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ANGEKOMMEN: Sonja Beißwenger hat den Ballhof immer geliebt, nach sechs Jahren in Dresden hat es die Schauspielerin in die alte Heimat zurückgezogen.© Frank Wilde

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Porträt

Sonja Beißwenger: Hannover ist ihr neues (altes) Zuhause

Sie ist wieder da! Theater-Fans können sich heute Abend bei der (ausverkauften) Ballhof-Premiere von „Die Physiker“ auf ein bekanntes Gesicht freuen: Sonja Beißwenger (35), einst Publikumsliebling im Schauspielhaus, ist gekommen, um zu bleiben.

Sie lauscht dem Knarzen der historischen Stufen, lässt die Hand über das Holzgeländer gleiten. „Das ist ein wunderbares Gefühl, wieder hier zu sein. Ich habe den Ballhof immer geliebt, er steckt voller Erinnerungen. Ich sehe hier all die Figuren, die ich damals gespielt habe“, sagt Sonja Beißwenger (35), als sie die Treppe zur Künstlergarderobe hinabsteigt. Mitarbeiter wuseln herum, in der Maske wird ein Kollege geschminkt, im Saal gerade ein Video für ein Stück gedreht. Heute Abend ab 19.30 Uhr ist sie wieder Teil dieser Theaterwelt, sie steht als Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd auf der Bühne, als „Irrenärztin“ im Stück „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt († 69).

Sechs Jahre hat Beißwenger in Dresden gespielt, sie war 2009 mit einem Teil des Ensembles Intendant Wilfried Schulz (63) dorthin gefolgt. „Ich hatte damals große Lust auf Veränderung, auf den Wechsel“, erinnert sie sich. Dresden mit seinen prächtigen Bauwerken, das Theater mit einem Goethe-Zitat in Goldbuchstaben an der Fassade: „Ältestes bewahrt mit Treue.“ Das habe nach den Jahren im eher funktionalen Hannover seinen Reiz gehabt. „Aber ich bin in dieser Stadt nie wirklich angekommen“, sinniert Beißwenger. Auch die montäglichen „Pegida“-Aufmärsche trugen nicht dazu bei, aus Dresden eine Heimat zu machen: „Ich bin persönlich weit davon entfernt, empfinden zu können, was diese Leute antreibt“, sagt Beißwenger mit nachdenklichem Blick.

Also zurück nach Hannover. Die 35-Jährige wagt gleich den dreifachen Neustart: neue (alte) Stadt, Selbstständigkeit (sie ist kein festes Ensemblemitglied), ein Leben auf dem Land. „Wir sind richtig weit raus gezogen. Mit großem Garten, direkt am Waldrand“, sagt sie und lacht. Die Großeltern ihrer Zwillingsmädchen (sechs Jahre alt) leben in der Nähe, sie hat alte Freunde wiedergetroffen. Und sogar alte Kollegen: Philippe Goos (35) und Wolf List (60) kennt sie noch aus der Schulz-Ära am Schauspielhaus. „Und der Pförtner und einige Techniker haben mich auch wiedererkannt“, freut sie sich, „das ist wie Weihnachten nach Hause kommen.“

Hannover ist Beißwengers Zuhause. Doch bei ihrem Start im Jahr 2001 hatte sie noch gewaltig mit der Stadt gefremdelt. Noch während der Schulzeit hatte sich die Heilbronnerin bei Schauspielschulen beworben. „Ich bin immer in der Endrunde rausgeflogen“, erzählt sie, ohne zu klagen, „man geht durch einige Täler in dieser Zeit, aber man hinterfragt sein Berufsziel dadurch auch immer wieder.“ In Hannover landete sie auf dem undankbaren Platz 13 - genommen wurden nur zwölf Studenten. Monate später - Beißwenger hatte ein Ethnologie-Studium in Leipzig angefangen - kam der Anruf, dass sie zur Nachprüfung antreten solle. Zwei Tage später war erste Vorlesung.

„Wir waren der erste Jahrgang auf der Expo-Plaza“, erinnert sie sich mit Schaudern, „das war eine Mondlandschaft.“ Ihr erster Eindruck von Hannover? „Furchtbar hässlich. Den Charme konnte ich erst später entdecken“, erzählt sie mit einem Lächeln. 2002 verliebte sie sich in einen Hannoveraner. Spaziergänge durch die Eilenriede, täglich neue Entdeckungen: „Da hat sich der Blickwinkel verändert.“

Und auch mit der Karriere ging es steil bergauf. Noch während des Studiums spielte sie die Hauptrolle in „Nellie Goodbye“, das Stück „Hotel Paraiso“, mit dem Beißwenger später zum Berliner Theatertreffen reiste, war 2004 dann bereits die Abschlussprüfung ihrer verkürzten Hochschulzeit. Sie war Mieze in „Berlin Alexanderplatz“, Desdemona in „Othello“, über ihre Wendla in „Frühlings Erwachen!“ schrieb die NP 2007: „Beißwenger spielt Lebenshunger pur, heiß und beißend.“

Heute Abend zieht sie in „Die Physiker“ den weißen Arztkittel über und stülpt eine graue Perücke auf den Kopf. „Die macht mich nicht alt“, sagt sie und lacht, „auch das Stück ist nicht angestaubt, es ist zeitlos.“ So wie Beißwengers Liebe zu Hannover.

NPVISITENKARTE - Sonja Beißwenger

Geboren am 6. Oktober 1980 in Heilbronn. Mit 16 Jahren fängt sie im Theater ihrer Heimatstadt als Statistin an. Erster Auftritt: Hochzeitszug der Landbevölkerung in „Wilhelm Tell“. 2001 beginnt sie das Studium in Hannover, ab der Spielzeit 2003/2004 ist sie festes Ensemblemitglied am Staatstheater. 2007 wird sie zur besten Nachwuchsschauspielerin des Hauses gewählt. 2013 bekommt Beißwenger den Erich-Ponto-Preis. Nach sechs Jahren am Theater in Dresden arbeitet sie nun frei – unter anderem auch als Sprecherin für das „Betthupferl“ im Bayrischen Rundfunk.


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