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Das Foto entstand in Lerwick, Schottland.

Das Foto entstand in Lerwick, Schottland.
 © wigald

NP-Interview

Wigald Boning über sein Leben im Zelt

Irre Idee: Wigald Boning (50) verbrachte 204 Nächte im Zelt. Über seine Erfahrungen sprach der Comedian mit der NP, außerdem hat er über das Abenteuer ein Buch geschrieben.

Hannover.  Freitag liest Wigald Boning bei Decius, Marktstraße 52, ab 20 Uhr. Eintritt: 15 Euro.

Herr Boning, haben Sie als Kind auch schon gerne gezeltet?

Oh ja! Alle Kinder zelten doch gerne, oder nicht? An meinen ersten Schultag kann ich mich zum Beispiel nicht erinnern, sehr wohl aber an die erste Nacht im Zelt.

Die wie gewesen ist?

Unerhört spannend. Da war ich so sechs Jahre alt und habe mit Anja am Ende der Sackgasse die Nacht im Zelt verbracht. In der Nacht wurde es uns dann doch zu merkwürdig und wir sind nach Hause gegangen (lacht). Ich weiß auch noch genau, wie das Zelt ausgesehen hat – es war so ein orangefarbenes, das einer Hundehütte ähnelte.

Wie kommt man als Erwachsener auf die Idee, so lange zu zelten?

Es war mir im August einfach zu heiß, da bin ich eben raus. Es zeichnete sich sehr schnell ab, dass das eine ganz spannende Sache wäre zu schauen, wie lange das Draußenschlafen denn geht.

 
Wo überall haben Sie denn in den 204 Nächten von August bis in den März übernachtet?

An ganz vielen Orten. Allein die Tatsache, dass ich im Mittelkreis des Weserstadions geschlafen habe – dafür haben sich die schlafarmen Nächte schon gelohnt. Das war vor einem Spiel gegen den HSV und ich bin noch nie von so vielen Männern mit neidischen Blicken bedacht worden (lacht). Ansonsten waren Privatgärten und Parkanlagen dabei, Strände, und unterm Gipfelkreuz habe ich auch gezeltet. An den merkwürdigsten Orten. Im Nachhinein ein wirklich spannendes Experiment.

Um was herauszufinden?

Dass man sich daran schnell ge­wöhnen kann. Nach drei Monaten war es Alltag. Und die gleiche Zeit hat es gedauert, sich wieder an ein Haus zu gewöhnen. Es braucht wohl immer drei Monate: Letzten Freitag schlief ich draußen und fand es echt unbequem.

War das Zelten im Winter nicht besonders hart?

Nee, das war gar nicht so herausfordernd. Ordnung im Rucksack zu halten, war viel wichtiger. Wenn man nämlich in der Dunkelheit sein Zelt aufbauen will und man nicht das findet, was man braucht, kann das einen in den Wahnsinn treiben. Gerade dann, wenn man so ein Schussel ist, wie ich es bin. Da ist überbordende Logistik gefragt.

Was haben Sie aus dieser Zeit für sich mitgenommen?

Das man immer aussortieren sollte, was geht. Ich schmeiße viel leichter weg als früher. Ich habe gelernt: Im Zelt könnte man das ganze Leben verbringen. Das feste Haus für das Überleben wird jedenfalls überschätzt. Es ist aber die beste Voraussetzung, um den ganzen Klimbim, den man im Laufe seines Lebens ansammelt, verstauen zu können.

Was war das kurioseste Erlebnis?

Die negativste Nacht kam ziemlich früh, im September. Durch Starkregen waren meine Sachen nass, der Rucksack, Schlafsack, alles. Ich wollte in Köln unter der Mülheimer Brücke schlafen, aber die war schon besetzt. So habe ich die Nacht auf der Parkbank verbracht. Da habe ich mich doch sehr verlassen gefühlt.

Und das schönste?

Das war die Nacht an der Krinnenspitze in Tirol! Die lag bei der Ankunft ganz in einer Wolke, es war neblig. Als ich morgens die Augen aufgeschlagen habe, war ich über dem Wolkenmeer. Das war ein wirklich romantischer Blick, ganz fantastisch.

Irgendwann an dem Punkt gewesen abzubrechen?

Überhaupt nicht. Es passiert auch nicht, dass die Temperaturen so weit fallen, dass es lebensbedrohlich werden könnte. Der Grund, dass ich nach knapp sieben Monaten damit aufgehört habe, waren Dreharbeiten für „History“. Für „Die Geschichtsjäger“ berichteten wir über Tschernobyl. Dort, in Nähe des Unglücks, wollte ich dann doch nicht draußen schlafen. Da überwog die Neugier auf den Ort, sonst hätte ich weitergemacht.

Jetzt können Sie ein Zelt vermutlich mit geschlossenen Augen schneller aufbauen als ein Ikea-Regal, oder?

Ja, wesentlich! Vor Ikea-Regalen habe ich durchaus größeren Respekt (lacht).

Für alle Zeltwütigen da draußen: Haben Sie einen ultimativen Tipp?

Zu meiner Grundausstattung ge­hö­ren jetzt Schaschlikspieße – für den Fall, dass man mal auf gepflasterten Flächen übernachten muss. Heringe passen nämlich nicht zwischen die Fugen. Also habe ich mir Schaschlikspieße besorgt.

Von Mirjana Cvjetkovic