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TECHNO-LEGENDE: Dr. Motte erfand die Loveparade, auch heute arbeitet er noch als DJ.

TECHNO-LEGENDE: Dr. Motte erfand die Loveparade, auch heute arbeitet er noch als DJ.
© Dr. Motte

NP-Interview

Techno-Legende Dr. Motte: „Wir wollen doch alle nur geliebt werden“

Er ist der legendäre Erfinder der Loveparade, für seine Art, Musik zu machen, geht Dr. Motte (56) in die Geschichtsbücher ein. Am Sonnabend, 17. Juni, legt die Techno-Legende in dem Club „Bella Wuppdich“ (Georgstraße 50b) auf. Der Einlass beginnt um 23 Uhr, der Eintritt kostet 15 Euro. Im NP-Interview spricht er über die Katastrophe bei der Loveparade 2010, über Musikkultur und über seinen Glauben.

Hannover.  

Dr. Motte, Sie legen bei uns unter dem Stichwort „Classics“ auf. Welche persönlichen Klassiker haben Sie denn dabei?

Das entscheide ich noch (). Auf jeden Fall die Hymnen der Love Parade und den Klang der Familie.

Was ist das denn?

Das ist ein Titel, den 3Phase und ich Ende 1991 produziert haben, der aber keinen Namen hatte. Kurz darauf sind wir mit 50 Leuten im Bus ins Front nach Hamburg gefahren. Als wir das Stück spielten, haben alle zusammen gefeiert – und so kamen wir darauf, den Track „Der Klang der Familie“ zu nennen. Techno besteht aus so vielen Facetten, jede Stadt hat einen anderen Sound – so ist alles unter dem Begriff Familie zusammengefasst.

Sie gelten als Techno-Legende. Wie hat sich die Musik in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Da könnte ich jetzt weit ausholen, wo soll ich beginnen? Den Anfang hat auf jeden Fall ausgemacht, dass man vom Sound her einen Neustart hatte. Der Sound war super elitär, lief nicht im Radio. Das war eine Neuentdeckung, Freiheit und ein echtes Lebensgefühl. Alle bisherigen Songstrukturen wurden einfach aufgelöst. Bei uns geht es ja ums Tanzen, deswegen braucht es mehr Rhythmus als Melodie. Heute ist es im weitesten Sinne Konsens, man hat sich eingespielt. Es gibt nur wenige Stücke, die noch revolutionär sind. Das ist nämlich megaschwer.

Und das Feiervolk?

Heute eifern sie alle dem Konsens nach. Ich will niemanden diffamieren, es ist nur meine Beobachtung. Ab den Nuller Jahren hat es sich jedenfalls in Berlin doch sehr eingefahren. Grundsätzlich ist das Spektrum aber breit – von Hardcore-Techno bis Minimalhouse gibt es alles. Sommerfestivals sind beliebt und sehr lukrativ, in dieser Zeit haben es die kleine Clubs echt schwer und leiden.

Einst haben Sie anderthalb Millionen Menschen begeistert, bei uns spielen Sie in einem kleinen Club. Was macht Sie mehr an?

Ich kann beides, ich liebe beides (). Mithilfe unserer Musik haben wir bei der Loveparade unsere Kultur dargestellt und Freiräume für alle geschaffen, die aus der ganzen Welt auf dieser Plattform zusammengekommen sind. In kleinen Clubs liebe ich die Nähe zu den Leuten, es ist sehr intim. Und eben ein Gegenpart zu der großen Bewegung.

Bei der Loveparade haben Sie immer Worte an die Besucher gerichtet. Was würden Sie jungen Menschen heute mitgeben?

Ich würde sagen: Leute, es ist echt an der Zeit, dass wir uns alle wieder lieb haben. Kommt mal alle runter und hört auf, aggressiv zu sein. An Ende stammen wir doch alle von der einen, gleichen Quelle ab, der wir mit Gott, Allah oder Jehova unterschiedliche Namen geben. Wir alle, das ganze Universum, stammen von einem minimalsten Punkt ab, daran sollten wir uns mal wieder erinnern. Wir sollten einfach mehr Musik machen, uns mehr austauschen. Nur so können wir herausfinden, was bei dem anderen anders ist und es schätzen lernen, anstatt auszugrenzen. Das macht doch die Gesamtheit der göttlichen Vielfalt aus.

Sind Sie gläubig?

Ich bin ein spiritueller Mensch und versuche das so als Metapher zu erklären. Wir wollen alle doch nur eins – geliebt werden. Wenn ich mich auf den Mond stelle und runtergucke, sehe ich doch auch keine Grenzen. Und ich versuche, mit meiner Musik auch einen Beitrag zu leisten, dass sich die Menschen besser verstehen. Worte können missverstanden werden, die Sprache der Musik versteht jeder.

Am 1. Juli jährt sich ein Jubiläum – da stieg vor 28 Jahren die erste Loveparade. Wie schade finden Sie es, dass so große Events nicht mehr stattfinden?

So ganz stimmt das ja nicht: Es gibt die Street Parade in Zürich, die City Parade in Brüssel, in Berlin den Karneval der Kulturen, ein paar gibt es schon noch. Die alle sind inspiriert durch die Loveparade, ohne die würde die Party- und Demonstrationskultur heute ganz anders aussehen. Das sind die Auswirkungen dessen, was wir in den 90ern geschaffen haben.

Was ist damals schief gelaufen? Sie haben die Marke Loveparade verkauft, 2010 dann das schlimme Unglück in Duisburg …

Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Um es kurz zu machen, kann ich sagen, dass im Jahr 2001 Loveparade-Hasser eine Demo auf unserer Strecke angemeldet hatten. Es war ziemlich unerhört, wie die Stadt Berlin da mit uns umgegangen ist, diese Hasser bekamen Vorrecht. Wir, die Loveparade Berlin GmbH, haben geklagt – und vor allen Gerichten verloren. In den Folgejahren haben wir die Loveparade aus Rücklagen veranstaltet, es flossen auch wieder Gelder, doch 2005 standen wir kurz vor der Insolvenz.

Und dann?

Trotz meiner Ablehnung, als einer von fünf Gesellschaftern der Loveparade Berlin GmbH, wurden die Rechte an Rainer Schaller () verkauft. Er ist Geschäftsmann, kein Veranstalter. Deswegen habe ich es auch abgelehnt, mit ihm zusammenzuarbeiten. Es wurde schon bei der ersten Parade unter seiner Federführung überdeutlich, dass er unsere elektronische Musikkultur nur als Marketingmaßnahme und Steuerabschreibungsmodell für seine Fitnesskette missbrauchte. Er ist der notwendigen Fürsorge für die Loveparade-Besucher nicht gerecht geworden, was dazu geführt hat, dass es 21 Tote gegeben hat, 500 Schwerstverletzte und tausende Traumatisierte. Für Sicherheit zu sorgen, hat er nicht ernst genug genommen. In Duisburg heißt es, man wollte das Gelände mit Hilfe der Loveparade einfach nur bewerben, um es gut zu verkaufen. Das wäre pure Menschenverachtung.

Anderes Thema: Nervt es Sie, dass sich jeder, der etwas Ahnung von Technik hat, DJ nennen kann?

Es gibt Hobby-DJs und Profis, das muss am Ende jeder selbst entscheiden, was er mag. Über Qualität lässt sich ja streiten. Leute können eine schöne Musiksammlung haben, aber am Ende geht es darum, ob ich es als DJ schaffe, Stimmung zu erzeugen und Leute zu begeistern. Allerdings reicht es nicht, sich nur mit der Technik zu beschäftigen. Nach meiner Ansicht braucht es auch Erfahrungen mit wenigstens einem Musikinstrument. Erst wenn du das spielen kannst, kannst du dich in die Musik reinfühlen.

Welches beherrschen Sie?

Schlagzeug. Und noch so einiges, was Rhythmus macht ().

Von Mirjana Cvjetkovic