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GUTES TEAM: Lara Himmel und ihr Bruder Adrian Seegers leiten das Familienunternehmen in der neunten Generation.

GUTES TEAM: Lara Himmel und ihr Bruder Adrian Seegers leiten das Familienunternehmen in der neunten Generation.
 © Seegers

Leute

Seegers aus Steinhude webt für gekrönte Häupter

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (61) speist im Schloss Bellevue an Tischen mit feinster Wäsche – und die wurde in Steinhude gewebt. Adrian Seegers (33) und seine Schwester Lara Himmel (36) beliefern die besten Adressen in Deutschland mit exklusiver Tischwäsche. Die NP besuchte das Geschwisterpaar in der Nähe der Badeinsel, sprach mit den beiden über Familienwappen, Feuerzungen und das Gesetz des Fadens.

Hannover.  Der weiße Kreideschriftzug an der Wand erscheint frisch, ist aber ein Relikt der Indus­trievergangenheit: 7668 lautet die Farbnummer für Bron­ze. „Die Weber haben sie an der Wand notiert“, erklärt Lara Himmel (36). Sie steht im Obergeschoss der alten Bleichhalle, die erst vor wenigen Wochen in einen Verkaufsraum umgewandelt wurde und die auch in Berlin stehen könnte. Durch die un­gespachtelten Wände schimmert an vielen Stellen der 100 Jahre alte Backstein, die neue Heizungsanlage verläuft mit dunklen Rohren oberirdisch, an den Wänden lehnen alte Holzleitern.

„Die haben wir tatsächlich noch vor kurzem in der Weberei verwendet“, erzählt Adrian Seegers (33), der die Firma zusammen mit seiner Schwester in neunter Generation leitet: „Sie mussten aussortiert werden, weil sie runde Stufen haben, das wird von der Unfallversicherung nicht mehr akzeptiert.“ Das macht die historischen Holzteile aber zum begehrten Deko-Objekt – und passt zum Stil: „Weiße Wände kann jeder, das hier ist gelebte Geschichte.“

300 ­000 Euro haben die Geschwister in Sanierung und Umbau investiert, auch ein kleines Café ist dabei entstanden. Doch die Eröffnung im Juni wurde überschattet von einem Todesfall – sein Vater, mit dem der gelernte Bürokaufmann Seegers zwölf Jahre das Unternehmen geleitet hatte, starb nach kurzer, schwerer Krankheit. „Er hat die Firma durch die schwerste Zeit gebracht“, sagt Seegers junior, und in seiner Stimme schwingt große Anerkennung mit. Anders als der Großvater, der sich rein als Kaufmann sah, habe er sich das komplizierte Webhandwerk selber beigebracht – „um zu verstehen, wie es funktioniert. Das Wissen hat er dann an mich weitergegeben.“

Wie ein Tischtuch entsteht, das können sich viele Menschen heute nicht mehr wirklich vorstellen. „Dabei hat sich an der Technik seit der Zeit der alten Ägypter nicht viel verändert“, sagt Lara Himmel und lacht, „es geht darum, Fäden miteinander zu verknüpfen.“ Doch der Ausbildungsberuf „Maschinenführer Textil“ ist vom Aussterben gedroht, ebenso der „Kartenschläger“. Die 20 Webstühle, die bei Seegers & Sohn in der 100 Jahre alten Halle einen Höllenlärm veranstalten, laufen – noch – über ein Lochkartensystem, das den Schussfaden korrekt in die Kattgarne einfädelt und so Muster entstehen lässt. „Wir haben Lochkarten für 30 ­000 verschiedene Muster“, erzählt Seegers im Archivraum, wo die zum Teil etliche Meter langen Karten für komplizierte Motive ab­gelegt sind.

Die Firma ist der Tradition verpflichtet – „doch mit der Anschaffung von zwei neuen Webstühlen werden wir auch die Digitalisierung starten“, sagen die Geschwister, die 2010 den 175. Firmengeburtstag feierten. Und fünf Jahre später den 250. Wie geht das denn? „Wir sind rasend schnell gealtert“, sagt Lara Himmel mit einem Schmunzeln. 1835 galt im­mer als Gründungsjahr des Unternehmens – „weil das so im Briefkopf stand, der seit Generationen geführt wurde“. Zum Jubiläum habe man aber einen Ahnenforscher beauftragt, der habe herausgefunden, dass bereits 1765 ein Johann Seegers in Steinhude mit zwei Gesellen die die damit älteste Weberei Deutschlands betrieben habe.

Das Familienwappen der Seegers’ zieren zwei Flachspflanzen, die Schaumburger Rose, eine Spindel und drei Webschiffchen. Queen Elizabeth II. (91) hat im Juni 2015 bei ihrem Bankett mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (63) und dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck (77) in Schloss Bellevue auf ein anderes Muster auf der Seegers-Tischdecke geguckt – die Firma hat auch eine Lochkarte mit Bundesadler. Die wird aktuell gebraucht: Die deutsche Botschaft in Moskau hat einen 9,80 Meter langen Läufer für eine Tafel geordert. „Da passt das Wappen sechsmal drauf“, freut sich Seegers.

Er erzählt noch die Anekdote zum Staatsempfang für den französischen Präsidenten Jacques Chirac (84): „Bestellt war eine Tischdecke in Reinleinen. Die war aber so strahlend weiß, dass sie das Licht reflektiert hat und die Fotografen gemeckert haben.“ Die Staatschefs bekamen dann noch schnell ein Extra-Modell in Halbleinen ...

 

Von Andrea Tratner