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Mensch-Hannover Wim Wenders: „Beten ist produktiv“
Menschen Mensch-Hannover Wim Wenders: „Beten ist produktiv“
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16:55 12.06.2018
Weltpremiere: Wim Wenders stellte beim 71. Filmfestival in Cannes seinen Film vor. Quelle: dpa
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Herr Wenders, was glauben Sie: Warum haben der Vatikan und der Papst ausgerechnet Sie ausgesucht, um diesen Film zu machen?

Sehen Sie: Da haben wir uns dasselbe gefragt. Es stellte sich heraus, dass Monsignore Dario Viganò, Präfekt des Sekretariats für Kommunikation, Filmwissenschaftler war, meine Filme gut kannte und sich also etwas dabei gedacht hatte, mich zuerst zu fragen. Er hatte sicherlich noch weitere Ideen auf seinem Zettel. Aber als sich herausstellte, dass der Vatikan keinen Film über den Papst produzieren wollte, sondern dass ich selbst einen Film entwickeln könnte, der dann auch unabhängig finanziert und produziert werden müsste, habe ich die Anregung angenommen. Für einen „Auftragsfilm“ hätte ich nicht zur Verfügung gestanden.

Sie haben sich mit dem Produzenten David Rosier 50 Fragen überlegt, die Sie Papst Franziskus gestellt haben. Es sollten Fragen sein, die viele Menschen stellen würden – haben Sie Familie und Freunde gebeten, Ideen einzureichen?

Wir haben alle nur erdenklichen Fragen gesammelt, und ja, auch von Menschen aus aller Welt stellen lassen, sowohl von bekannten als auch unbekannten Zeitgenossen. Aber dann wurde deutlich: Das werden zu viele „talking heads“, und jeder Fragesteller zieht auch Aufmerksamkeit auf sich selber. Und weil ich letzten Endes auch keinen Interviewfilm machen wollte, auch keinen Film über den Papst, sondern mit dem Papst, habe ich dann die gesammelten Fragen selbst gestellt, aber so, dass ich als Fragesteller nicht vorkomme.

Gab es nicht gestattete Fragen?

Die gab es nicht. Ich habe nur von mir aus die eine oder andere weggelassen, weil Papst Franziskus viele Fragen so ausführlich beantwortet hat, dass andere damit schon beantwortet waren. Aber nein: Es gab keinerlei Zensur.

Für die filmische Umsetzung seiner Antworten haben Sie sich ein spannendes Mittel einfallen lassen – er schaut direkt in die Kamera und so in die Augen des Zuschauers.

Das mit Abstand interessanteste an dem ganzen Vorschlag war von Anfang an der unmittelbare Zugang zu Papst Franziskus selber. Und als ich mir vorgestellt habe, dass ich ihm also Auge in Auge gegenübersitzen könnte, mit einer Kamera, stundenlang, war mir klar, dass ich eben dieses Privileg mit den Zuschauern teilen wollte! Bei einem gewöhnlichen Interview schaut der Gefragte aber an der Kamera vorbei und blickt den Fragenden an. Genau da sollte meine Kamera sein, in dieser Blickachse, so dass der Papst jedem in die Augen sähe. Und dafür gab es eine Technik.

Die wie funktioniert?

Stellen Sie sich das vor wie einen umfunktionierten Teleprompter, wie ihn jeder Nachrichtensprecher benutzt. Nur dass darauf kein Text stünde, natürlich nicht, sondern mein Gesicht als die lebendige Frage zu sehen war. Indem Papst Franziskus mich angeschaut hat und mir direkt geantwortet hat, redet er jetzt also Auge in Auge mit jedem Zuschauer.

Wie nah ist der Mann an den Themen, die Menschen wie Sie und mich bewegen, eigentlich dran?

Ich hänge mich jetzt mal zum Fenster raus: Er ist näher dran an dem, was die Menschen heute bewegt, als alle Politiker und „Volksvertreter“, die ich kenne. Und das betrifft die gesamte Komplexität unseres heutigen Lebens, von so „profanen“ Themen wie, dass wir alle das Zuhören verlernen oder keine Zeit mehr für die einfachsten menschlichen Dinge haben, bis hin zu unseren Sorgen um die Umwelt und die Klimakatastrophe. Das betrifft soziale Fragen wie das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich oder das Ausgrenzen so vieler Menschen, die vom Wachstum ausgeschlossen sind bis hin zu geistlichen und spirituellen Fragen.

Warum sollten sich Menschen, die nicht an Gott glauben oder der Kirche kritisch gegenüberstehen, ausgerechnet diesen Film anschauen?

Weil der Film auch für sie gemacht ist. Der richtet sich nicht per se an Katholiken oder Christen, sondern an alle Menschen. Sowohl solche „guten Willens“ als auch diejenigen, die sich heute die Frage stellen, wem man überhaupt noch zuhören oder Vertrauen schenken kann. Unsere „World Leader“ haben sich doch in großem Stil von jeder moralischen Verpflichtung abgemeldet. Oder denken, dass sie ohnehin außerhalb jeglicher moralischen Verpflichtung stehen. Aber hier redet einer, der keine Industrie hinter sich hat, keine Partei, kein Programm, keine Interessen – nein, auch nicht die der katholischen Kirche – sondern dem es ausschließlich um das Allgemeinwohl geht.

Wie haben Zuschauer bisher reagiert?

Ich habe hartgesottene Leute, durchaus auch Atheisten, Rotz und Tränen heulen sehen in diesem Film. Man kann sich dem emotionell kaum entziehen, in wie einfache Worte der Papst unser Dilemma fasst, dass wir in einer Welt leben, die wir uns in vielerlei Hinsicht anders und besser wünschen. Nur traut sich niemand mehr, diese Utopie zu benennen, auch wenn sie in alle unsere Verfassungen eingeschrieben ist als: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Haben sich der Film, die Begegnungen mit dem Papst, irgendwie auf Ihr Leben ausgewirkt?

Im Schneideraum hat der Papst ja lange genug auf mich eingeredet: „Heute ist es wirklich so, dass wir ständig aufs Gaspedal treten. Wenn wir unser Leben nur auf der Überholspur leben, vergessen wir unsere menschlichsten Gesten. Wir sind keine Maschinen.“ Für einen bekennenden Workaholic, der viel Kraft aus seiner Arbeit zieht – aber dafür habe ich auch keine anderen Laster – hat das Konsequenzen, aber wie! Und auch seine Aufforderung, mit weniger auszukommen, habe ich ernstgenommen.

Wann haben Sie zuletzt gebetet?

Heute morgen. Beten ist produktiv und hilft einem, zu sich zu kommen. Es hilft ohnehin mehr als einer denken mag, dem Beten fremd ist. Allerdings tue ich das eher meditativ und nicht so sehr in Form vorgefasster Gebete. Das ist mir schon als Kind schwer gefallen. Heute bete ich viel in meinen eigenen Worten, wenn ich überhaupt Worte verwende.

„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ läuft Donnerstag in den Kinos an. Mittwoch stellt Wim Wenders ihn im Astor (Nikolaistraße 8) persönlich vor. Um 20 Uhr ist Start (Tickets: elf Euro), nach Filmende können Besucher dem Regisseur im Saal Fragen stellen.

Von Mirjana Cvjetkovic

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