.

Zumal die zumindest scheinbare Konzeptlosigkeit doch sowieso ein Alligatoah-Konzept ist ...

Genau, es ist auf diesen „Schlaftabletten, Rotwein“-Alben nur noch ein bisschen extremer, von sehr tiefgründigen Themen bis zu sehr albernen.

Die Crux an all der Rollenprosa, die sie betreiben, ist, dass man nie genau weiß, was ernst gemeint ist und was nicht. Ist das gewünscht?

Ich glaube, bei diesem Album ein ich noch einen Schritt weiter gegangen. Wenn man die ganze Zeit einen Nazi darstellt und man weiß, wir sind alle gegen Nazis ... Das war mir irgendwann zu plump. Deswegen bin ich jetzt an Themen rangegangen, denen ich selbst ambivalent gegenüberstehe, der freien Liebe zum Beispiel, die ich in meinem Hippie-Dasein für ein tolles Konzept halte, die aber, wenn man sie überspitzt darstellt, auch einige unangenehme Effekte hat ...

... was zu Zeilen führt wie „Ich weiß jetzt, du bist glücklich, weil ich ständig Herpes krieg’“?

Genau. Das sind die Brüche, mit denen ich gerne spiele; dass man romantische Gedanken mit der schwitzigen Realität konfrontiert.

Wie nahe an Ihnen ist denn so ein Lied wie „Meinungsfrei“, wo Sie dem Linksrock und dem Rechtsrock den Mitterock gegenüberstellen?

Wie in jedem Lied ist es nicht hundertprozentig Lukas, weil ich immer überspitze. „Meinungsfrei“ ist fast eine Parodie auf mich selbst, weil ich nämlich immer zu vermitteln versuche, zwischen den Stühlen stehe und schlichte zwischen den Gruppen. Was natürlich problematisch ist, weil man, wenn man den Gedanken weiterspinnt, in die Identitätslosigkeit abdriftet.

Sehen Sie im Vermittler auch Ihre Rolle als Künstler?

Ich glaube, dass dieses Vermitteln nicht nur in meinem Wesen, sondern auch tief in diesem Projekt Alligatoah verankert ist. Indem ich ständig Rollen von Figuren annehme, die zum Teil auch radikale Ansichten haben, ist letztlich auch der Versuch, Verständnis zu schaffen, die Leute einzuladen, auch mal aus einer anderen Perspektive auf die Welt zu schauen.

Wo hört Ihr Verständnis auf?

Am Beispiel von Chemnitz kann man das ja schön sehen, wo eben auch gesagt wurde: Es geht hier nicht um den Kampf von Links gegen Rechts, sondern es geht um Menschlichkeit oder nicht. Wenn Menschen durch die Straßen gehetzt werden, muss man sich dagegenstellen, egal aus welcher politischen Richtung man kommt.

Sie haben eben gesagt, Sie seien in Ihrem Herzen ein Hippie. Woher kommt das?

Das liegt vielleicht auch an meinem familiären Umfeld. Meine Eltern kommen aus der Alt-68er-Generation, Vater Schauspieler, Mutter Tänzerin, also eine Künstler, vielleicht auch Öko-Familie. Was bedeutet, dass meine Rebellion in die andere Richtung ausgefallen ist und solche Sachen wie freie Liebe in Frage stellen. Dennoch habe ich diese beiden Seiten in mir und lasse sie gerne aufeinandertreffen.

Wie spielt da Ihre ländliche Sozialisation hinein?

Naja, das Blumenkind, das zwischen Blumen sitzend auf der Gitarre spielt. das bin auch durchaus ich. Ich merke heute noch, dass meine Kreativität am stärksten ist, wenn ich Grün um mich habe.

Andere Menschen, die auf dem Land aufgewachsen sind, denken im Rückblick eher an die Fahrten auf dem Traktor und das erste Mofa ...

Zu denen gehöre ich nicht. Ich war keiner von denen, die mit 16 ihren Roller getunt haben und coole Tribals und Flammen draufgemacht haben. Für mich gehört zum Landleben eher, dass man schon mit 14 mit Korn und anderem harten Alkohol bekannt gemacht wurde. Zu lernen, dass Alkoholismus ein fester Teil der deutschen Gesellschaft ist.

Und weil das heute noch so ist, machen Sie einen Song über „Ein Problem mit Alkohol“?

Womöglich.

Zum ersten Song „Alli-Alligatoah“ haben Sie ein Nicht-Video gedreht, das in der Natur beginnt und endet und bei dem zwischendurch nichts zu sehen , weil angeblich der Zuschauer die Augen schließt. Warum?

Das kann man auch verschiedene Weisen verstehen. Natürlich als geniales Konzept, an dem wochenlang herumgebastelt wurde. Oder auch als Notlösung eines in der Release-Phase eines überforderten Künstlers, der am liebsten zu jedem seiner Lieder ein Video drehen würde.

Dafür gab es einen sehr aufwendigen Album-Teaser voller Alter Egos. Er endet mit der Frage: „Was ist, wenn wir nicht real sind, sondern alle nur die verschiedenen Persönlichkeiten eines Wahnsinnigen?“ Was wäre denn dann?

Wenn wir alle nur Metaphern wären, alle nur Synapsen eines großen Gehirns und alle miteinander verknüpft, das ist doch eine schöne Vorstellung. Natürlich steckt aber auch der Wunsch dahinter, das Konzept des Albums – nämlich das Nichtkonzept auf den Punkt zu bringen: eine Reihe von wahnwitzigen Bildern, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben – aber (raunend): Vielleicht ja doch ...

Lassen Sie uns noch kurz über die Musik reden: Da klingt diesmal viel alternatives Zeig aus den 90ern heraus.

Wobei ich mit Nu Metal großgeworden bin, zwischen Slipknot und System of a Down.n. Ich habe nicht wie die meisten Leute um mich herum die Ärzte oder die Hosen gehört. Auf jeden Fall habe ich mich jetzt zum ersten Mal getraut, diese Einflüsse zur Geltung kommen zu lassen.

War es wohltuend?

Es hat sehr viel Spaß gemacht, war aber auch mit einer gewissen Überwindung verbunden, weil diese Musik für mich fast ein Heiliger Gral ist. Darum hatte ich eine gewisse Scheu, das anzufassen. Und ich wollte nicht nur etwas reproduzieren. Darum habe ich das verbunden mit klassischen Sachen aus dem Alligatoah-Kosmos. Ich wollte, dass es kein Abklatsch wird, kein Klamauk und erst recht keine Parodie auf diese Musik, die ich sehr liebe.

Bei Inhalten ist Ihnen also relativ wenig heilig, aber für Musik gilt das nicht?

Genau. Musik ist nun einmal etwas sehr Emotionales. man verbindet sie mit Erinnerungen, mit Kindheit, dem Großwerden. Auch da habe ich keine Scheu, es zu vermischen. Aber ich möchte schon klarstellen, dass ich es ernst meine.

Wie wird all das auf der Bühne aussehen?

Ich habe schon eine Bühnenshow gemalt, auf Papier erstmal nur und beobachte, wie sich meine Bühnenbauer die Haare raufen und versuchen, das umzusetzen, weil es relativ komplex wird. Es wird meine wahrscheinlich gigantischste Show. Und wenn sie das nicht wird und ich im Januar nur vor einer weißen Wand stehe, weiß man, dass ich gescheitert bin.

Alligatoah live: am 24. Januar in der Swiss-Life-Hall. Mehr Informationen finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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