Navigation:

MULTITALENT: Tine Wittler hat viele Eisen im Feuer. Sie sieht sich schlicht als Künstlerin.© Jenny Picht

|
Interview

Tine Wittler beim NP-Rendezvous

Sie ist Stargast beim ersten Donnerstag-Rendezvous der NP im Stadtpark (23. Juni, ab 16 Uhr): Tine Wittler (43) ist eine Frau mit vielen Talenten - mit NP-Redakteurin Mirjana Cvjetkovic sprach sie über Schönheitsideale, das goldene Hannover-Los und ihre Bar.

Frau Wittler, mögen Sie uns schon mal Ihre liebste Hannover-Geschichte erzählen?

Genau genommen gibt es zwei (lacht). Meinen ersten Ausflug nach Hannover habe ich so mit 15 Jahren gemacht. Ich hatte mich für einen Schüleraustausch in die USA beworben und musste zum Bewerbungsgespräch, das erste meines Lebens. Mein Vater hat mich hingefahren, und ich war so waaaaahnsinnig aufgeregt. Das war irgendwo am Pferdeturm, selbst das vergesse ich nie.

Hat es denn mit dem Austausch geklappt?

Oh ja, Hannover hat mir Glück gebracht! Ich habe das goldene Los gezogen und durfte nach West Palm Beach in Florida. Die anderen Austauschschüler sind irgendwo im Mittleren Westen in der Pampa gelandet.

Und die zweite Erinnerung an Hannover?

Die ist noch gar nicht so lange her. Da war ich im Pavillon an der Lister Meile zu Gast und habe bei der ersten Veranstaltung nach der Renovierung meinen Dokumentarfilm „Wer schön sein will, muss reisen“ gezeigt. Es war total voll dort, die Leute zugewandt, es gab Standing Ovations. Da bekomme ich glatt wieder Gänsehaut, wenn ich dran denke.

Mauretanien dürfte eines Ihrer außergewöhnlichsten Reiseziele gewesen sein. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Ich hatte damals meinen sechsten Roman zum Thema Schönheitsideale geplant. Bei meinen Recherchen habe ich Mauretanien entdeckt. Üppige Frauen gelten dort als besonders begehrt - genau entgegengesetzt zu unserer Sicht hier. Dann war schnell klar: Die Reise, die eigentlich für meine Roman-Protagonisten gedacht war, muss ich selbst antreten.

Wie war die Reise im Jahr 2011?

Es war eine Fahrt mitten in den Arabischen Frühling hinein, eine journalistische und menschliche Herausforderung. Es ist dann nicht nur ein Buch dabei herausgekommen, sondern auch ein Dokumentarfilm, der bis heute in Art-House-Kinos gezeigt wird. Das Projekt ist ein Dauerläufer. Die Frage nach der Wirkung von gesellschaftlich propagierten Schönheitsidealen hat mich durchaus politisiert. Bis heute engagiere ich mich für vermehrte Körpervielfalt und -akzeptanz auf vielen Ebenen.

Bekommen Sie die Krise, wenn Sie die dürren Mädels bei „Germany’s Next Topmodel“ sehen?

Die Show ist nur eine von Millionen möglichen Facetten des Themas. Unterm Strich geht es aber immer darum, eine solche Facette - und generell ein Schönheitsideal - korrekt einordnen zu können. Und: Es ist wichtig zu wissen, dass ein solches Ideal auch ein gutes Mittel sein kann, um vom eigentlich Wichtigen abzulenken.

Nämlich?

Anstatt uns zu fragen, ob der Busen straff genug ist und die Fingernägel lackiert, sollten wir uns doch lieber mit den entscheidenden Dingen beschäftigen - mit unserem Grips zum Beispiel! Wir sollten die Möglichkeiten, zu lernen, zu reisen und uns zu bilden, stärker nutzen.

Ab Herbst gehen Sie mit Ihrem Chansonprogramm „Lokalrunde - Tresenlieder schlückchenweise“ auf Tour. Spontan muss ich bei dem Titel an schmutzige Schmonzetten denken.

(lacht) Gar nicht mal so schlecht! Ich erzähle singend aus meinem Leben als Wirtin. Seit zwölf Jahren betreibe ich ja in Hamburg meine „Café Parallelwe.lt Bar“ mit dem Zusatz „Kulturgut, Drinks & Speisen“. Ein kleines Kulturzentrum: Bildende Künstler, Musiker, Autoren gehen hier ein und aus. Das Herzstück ist und bleibt aber der marmorne Tresen der Bar, da bin ich die „Wirtin Wittlerin“ und schenke aus. Über die Jahre habe ich dort eine Menge erlebt und gehört. Das Album „Lokalrunde“ wird am 30. September veröffentlicht. Ha, jetzt ist es raus! Exklusiv vorab sozusagen - ich darf das nämlich erst seit dieser Woche tatsächlich laut sagen. Das Album ist eine Hommage an alle Wirte dieser Welt und die Gäste aller schrägen Kaschemmen!

Sie sind Autorin, Filmemacherin, Gastronomin, Veranstalterin für Kunst und Kultur, Songschreiberin, Chansonnière sowie „Vermittlerin für lebensnahe Wohnkonzepte“. Puh!

Ich bin Künstlerin. Punkt. Wenn ich Visitenkarten hätte, würde ich das wohl auch draufschreiben. Und dankenswerterweise genieße ich den Luxus zu wissen, was für mich der Sinn des Lebens ist: laufend dazuzulernen. Deshalb beschränke ich mich nicht auf ein künstlerisches Genre - sondern frage mich ständig: In welcher Form will ich meine kreative Energie als Nächstes zum Ausdruck bringen? Wenn das anderen dann auch noch gefällt, ist es umso schöner. Es ist ein großartiges Gefühl, anderen mit den eigenen Leidenschaften Freude zu bereiten.

Sie sind glücklich verheiratet, haben aber nie verraten, mit wem. Warum eigentlich nicht?

Wir haben das gemeinsam entschieden und möchten, dass unser Privatleben auch privat bleibt. Mein Mann steht nicht in der Öffentlichkeit - und das soll auch so bleiben.

Vielleicht verraten Sie ja ein bisschen was beim NP-Rendezvous?

(lacht herzlich) Na ja, die Geschichte mit der Hochzeit ist doch mittlerweile ein alter Hut. Sie hat hohe Wellen geschlagen, aber das hat sich längst wieder beruhigt - und das ist auch richtig so. Übrigens habe ich mein Glück durchaus auch mit Fans geteilt - aber eben unbemerkt.

NPVisitenkarte

Geboren am 2. April 1973 in Rahden, Westfalen. Sie studiert Kultur- und Kommunikationswissenschaften in Lüneburg und im walisischen Glamorgan und arbeitet als Redakteurin unter anderem für „Bravo TV“. 2002 kommt ihr Debütroman „Die Prinzessin und der Horst“ auf den Markt. Ihr sechster Roman ist „Wer schön sein will, muss reisen“, der Film dazu wird mit dem Prädikat „wertvoll“ ausgezeichnet. Bekannt wird sie mit der RTL-Doku „Einsatz in 4 Wänden“ (Deutscher Fernsehpreis 2004). 2013 ist nach zehn Jahren Schluss, die Einschaltqoute stimmt nicht mehr. Wittler gründet die Bewegung „ReBelle“, einen Zusammenschluss von Frauen, die sich für „Körperakzeptanz und -vielfalt“ einsetzen.www.tinewittler.de


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Anzeige

Bild des Tages