Navigation:
ENGAGIERT: Die Internistin Stefanie Holm hat den Verein „A litte Help from my Friends“ gegründet.

ENGAGIERT: Die Internistin Stefanie Holm hat den Verein „A litte Help from my Friends“ gegründet.
 © www.fotowilde.de

hILFSAKTION

Stefanie Holm löst große Probleme mit kleinen Spenden

Jahrelang hat die Internistin Stefanie Holm (52) in ihrer Praxis Bedürftigen in akuten Notlagen kleine Geldsummen zugesteckt – dann hat sie den Verein „A Little Help from my Friends“ gegründet. OB Stefan Schostok (53) ist Schirmherr – und lobt das Engagement des Vereins, der mit einem Netzwerk an „Botschaftern“ arbeitet, die die Fälle vermitteln: „Da geht mir das Herz auf.“

Hannover. Ihre Praxis liegt in der edlen Georgstraße. In der Nachbarschaft: Shops mit feinster Mode, die Oper, Juweliere, Bars. „Eine illustre Adresse“, sagt Internistin Stefanie Holm (52), die in ihrem Praxisalltag aber auch ganz andere Seiten des Lebens sieht: „Da sitzt eine junge Frau und weint. Weil sie zwar endlich die dringend benötigte Mutter-Kind-Kur bewilligt bekommen hat, aber keinen Koffer, keine Turnschuhe und keinen Badeanzug hat.“

Die Ärztin berichtet weiter, mit klarer, sachlicher Stimme, während sich dem Zuhörer das Herz zuschnürt. Von der HIV-Patientin, die die Zuzahlung für die teuren, aber überlebenswichtigen Medikamente nicht aufbringen kann, weil am 28. des Monats schon nichts mehr zu essen im Kühlschrank ist. Von der vierköpfigen Familie, die im Winter wegen einer 300-Euro-Stromnachzahlung verzweifelt. Von der dreifachen Mutter, in deren Wohnung sich die Wäscheberge türmen, weil die Waschmaschine kaputt ist. „Ich könnte noch stundenlang Beispiele aufzählen ...“

„Es ist so einfach, Menschen zu helfen“

Früher hat Holm solchen Patienten oft Geld zugesteckt. „Man kann mit kleinen Summen viel bewirken“, weiß sie, „Es ist so einfach, Menschen zu helfen. Aber für einen Sozialarbeiter bedeutet es oft unendlich viel Bürokratie, um 50 Euro für einen Bedürftigen zu organisieren.“ Die Zeit hätten Menschen in akuten Notlagen oft nicht. Holm ist es ein Bedürfnis zu helfen: „Ich bin in einem sehr sozial geprägten Elternhaus aufgewachsen. Ich beurteile nicht, warum jemand Hartz-IV-Empfänger geworden ist.“ Sie habe einen guten Job, zwei Kinder, eine tolle Beziehung: „Mir geht es gut. Aber ich sehe so viele Menschen in Not.“

Ein Geldschein hier und da, das reichte der Ärztin nicht. Holm wollte ihre Familie, ihren Freundeskreis mit an Bord holen und hoffte auf regelmäßige Spenden – so entstand „A Little Help from my Friends“, ein gemeinnütziger Verein. „Die Gründung war ein Albtraum“, berichtet Holm. Sechsmal musste sie die Satzung umschreiben, bis jedes Detail passte, achtmal war sie beim Notar: „Aber jetzt läuft es.“

Schostok lobt „professionelles System“

Das findet auch OB Stefan Schostok (53). „Ein durchdachtes, professionelles System“, lobt das Stadtoberhaupt, das jetzt auch Schirmherr des Vereins ist. „Eine bewusste Entscheidung“, wie Schostok betont: „Es geht um den Zusammenhalt in der Gesellschaft.“ Holm hat sich ein Netzwerk an „Botschaftern“ aufgebaut – Fallmanager bei der Agentur für Arbeit, Sozialarbeiter bei Diakonie, Caritas, Awo und vielen anderen Einrichtungen. Sie leiten Anfragen an Holm weiter, wenn sie mit ihren eigenen Mitteln und Wegen an Grenzen stoßen oder nicht kurzfristig genug helfen könne. „In Deutschland gibt es Regeln, Gesetze, eine Schublade für alles. Aber wir schließen trotzdem eine Lücke im Sozialsystem“, sagt die Ärztin, die jeden vorgetragenen Fall persönlich prüft und die nötige Summe innerhalb weniger Tage überweist.

Holm sucht Unterstützer

Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass diese Form von Engagement in einem reichen Staat wie Deutschland überhaupt nötig ist? „Nein, hier geht es um zielgerichtete Intervention. Da geht mir das Herz auf“, lobt Schostok. Holm ist dankbar für die Unterstützung des Stadtoberhauptes, von der sie sich Aufmerksamkeit für den Verein erhofft. „Ich bin ja dynamisch, umtriebig, habe viel Energie – aber ich bin schlecht darin, Leute um etwas zu bitten“, sagt sie selbstkritisch.

Neben dem OB hat sie weitere Mitstreiter gefunden: Bernd Weste (67) von der Hanöverschen Aidshilfe netzwerkt für Holm, die auch viele HIV-Patienten behandelt: „Hannoveraner helfen Hannoveranern. Das beeindruckt mich.“

Das ist der Verein

Der Beatles-Titel passt prima zum Verein: „A Lit­tle Help from my Friends“ wurde im November 2014 gegründet. Seit der Gründung wurden etwa 80 000 Euro gesammelt. Allein 2016 wurden an 117 Menschen Beträge zwischen 35 und 500 Euro als Soforthilfe ausgezahlt. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden, alle arbeiten ehrenamtlich – „die Spenden gehen zu 100 Prozent an die Bedürftigen“, so Gründerin Stefanie Holm. Das „Botschafter“-Netzwerk, das die Fälle vorschlage, schütze vor Missbrauch. Auf der Home­page (www.help-my-friends.de) des gemeinnützigen Vereins kann man viele Schicksale, aber auch Erfolgsgeschichten nachlesen.

Von Andrea Tratner