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Superstar aus Schwaben: Philipp Poisel ist nach wenigen Monaten schon wieder in Hannover – und füllt die ganz große Halle.

Superstar aus Schwaben: Philipp Poisel ist nach wenigen Monaten schon wieder in Hannover – und füllt die ganz große Halle.
 © Fotos: Franson

Konzert

9000 Fans feiern Philipp Poisel in der Tui-Arena

Wuschelfrisur mit Sehnsucht: Philipp Poisel begeisterte am Dienstagabend 9000 Fans in der Tui-Arena.

Hannover.  „Erkläre mir die Liebe“, singt der Mann, und es klingt nach echter Verzweiflung: „Ich hab sie immer schon verloren.“ Er trägt Schlabberkleidung und eine Wuschelfrisur, wie sie sich Britpopper einst von den Hobbits abgeguckt haben, und von der Bühne der Tui-Arena und wieder zurück schwappt geballtes Gefühl. Denn was Philipp Poisel, dieser unwahrscheinlichste Star unter den deutschen Pop-Liedermachern, liefert, ist gerade eines: eine Liebeserklärung in zweieinhalb Stunden Konzert.

Linkisch hat er die Bühne betreten, hat sich noch einmal den Kopf gekratzt und sich ans Mikrofon gestellt, als wolle er sich dahinter verstecken. Doch was er hier präsentiert, ist groß, ganz groß. Jedes Lied wird mit eigenen Bilderwelten illus­triert: Weltstadt-Skylines und Winterlandschaften, Highways in Vektorgrafik und Scherenschnitt-Orient – High-Tech-Leinwänden und wie selbst gesägten Kulissen sei Dank. Plus Hochzeitsgesellschaft, Flowerpower-Bulli und zu „Als gäb’s kein Morgen mehr“ einen ausgewachsenen Rave mit Konfettikanonen.

Eine vierköpfige Band hat er dabei, ein Streicherquartett und als Begleitsängerinnen die wunderbare, sehr schöne, sehr runde, sehr schwangere Alin Coem. Wenn er spricht, und das ist selten, spricht er von Dingen wie Hingabe. Darum geht’s.

Und da ist noch der gewaltige Laufsteg, der in die Tiefe der Halle führt. „Bis ans Ende der Hölle“, singen sie da zum Beispiel, von Fackelschein umflort.

Poisel hat sich rargemacht und wertvoll. Schätze entstehen nicht im Akkord. Sechs Jahre liegen zwischen seinem aktuellen Album „Mein Amerika“ und dem Vorgänger „Bis nach Toulouse“. In Hannover war er zuletzt im Sommer 2013, beim NDR-2-Plaza-Festival zwischen Seeed, Bosse und Hurts, wohl eher ein Irrtum. Bei seinem Konzert in der Swiss-Life-Hall wenige Monate zuvor waren 4000 Menschen da. Jetzt sind es 9000.

Das war nicht unbedingt zu erwarten von dem heute 33-jährigen Schwaben: das Chorsingen aufgegeben wegen anhaltender Kritik an seiner Stimme, die Lehrer-Karriere gescheitert, weil er die Aufnahmeprüfung im Fach Musik nicht schaffte, Straßenmusiker quer durch Europa. Dann aber: der Vertrag mit dem Label Grönland von Herbert Grönemeyer (mit dem er sich das Herauspressen der Silben teilt), Achtungserfolg mit dem Debüt „Wo fängt der Himmel“ an, Top-Ten-Platzierungen, immer größere Hallen.

Einer, dem man auch eine solche Karriere wünschen kann, ist der Leipziger Lothar Robert Hansen alias Lot, der das Vorprogramm bestreitet: urbaner Pop, eine Stimme irgendwo zwischen frühem Udo Lindenberg und Rio Reiser und kluge Texte: „An wen sollen wir glauben, wenn nicht an uns?“, fragt er. Dieser Abend ist auch eine große Selbstbestätigung dafür, dass es ein Leben gibt jenseits des Hochglanzes.

„Könnt ich einen einzigen Tag nur in meinem Leben dir gefallen“, singt Poisel. „Wie soll ein Mensch das ertragen“ heißt das Lied? Wie nur? Indem man es lebt. Lieber Gefühle, die wehtun, als gar keine. „Auch wenn das Leben manchmal traurig ist, bin ich froh, dabei zu sein“, singt er. Das sind keine abgeschriebenen Phrasen aus abgeschauten Lebensphasen wie sonst so oft im Deutschpop, alles hier klingt wahrhaft und tief empfunden.

Poisel singt über Sehnsuchtsorte und vergangene Premieren („Zum ersten Mal Nintendo“, mit laufenden Tetrissteinen und Poisel auf Rollschuhen) – „nichts davon kehrt je zurück“. Das Sehnen geht in die Ferne, verloren in Raum und Zeit. Doch das Gefühl ist jetzt und hier und echt. Und so entsteht auch in der Anonymität der Mehrzweckhalle ein nahezu intimes Konzert, das berührt und beglückt. Wie sich das anfühlt? Es könnte Liebe sein.

Von Stefan Gohlisch

Hannover TUI-Arena

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