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Mensch-Hannover Uli Borowka: „Wer nicht mitsäuft, ist nicht lustig“
Menschen Mensch-Hannover Uli Borowka: „Wer nicht mitsäuft, ist nicht lustig“
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15:36 14.03.2019
HAT EINE MISSION: Ex-Fußball-Profi Uli Borowka spricht offen über seine Alkoholsucht. Quelle: imago sportfotodienst
Hannover

Eine Kiste Bier, eine Flasche Wodka, eine Flasche Wiskey – das trank Profi-Fußballer Uli Borowka (56) zu seiner aktiven Zeit täglich. In der NP spricht er über das Thema Alkoholsucht. Am 15. März hält er dazu einen Vortrag im Haus der Jugend in Hannover.

Herr Borowka, wissen Sie noch, was Ihr letzter Drink gewesen ist?

Nein. Ich weiß nur, dass ich zuletzt in der Nacht vom 8. auf den 9. März im Jahr 2000 etwas getrunken habe. Danach bin ich in die Entzugsklinik.

Das ist 19 Jahre her. Ein Meilenstein in ihrem zweiten, trockenen Leben. Schauen Leute zu Ihnen auf, weil Sie es geschafft haben? Oder auf Sie herab, weil sie denken „einmal Säufer, immer Säufer“?

Eher Letzteres. Bei uns in Deutschland fällst du als trockener Alkoholiker immer noch aus dem Rahmen. Ich bin derjenige, der sich bei Veranstaltungen unterschiedlicher Art rechtfertigen muss, warum ich nichts trinke. Das sagt doch schon alles: Immer mehr Jugendliche saufen, die Sucht im Alter steigt – und alles wird runtergespielt.

Wer nicht mittrinkt, wird ausgegrenzt?

Genau das passiert. Wer nicht mitsäuft, ist nicht lustig, es herrscht definitiv Gruppenzwang. Bei Frauen heißt es gleich: Die ist bestimmt schwanger. Leider wird das Thema immer noch verharmlost, auch von den ganz großen Gremien. Und glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede.

Alkohol als Gesellschaftsdroge. Warum wird das von vielen so hingenommen?

Ganz einfach: weil alle mitsaufen. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man verantwortungsvoll mit Alkohol umgeht. Was viele jedoch vergessen: Wir haben einen Vorbildfunktion, insbesondere für Kinder. Und es kann doch nicht sein, dass beim Organisieren von Sportveranstaltungen die größte Frage ist, ob vier oder sechs Bierwagen angekarrt werden. Und von 20 Eltern, haben zehn eine Bierpulle in der Hand. Ich glaube auch nicht, dass Leute auf einen Montagabend so gerne des Kegeln wegen zum Kegeln gehen, sondern wegen des Trinkens. Und klar, kann man Geschäftstreffen mittags und abends ins Restaurant verlegen: Da steht die Flasche Wein gleich mit auf dem Tisch.

Sie haben drei Kinder, zwei davon längst erwachsen. Was sagen Sie Ihrer Kleinen, wenn die Partyzeit ansteht?

Ich bin da ja vorgeschädigt, kann dem Alkohol überhaupt nichts Positives abgewinnen. Wenn man zu viel davon hat, bringt das nur Scherereien mit sich: in der Familie, bei der Arbeit. Meine Kleine bekommt auf jeden Fall mit, dass ich Lesungen mache, über das Thema rede. Alkohol verbieten, ist aber der falsche Weg, man muss mit Jugendlichen drüber sprechen. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn die ihre Erfahrungen machen – in einer Art und Weise, wie es sich gehört. Darauf muss man im Vorfeld hinweisen. Viele hauen sich die Kiste voll, ohne zu wissen, was sie da tun.

Sie haben über Ihre Erfahrung, Ihren Absturz, Ihre Ängste 2012 ein Buch geschrieben. Wie schmerzhaft war diese schonungslose Lebensbeichte?

Das war schon ein hartes Jahr Arbeit. Manchmal mussten Alex Raack (ein Journalist, mit dem Borowka das Buch geschrieben hat, die Red.) und ich schon nach einer halben Stunde abbrechen. Zum Bespiel als es um meinen Selbstmordversuch ging. Da mussten wir für ein paar Stunden auseinandergehen, weil es zu heftig war.

Wie ist die Resonanz heute?

Erstaunlich gut. Nicht nur Fußballfreunde lesen es, auch Suchtkranke. Ich bekomme immer wieder Post und Fotos aus Klinken von Menschen, die einen ähnlichen Weg gehen. Ich freue mich, wenn ich Leute erreichen kann.

Was wollen Leute bei Vor trägen von Ihnen wissen?

Das sind verdammt viele Fragen. Wie ich da reingeraten bin, wie ich rausgekommen bin, was eigentlich Co-Abhängigkeit ist. Jeder Suchtkranke zieht tatsächlich drei, vier Leute in seinem Umfeld mit runter. Ich setze mich nicht nur hin, lese und tschüss, sondern stelle mich den Fragen. Ich will den Leuten klarmachen, dass es für Suchtkranke auf Dauer nur einen Weg gibt – nämlich nach unten.

SEINE GESCHICHTE: Das Buch schrieb Uli Borowka 2012. Eine Lebensbeichte. Quelle: Uli Borowka

Sie haben einen Verein für Suchtprävention und Suchthilfe gegründet.

Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 74 000 Menschen aufgrund ihrer Alkoholsucht. Ich will, dass sich daran etwas ändert. 80 Prozent, die aus einer Klinik kommen, werden rückfällig. Mir liegt etwas an Menschen, deshalb will ich mich auch mit ihnen auseinandersetzen. Das Zwischenmenschliche in unserer Gesellschaft hat gelitten, oft ist sich jeder der Nächste geworden.

Und wie oft melden sich Spitzensportler bei Ihnen, fragen um Rat?

Die fragen dann nicht nur um Rat, viele begleiten wir bis in die Entzugsklinik. In den vergangenen anderthalb Jahren sind die Anfragen um 500 Prozent gestiegen! Alkoholismus ist ein gesellschaftliches Problem, das vor Berufen nicht Halt macht und bis in die Fußballnationalmannschaft Thema ist.

Profis haben Sie mal davon abgeraten, sich zu outen. Egal, ob sie ein Suchtproblem haben oder schwul sind.

Das mache ich heute immer noch. Sie können weder mit ihrem Trainer, dem Sportdirektor oder Präsidenten reden, weil sie sonst früher oder später raus sind, Das ist der Vorteil, den ich habe, ich kenne die Fußballwelt zu gut. Fußball ist des Deutschen liebstes Kind, so ein weißes Hemd wird nicht beschmutzt. Suchtkranke passen in diese feine Geschichte nicht rein. Unsere Gesellschaft kommt doch kaum mit einem schwulen Bürgermeister klar.

Werden Sie wegen solcher Aussagen eigentlich angegangen? Auch von größeren Fußballinstitutionen?

Klar kommt das vor. Ich war schon immer unbequem. Und dabei bleibe ich auch .

Wie groß ist bei Ihnen die Versuchung noch?

Ich habe das große Glück, dass ich bis heute kaum Sauf- und Suchtdruck verspüre. Das ist bei jedem anders. Man darf einfach nur nie vergessen, dass man gefährdet ist.

Uli Borowka liest am 15. März Abend anlässlich der Aufklärungsinitiative „Alkohol im Sport“ des Jugendschutzes der Stadt Hannover. Einlass ist um 19 Uhr im Haus der Jugend (Maschstraße 22-24), Einlass ist um 19, Beginn um 19.30 Uhr geht es los. Im Abschluss folgt eine Podiumsdiskussion. Der Eintritt ist frei.

Von Mirjana Cvjetkovic

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