Navigation:
IHR ZUHAUSE: Ute Wieners in ihrem Bauwagen – sie lebt seit 30 Jahren auf dem Sprengelgelände.

IHR ZUHAUSE: Ute Wieners in ihrem Bauwagen – sie lebt seit 30 Jahren auf dem Sprengelgelände.
© Philipp Von Ditfurth

30 Jahre sprengel

Ute Wieners schreibt Buch über die Sprengel-Besetzung

Vor 30 Jahren wurde die leerstehende Schokoladenfabrik in der Nordstadt besetzt: Ute Wieners (55) war damals dabei, als in der Industrieruine Punks, Spontis, Autonome und Menschen mit Visionen einzigen. Sie ist bis heute geblieben – und hat ein Buch über die wilden Jahre geschrieben. „Sprengel für alle“ hat aber viele Bezüge in die Gegenwart – in der Nordstadt wird wieder gegen Gentrifizierung gekämpft.

Hannover. Die Graffiti sind in die Jahre gekommen, stehen aber immer noch für den Geist dieses besonderen Ortes: „Expo verhindern“ prangt an dem Haus an der Schaufelder Straße, „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“. Ute Wieners (55) hat sie miterlebt, die Revolution in der Nordstadt.

„Es war ein Trend, sich im Sprengelgelände einzunisten, es war ein Magnet“, sagt sie und muss schmunzeln. Mitte zwanzig war sie da­mals, eine junge Punkerin. deren Studium der Sozialwissenschaften „nicht so recht vorankam“. Im Sommer 1987 besetzten junge Leute die heruntergekommenen Gebäude der ehemaligen Schokoladenfabrik – eine Industrieruine, die für den Bau von Eigentumswohnungen plattgemacht werden sollte.

Damals heißt es „Schickimicki-Sanierung“

„Das, was man heute Gentrifizierung nennt, war für uns damals Schickimicki-Sanierung“ – Wieners sieht die brandaktuellen Parallelen, denn in der Nordstadt ziehen die Mieten seit Jahren gewaltig an, das Viertel ist in. Das Motto der Besetzer lautete damals „Sprengel für alle“, es ging um bezahlbare Mieten, Solidarität, Anti-Kapitalismus: „Ich hatte das Gefühl, ich muss dabei sein.“

Das Leben in Kofferfabrik, Kesselhaus, Verwaltungsgebäude und dem sogenannten Themroc war nicht einfach: „Wasser mussten wir in Kübeln aus der Bürgerschule rübertragen, Strom gab es über ein unglaubliches Ka­belgewirr“, erinnert sich Wieners. Man habe viel improvisiert – und viel gelernt: „Technische Probleme sind lösbar.“ Die Studenten, Punks, Spontis, Feministinnen und linken Autonomen setzten Glasscheiben in zerborstene Rahmen und machten die alte Fabrik nach jahrelangem Leerstand winterfest. „Und der erste Winter war gar nicht so hart, 40 bis 45 Leute lebten damals ständig hier“, sagt sie über die Hoffnung der Stadtpolitiker, dass sich die Besetzung bei Minusgraden von selber auflösen würde.

Im Plenum wird endlos diskutiert

Wieners schleppte Kohlen, ackerte – und diskutierte. Ständig stand ein „Plenum“ auf der Tagesordnung, stets musste in quälenden Prozessen alles basisdemokratisch verhandelt und ab­gestimmt werden. „Es gab viele Konflikte“, erinnert sie sich. Unterschiedliche politische Meinungen, Vorstellungen von Hygiene und menschlichem Miteinander. Zuvor hatte sie in einer WG gewohnt und abends im UJZ Korn abgehangen – „dann war ich plötzlich 24 Stunden drin, da kann man sich schlecht abgrenzen“.

30 Jahre später hat sie genau das gelernt, denn Wieners (aus dem Punk-Schopf ist längst ein blonder Zopf geworden) lebt als einer von nur zwei Besetzern der ersten Tage immer noch auf dem Sprengelgelände – ihr Bauwagen mit Hochbett, Außenküche und Bollerofen parkt im Hof hinter dem Sprengel-Kino: „Ich sage, was mir nicht passt, nehme mir aber auch das Recht, mich zurückzuziehen.“ Zum Beispiel in ihren Kleingarten in Herrenhausen.

„Sprengel für alle“ hat eine Botschaft

Zwei Jahre hat sie an ihrem gnadenlos subjektiven Buch mit vielen persönlichen Anekdoten geschrieben, irgendwie auch eine Art Therapie für die 55-Jährige, die von sich selber sagt, sie sei zeit ihres Lebens „ein komischer Kauz“ gewesen, der mit der bürgerlichen Gesellschaft nicht gut klargekommen sei. Für die „autobiografische Erzählung“ hat sie in ihrem Gedächtnis ge­kramt, aber auch in der Landesbibliothek und privaten Archiven recherchiert – und dabei manche Dinge in der Erinnerung zurechtgerückt. Eine Reise ins innere Ich? „Mein Bild von mir selber hat sich verschoben“, gesteht sie. Das Schreiben habe geholfen, manche Dinge neu einzuordnen.

„Sprengel für alle“ ist unterhaltsame Lektüre, hat aber auch eine Botschaft: „Ich hoffe, Denkanstöße zu geben“, sagt die Ex-Punkerin. Ihre Erfahrung aus den wilden Jahren mit Demos und Diskussionen: „Was be­schlossen ist, ist noch lange nicht Realität.“ Sie deutet auf die umliegenden Gebäude: Wäre es anno 1987 nach der Stadt gegangen, stünden heute weder das Kino im Sprengel noch die Kneipe „Schwule Sau“. Dass es diese lebendige Szene noch gibt, war Ergebnis der Besetzung. „Es hat Sinn, sich zu wehren“, findet Wieners.

Das ist das Buch:

Das Cover von „Sprengel für alle“ (Edition Region + Geschichte, 304 Seiten) könnte auch heute fotografiert worden sein: „Wohnraum für alle“ verlangen die Demonstranten auf dem Foto. Darum geht es Autorin Ute Wieners, aber auch um das Lebensgefühl in der Besetzerszene anno 1987. „Ich habe versucht, den Ton von damals zu erwischen“, sagt die Autorin, die bereits einen anderen Lebensabschnitt zu einem Roman verarbeitet hatte: „Zum Glück gab es Punk“ erzählt von der damaligen Nordstadt-Szene. Wieners liest am 19. August ab 16 Uhr beim Sommerfest des UJZ Kornstraße. Am 25. August ab 19.30 Uhr stellt sie das Buch im Stadtteilzentrum Nordstadt (Klaus-Müller-Kilian-Weg 2) vor, Eintritt frei.

Von Andrea Tratner

klaus-Müöller-Kilian-Weg 1