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Mensch-Hannover Seelenritt des Schimmeljungen Oskar Schrader
Menschen Mensch-Hannover Seelenritt des Schimmeljungen Oskar Schrader
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20:56 13.03.2019
TRÄGT SEIN BILD MIT STOLZ: Oskar Schrader hat das berühmte Motiv des „Schimmeljungen“ auf T-Shirts drucken lassen. Quelle: Fotos: Wilde (2),
Hannover

Die Wanduhr in dem winzigen Wohnzimmer steht still. Es ist fünf vor zwölf. „Als ich 70 wurde, hab ich sie so gestellt“, erzählt Oskar Schrader (74) vergnügt. Rote Lederjacke mit Leopardenkragen, Nietenarmbänder, das schüttere Haar im Hippie-Look. „Man muss offen sein für das Leben“, findet der Mann, der auf der Straße sofort Aufmerksamkeit erregt. Schrader ist vor allem offen für seine eigene Geschichte – auf einem T-Shirt trägt er sie stolz vor sich her. Die Sternstunde seines Lebens: Die berühmte Fotografin Ica Vilander († 91) machte ihn in den 60ern zum „Schimmeljungen“.

Mitte 20 ist Schrader, als Vilander ihn in einem Garten im Berliner Grunewald auffordert, für ein Shooting die Hüllen fallen zu lassen und auf das Pferd zu steigen. Die unangepasste, flippige Fotografin hatte sich einen Namen mit Aktbildern gemacht, aber auch Stars wie Hildegard Knef († 76) und Sidney Poitier (92) vor ihrer Kamera inszeniert. „Ich will dich nackt sehen“, wenn Schrader die tiefe, rauchige Stimme von Vilander nachmacht, glaubt man ihm sofort, dass ihm („Ich war ein scheuer Mensch“) damals fast das Herz stehen geblieben wäre.

Doch der schüchterne Blondschopf aus Hannover stellt sich der Herausforderung. Denn tief in ihm drin steckt eine Leidenschaft, die raus will. „Ich hatte schon immer etwas Künstlerisches, ich wollte auf die Bühne.“ An diesem kühlen Frühjahrstag im Grunewald macht er das Pferd zu seiner Bühne. „Ich räkelte mich auf dem Gaul wie auf einem Sofa“, erinnert er sich an seinen Auftritt, der mit dem Klick-Klick-Klick von Vilanders Linse belohnt wird. „Natürlich ist das Tier nicht stehen geblieben – zack, lag ich in den Brennnesseln.“

Sein Einsatz lohnt sich: „Für meinen süßen, kleinen Schimmeljungen Ossi“, schreibt Vilander als Widmung unter eines der Fotos, die in ihrem Bildband „Akt Adonis“ landen. Heute hat Schrader die Rechte an den Motiven, für 89 Euro kann man Shirts damit bei „Ullis Ullikat“ (Schmiedestraße) kaufen. Damals gibt es nur eine schmale Gage für das Model. Und Angst vor der eigenen Courage. Schrader hat Bammel, „das Mutti das Buch sieht.“

Der 74-Jährige wirkt extrovertiert, exaltiert, er will gesehen werden. Schwer vorstellbar, dass er als Kind und Jugendlicher schüchtern gewesen sein soll. Grund dafür dürfte sein „Seelenritt durchs Leben“ sein – unter diesem Titel erzählt Schrader auf mehr als 500 Seiten (für die er einen Verlag sucht) seine Geschichte. Geboren als zehntes Kind seiner Mutter im Memelland, im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs geflüchtet, aufgewachsen in einem Lager in Em-pelde. „Zehn Jahre in Dreck und Elend“, sagt er und seine Stimme klingt bitter. „Die Erde war verseucht, unsere Baracken standen auf dem Gelände einer alten Zündhütchen- und Dynamitfabrik.“

Schrader kramt nach Zeitungsartikeln, holt Fotoalben aus dem Schrank. Der Wohnzimmertisch, auf dem er für den NP-Besuch Vilander-Bücher vorbereitet hat, quillt bald über. Dokumente. Erinnerungen. Emotionen. Der Mann schöpft aus einem reichen Fundus. Anfang der 60er arbeitet er als Page im Georgspalast – in den großen Tagen des heutigen GOP-Varietés treten dort Stars wie Zarah Leander (†74) und Heinz Erhardt († 70) auf. Abends geht er tanzen. „Das Savoy am Marstall war unser Beatschuppen“, schwärmt er. Mit 20 fährt er als Offiziers-Steward zur See. „Hamburg-Amerika-Linie – es ging nach Indonesien. An Bord hatten wir Missionare und Fracht“, berichtet er und untermauert die Geschichte mit seinem Schifffahrtsbuch, das viele bunte Stempel aufweist. „Ich habe den Suezkanal durchquert, bin durch den Dschungel gelaufen.“

Und dann zurück nach Hannover? Keine Option. „Ich hatte gehört, in Berlin ist was los“, berichtet der 74-Jährige. Abends tanzen im „Big Eden“, den Tag verschlafen, er trifft aufstrebende Sternchen wie Ingrid Steeger (71), ist stolz darauf, dass er seine „Sinalco immer selber bezahlen“ kann. Und ist im richtigen Moment am richtigen Ort. „Ica Vilander hat mich auf der Tanzfläche angesprochen.“

Heimweh treibt ihn später zurück nach Hannover, die Episode mit dem Fotoshooting holt ihn natürlich ein. „Es gab einen Zeitungsbericht – danach war ich unten durch in der Familie“, kokettiert Schrader, dem der Hauch von Weltruhm aber auch damals schon gefallen haben dürfte. Schließlich stellt er die Weichen für sein Leben. Kleine Rollen in Spielfilmen, zum Beispiel in „Ein Kapitel für sich“ von Regisseur Eberhard Fechner († 65), Engagements im hannoverschen Scharniertheater, Körperperformances, „viel brotlose Kunst“, wie Schrader offen zugibt. „Aber mir sind immer wieder Menschen über den Weg gelaufen, die mich gut fanden.“ Beispielsweise ein Millionär, der den damals blendend aussehenden Schuhverkäufer („für die Kunst habe ich mir immer frei genommen“) die Welt und ihre kostspieligen Sonnenseiten zeigt.

1982 kreuzen sich die Wege von Schrader und Ica Vilander erneut. Bei einer Ausstellung ihrer Werke in Hamburg erkennt sie ihren „Schimmeljungen“, der Kontakt bleibt eng, bis zu ihrem Tod im Jahr 2013. „Sie hat früh aufgehört zu fotografieren, im Alter war es nicht einfach für sie – ich habe sie unterstützt“, beteuert Schrader. Sein eigenes Ende hat sich der lebenslustige 74-Jährige auch schon ausgemalt. „Eine Naturgewalt“, soll es sein, kein langweiliges Schlusskapitel. „Ich will von einem Baum erschlagen werden oder vom Blitz getroffen.“ Bis dahin ist noch Zeit. Es ist ja erst fünf vor zwölf.

Von andrea tratner

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