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DA KRATZT MAN SICH AM KOPF: Mit einem Auftritt bei „TV total“ startete Chris Tall durch.

Interview

Was Comedian Chris Tall so alles darf

Er ist der Comedy-Durchstarter der Saison: Chris Tall (24) hat in seiner jungen Karriere zwar schon etliche Preise gewonnen, etwa den RTL-Comedy-Grand-Prix, seine Karriere nimmt aber erst richtig Fahrt auf, seit er vor kurzem bei einem Auftritt bei „TV total“ dafür plädierte, auch über Schwarze und Behinderte zu scherzen - alles andere sei Ausgrenzung. „Darf er das?“, fragt das NP-Interview.

3,5 Millionen Menschen haben sich den Clip von Ihrem „TV total“-Auftritt allein bei Youtube angeschaut. Haben Sie eine Erklärung für diesen Erfolg?

Ich glaube, dass ich da ausspreche, was viele schon lange gedacht haben, aber sich nicht zu sagen getraut haben, wegen unserer Ge-schichte, die wir nun einmal haben. Man muss so etwas auch schon sehr auf den Punkt erzählen. Sonst wird es schwierig. Ich möchte keinen Applaus aus der falschen, also der rechten Ecke bekommen.

Sehr schnell kam der Vorwurf, dass Sie mit Ihrer rhetorischen Frage „Darf er das?“ nah dran sind an dem „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ der „Pegida“-Anhänger ...

Ja. Den Vorwurf gibt es. Aber er funktioniert doch nur, wenn man diese Frage aus dem Zusammenhang reißt. Wenn man sich mein Stand-up im Kontext anguckt, merkt man schnell, dass „Darf er das?“ komplett anders gemeint ist. Mir geht es um Folgendes: Wir sind alle gleich - und gerade die Ausgrenzung, auch über Komik, ist Rassismus. Denn natürlich darf man Witze machen über Schwarze und über Rollstuhlfahrer, wie über jeden anderen Menschen auch. Am meisten mache ich mich ja eh über mich selbst lustig. Und womit? Mit Recht.

Verstehe ich Sie richtig: Ihr Ziel sind weniger die Minderheiten als Menschen mit einem übermäßigen Anspruch von politischer Korrektheit?

Genau. Wenn ich im Rollstuhl säße und keiner macht mehr Witze über mich, fühle ich mich doch schlecht, als ob man mich nicht dabeihaben wolle. Ganz viele Rollstuhlfahrer schreiben mir und bedanken sich - und machen selber Witze. Einer hat mir geschrieben: „Traue keinem Rollstuhlfahrer, der dreckige Schuhe hat.“ Ein anderer: „Da stehe ich doch auf und klatsche in die Hände.“ Ganz ehrlich: Da kommen mir die Tränen vor Freude. Es ist, als hätten die nur darauf gewartet.

Und es ist auch kein Unterschied, ob ein Betroffener diese Witze macht oder ein Unbeteiligter wie Sie?

Darum geht es doch gerade. Und darum, dass man nichts zu ernst nehmen sollte, am wenigsten sich selbst. Das funktioniert nur, wenn man auch über sich selber Witze macht - und wenn man niemanden beleidigt. Das „Darf er das?“ wird jetzt missbraucht von Leuten, die glauben, dass sie sich unter diesem Deckmantel alles erlauben dürfen. Nein, das dürfen sie nicht.

Wo ziehen Sie die Grenze?

Wo es beleidigend wird. Wo es zu Mobbing wird. Es geht um Augenhöhe. Wir sind alle gleich. Lasst uns bitte alle miteinander umgehen wie normale Menschen.

Ist Humor dafür ein guter Vermittler?

Ja, mega. Wir wollen doch harmonisch zusammenleben, und dafür ist Humor ein fantastisches Mittel.

Haben wir in Deutschland zu viele Tabus?

Was Humor angeht, schon. Man muss natürlich immer sein Gehirn einschalten. Es gibt auch Witze, die ich nicht machen würde.

Haben die Anschläge in Paris etwas geändert? Darf man, muss man Witze über Islamisten machen?

Da halte ich mich ein wenig heraus. Das ist heikel. Was dort passiert ist, ist eine absolute Katastrophe. Es gab auch die Diskussion, ob man jetzt noch als Comedian auf die Bühne gehen darf. Ich denke: Natürlich! Wir lassen uns von denen doch nicht das Lachen verbieten. Aber Witze über den Anschlag zu machen, wäre für mich ein No-Go. Glauben halte ich generell immer für eine schwierige Geschichte. Das Thema kommt auch nicht in meinem aktuellen Programm vor.

Stört es Sie eigentlich, aktuell auf diesen einen Auftritt reduziert zu werden?

Nein, das ist doch wie bei Popstars, die einen Hit landen. Natürlich müssen sie den spielen. Das ist doch nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Wenn die Menschen wegen dieses Auftritts darüber nachzudenken beginnen, was Toleranz ist, ist das doch toll.

Worum geht es sonst in Ihrem Programm?

Viel dreht sich um den Konflikt Jung-Alt, um Technik, um meine Family und so.

Sie haben über das Jung-Alt-Thema auch ein Buch geschrieben, „Selfie von Mutti“. Ich bin Vater und fand es nicht so lustig. Habe ich jetzt keinen Humor?

Nein. Das glaube ich nicht, Sie sehen doch lustig aus! Aber Humor ist doch Geschmackssache. Ich hatte den Anspruch, ein Buch zu schreiben, das ich lustig finde, und ich finde es lustig.

Chris Talls Show am 1. März in Desimos Spezial-Club ist ebenso ausverkauft wie der Zusatztermin am 11. Mai. Karten gibt es noch für seinen Auftritt im Theater am Aegi am 9. September.


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