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Wolfram von Fritsch ist Herr über das Messe-Gelände.© Behrens

Menschen

So tickt der Messechef Wolfram von Fritsch

Keine Krawatte, dafür eine türkisfarbene Swatch am Handgelenk: Wolfram von Fritsch (53) ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG. Die NP traf den erfolgreichen Manager, der keinen Wert auf Statussymbole legt – und machte mit ihm eine Spritztour im Elektro-Dienstwagen.

Hannover. Wie das verflixte siebte Jahr so ist? „Nicht anders als die zuvor“, sagt Messe-Chef Wolfram von Fritsch (53), ohne lange zu überlegen: „Einerseits gibt es einen klaren Rhythmus, die zwei Herzkammern waren immer CeBIT und Hannover-Messe.“ Und andererseits? „Haben wir ständig das Unternehmen verändert und Neuheiten entwickelt, zum Beispiel aktuell die vierte industrielle Revolution unter dem Schlagwort ‚Industrie 4.0‘ oder die Digitalisierung mit ‚Internet of Things‘. Weltweit spielt das Thema niemand so wie wir.“

Gestern auf den Tag genau vor sieben Jahren wechselte von Fritsch von der Bahn aufs Messegelände in den Vorstand und übernahm dann wenige Monate später am 1. Juli den Vorsitz. Aber eigentlich war die NP gar nicht ins Büro des 53-Jährigen im 17. Stock gekommen, um übers Geschäft zu sprechen. Selbst wenn das sehr spannend ist. So wie der Mensch dahinter: Von Fritsch ist vor acht Wochen erneut Vater geworden – nach Mädchen (8), Junge (6) und Mädchen (3) folgte wieder ein Sohn. „Putzig“ ist der Kleine, auch wenn sich das winzig-junge Leben derzeit nur aufs „Schlucken, Schlafen, Schreien und Schietern“ beschränke.

Eine Woche nahm sich der Familienvater frei, als Gattin Caroline (40) das Söhnchen auf die Welt gebracht hatte. Und auch wenn er wieder im Büro sitzt, bringt von Fritsch die Kleinen gelegentlich zum Kindergarten und in die Schule. Geht das überhaupt mit dem E-Up von VW? Den hat der Manager vor fast einem Jahr gegen den deutlich größeren A 8 eingetauscht. „Das passt schon“, sagt er und lacht, „aber zugegeben, wenn drei Kinder und zwei Roller drin sind, wird es schwieriger.“ Dass er das Elektroauto zum Dienstwagen nahm, hat einen einfachen Grund: „Ich habe mir das Fahrtenbuch angeschaut“, erzählt er. Ergebnis: 90 Prozent aller Fahrten waren Stadtfahrten, „zum Flughafen, Bahnhof, in die Innenstadt, nach Hause“. Hinzu kommt, dass sich von Fritsch nicht viel aus Autos macht: „Und einen Porsche lasse ich mit dem E-Up an der Ampel stehen. Zumindest auf den ersten zehn Metern.“

Davon kann sich die NP überzeugen: Nach dem Interview geht es mit von Fritsch nach Kirchrode in seine Lieblingseisdiele. Da guckt er in die Karte, eine Angewohnheit: „Meine Kinder sagen immer: ,Papi, du bestellst doch sowieso den Nussbecher.‘“ Stimmt.

Statussymbole braucht er nicht. Eine schlichte Swatch in Türkis, die er am Handgelenk trägt, unterstreicht das: „Sie hat nur einen Nachteil – sie ist zu laut.“ Von Fritsch tickt eben so. Weil er ans Authentischsein glaubt, „dann ist man auch glaubwürdig“. Er hinterfragt die Dinge und entscheidet dann. Wie an jenem heißen Sommertag, als er mit Kollegen zusammensaß. Er schwitzte und beschloss einfach, die Krawatte abzumachen. Das ist im internen Umgang bis heute so geblieben: „25 Jahre lang habe ich jeden Morgen eine umgebunden. Ich hoffe, das mache ich nicht mehr.“

Mit seinen Ansichten will der 53-Jährige nicht missionieren. Er handelt aus Überzeugung, es waren die „existenziellen Erfahrungen“, die ihn geprägt haben: Ob als Kind unter fünf Geschwistern, als Entwicklungshelfer in Bolivien Anfang der 80er, als er half, ein Dschungel-Internat aufzubauen. Oder beim Fallschirmspringen während der Bundeswehrzeit in der Luftlandedivison.

Da dürfte er mit 21 Jahren die fatalste Entscheidung seines Lebens getroffen haben – er sprang mit einem Kumpel aus dem Hubschrauber, obwohl er gar nicht im Dienst war. „Total verboten war das“, erzählt er. Da der Flug illegal war, konnte der Pilot die Windverhältnisse nur schätzen. „Ich merkte schnell, dass ich abgetrieben wurde“, erzählt von Fritsch. Er segelte auf ein Waldgebiet zu, als „menschliche Kugel“ prallte er mit hohem Tempo in eine Eiche: „Ab der Hüfte abwärts habe ich mir an beiden Beinen so ziemlich alles gebrochen.“ Seine freche Frage, ob er am Wochenende wieder nach Hause könne („Meine Freundin hat Geburtstag“), ließ den Chefarzt kalt: „Sie bleiben noch mehrere OPs und zwei Monate lang hier, dann sitzen Sie im Rollstuhl und werden für den Rest Ihres Lebens an Krücken gehen.“ Diese bittere Prognose verschlug dem jungen von Fritsch dann doch die Sprache.

Heute und nach vielen Jahren Physiotherapie ist er froh, dass es nicht so gekommen ist: „Der Herrgott hat da viel mitgeholfen.“ Die Erfahrung bleibt: „Ich wünsche niemandem das Erlebnis. Aber die Erkenntnis.“ Nachvollziehbar.

Mirjana Cvjetkovic