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FILMEMACHER MIT WEITBLICK: Tim Drabandt liebt Kinos wie das Astor an der Nikolaistraße. Vielleicht läuft sein Film „Red Ochre“ hier auch mal?© Rainer Droese

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Porträt

Tim Drabandt - Sein Film ist die Story seines Lebens

Für viele wäre es ein Kulturschock, für Tim Drabandt (27) ist es die Erfüllung seines Lebenstraums: Der Filmemacher hat in Namibia die Doku „Red Ochre“ gedreht. Der Film über den Himba-Stamm begeistert Menschen weltweit und holte einige Preise.

Eigentlich hatte Tim Drabandt (27) folgendes Konzept: Der Filmemacher wollte nach Namibia reisen, einen uralten Volksstamm - die Himba - besuchen und dessen traditionelles Nomadentum mit unserem modernen (Stichwort „Global Citizens“, Weltbürger) vergleichen. „Reisen als Lebensform“ schwebte ihm da als Leitfaden vor.

„Vor Ort hat sich das Thema schlagartig geändert“, erzählt der 27-Jährige der NP nach seinem Afrika-Trip bei einer Cola in der Lounge des Astor-Kinos. „Der Stammeshäuptling hat die krassesten Dinge erzählt“, erinnert sich Drabandt an das Gespräch mit Hivazako Hembinda (sagt von sich, er sei 120 - betont aber, dass er nicht rechnen kann): „Der Mann berichtete von zunehmender Trockenheit - wir würden von Klimawandel sprechen - dem Streben der jüngeren Generation nach Westernisierung. Außerdem gibt es in Namibia aus Naturschutzgründen ein Jagdverbot, das lässt die Himba auch nicht mehr so leben wie einst.“ Nachdem der Filmemacher all das gehört hatte, stellte er dem betagten, faltigen und durchaus weisen Mann die entscheidende Frage: „Wie lange wird es die Kultur der Himba noch geben?“ Darauf antwortete der nur: „Sie ist schon tot.“ Der Schlüsselmoment für Drabandt: „Das ist die Story!“

Mit Studienkollege Fanon Kabwe (27, die beiden lernten sich während Drabandts Auslandssemesters in Kapstadt kennen) sprach der Wahl-Hannoveraner mitten im Nirgendwo im Nordwesten Namibias stundenlang mit dem imposanten Häuptling, während die Kamera lief, ein Dolmetscher übersetzte das Gespräch von Herero ins Englische: „Das war so stark und tiefgründig, eine einmalige Erfahrung.“ Eine Woche verbrachte er in dem Dorf, das mit einem Auto ohne Allradantrieb wohl gar nicht zu erreichen wäre. „Man fährt stundenlang durch die Wildnis“, so Drabandt. Strom und fließendes Wasser gab es auch nicht. Vorher hatte der Dolmetscher mit Häuptling Hembinda das Gastgeschenk der Filmleute ausgehandelt: „Wir haben ein paar Säcke Maismehl mitgebracht.“

Bis in die 50er Jahre hatten die Himba übrigens gar keine Verbindungen zur Außenwelt, „heutzutage gibt es in jedem Dorf zumindest ein Handy, und etwa einmal in der Woche fährt auch ein Auto vorbei“, weiß Drabandt zu berichten. Die Frauen des Stammes fallen wegen ihres besonderen Himba-Looks auf: Auf ihre Haut tragen sie eine Paste aus rotem Ocker (der Namensgeber für den Film), Kräutern und Ziegenfett auf. Der 27-Jährige erfuhr, dass die Stammesmitglieder eigentlich (bis auf Kühe, Ziegen und Schafe) nichts außer dem besitzen, was sie am Körper tragen: „Sie teilen alles - auch die Partner.“

Wollten die Frauen und Männer denn auch was von ihm wissen? „Ja, klar“, sagt Drabandt und lacht: „Wie alt ich bin. Und dann haben sie sich gewundert, dass ich noch nicht verheiratet bin.“ Für ihn war es neben dem Filmprojekt auch eine für sein Leben prägende Reise: „Die Menschen dort haben eine unglaubliche Faszination auf mich ausgeübt! Es ist wirklich Wahnsinn, wie eng sie mir der Erde verbunden sind.“ Auch wenn es die Menschen nicht so recht nachvollziehen konnten, sagte ihnen der Europäer: „Ihr habt hier einen unglaublichen Reichtum - diese Ruhe, diese Gelassenheit. Und Frieden.“ Für den jungen Mann ist jedenfalls ein Traum in Erfüllung gegangen: „Es gibt kaum etwas Besseres, als von fremden Kulturen zu lernen“, findet er, „und je extremer die andere Kultur ist, desto mehr kann ich für mich da herausziehen.“

Kleiner Epilog: Sein 31-Minüter „Red Ochre“ war Drabandts Ab-schlussfilm an der Uni, „eine glatte Eins“. Beim hannoverschen Kurzfilmfestival „Und bitte ...!“ gewann seine Doku den Publikumspreis und holte außerdem beim Internationalen Film-Festival in Johannesburg einen Preis. „Es ist toll, dass ich mit den Bildern und Geschichten, die ich schaffe, Menschen bewegen kann“, resümiert Drabandt sein Werk, „schön und traurig zugleich.“ Das finden wir auch: Die Doku geht unter die Haut und erdet uns Menschen in der zivilisierten Welt - angucken!

NPVISITENKARTE

Geboren am 25. August 1988 in Oldenburg. Nach dem Abitur macht er Zivildienst, geht dann nach Hamburg und beginnt 2010 an der Expo-Plaza sein vierjähriges Studium Mediendesign mit Schwerpunkt Film. Während seines Auslandssemesters in Kapstadt wächst seine Leidenschaft für Afrika. Drabandt lebt in der Südstadt, mag den Maschsee, macht gern Sport (Laufen, Schwimmen) und reist unheimlich gern – „nicht nur beruflich“. Zuletzt hat er im Kino „Das Dschungelbuch“ geguckt. www.timdrabandt.com


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