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Vielseitig: Sebastian Koch ist einer der gefragtesten Charakterdarsteller Deutschlands.

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Sebastian Koch: „Man kann nicht immer Ja sagen“

In der Filmbranche ist er ein gefeierter Star, aktuell kommt Sebastian Koch (55) aus New York von der Emmy-Verleihung zurück. Am 29. November liest der vielfach ausgezeichnete Schauspieler Dostojewskis „Der Spieler“ in Hannover – die NP sprach mit dem Charismatiker.

Hannover.  

Herr Koch, bereits als Teenager haben Sie Bücher von Dostojewski gelesen, warum eigentlich? Ist ja nicht gerade typisch für einen Heranwachsenden.

Weil das spannend ist und zugleich Weltliteratur, die leicht zugänglich ist. Ich war 16, habe schon ein bisschen die Zusammenhänge verstanden. Dostojewski hat jedenfalls eine Art zu schreiben, die einen reinzieht. Ich zumindest bin der Leidenschaft verfallen. Sturm und Drang sind außerdem Dinge, die dann doch zum Teenager passen ().

Was hat Sie an Ihrem Werk „Der Spieler“ begeistert?

Ich fand damals die Liebesgeschichte zwischen Aleksej und Polina sehr faszinierend und romantisch, war von Dostojewski als Ich-Erzähler angetan. Als ich vor ein paar Jahren gefragt worden bin, ob ich den „Spieler“ im Casino in Bad Homburg lesen will – Dostojewski ist mehrfach dort gewesen –, habe ich sofort zugesagt, ohne überhaupt nachzudenken. Was für eine tolle Idee, den Ort und den Roman nach so vielen Jahren wieder zusammenzubringen. Erst Tage danach habe ich realisiert, auf was ich mich einlasse.

Warum das?

Weil die Geschichte vorgelesen sechs bis acht Stunden dauert. Also musste ich sie kürzen, es hätten ganze Passagen raus gemusst, was aber den Fluss gestört und die Geschichte kaputt ge­macht hätte. Auf der Suche nach einer Lösung dachte ich: Was berührt mich am meisten? Und so habe ich die mächtige alte Dame aus Moskau herausgearbeitet, um die sich alles dreht – von ihrem ersten Aufritt bis zur Abreise.

Die Babuschka ...

... auf deren Tod und ihr reiches Erbe alle warten, sie beim Roulette aber ihr Vermögen verspielt. Das passt der munteren Gesellschaft um sie herum natürlich überhaupt nicht. Sollte sie tatsächlich alles verlieren, wä­ren sie wieder völlig auf sich selbst gestellt. Eine beeindruckende Metapher: auf Kosten anderer zu leben, ohne selbst Verantwortung zu übernehmen. Das ist für mich heute viel spannender als die Liebesgeschichte.

Bei Lesungen werden Sie musikalisch begleitet. Ist bei uns Roberto Russo am Bandoneon wieder dabei?

Er ist verschollen, ich weiß leider nicht, wo er ist. Niemand weiß, wo er abgeblieben ist, nicht einmal seine Mutter. Ich habe ihn anderthalb Jahre gesucht, auch in seiner Heimat Argentinien. Wir haben lange zusammengearbeitet, ich weiß einfach nicht, wo er ist. Fast wie in einem Spielfilm ...

Und nun?

Bringe ich Vassily Dück mit, er ist ein wunderbarer Akkordeonspieler. Für uns wird es eine Premiere in Hannover sein, die sicher toll wird. Anders, aber toll. Ich freue mich riesig darauf.

Sind Sie denn so einer, der Risiken eingeht und etwas verzocken könnte?

() Nee, ich habe dann die Kraft, aufzustehen und zu gehen. Als ich in Darmstadt am Theater gespielt habe, war ich alle halbe Jahre in Wiesbaden im Casino. Roulette macht irre Spaß und hat auch einen unendlichen Sog. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Glücksspiel Menschen wegträgt.

Worauf haben Sie gesetzt: Farben oder Zahlen?

Alles (). Erst waren es Farben, dann Zahlen, man tastet sich da so heran. Wenn die eigene Zahl gewinnt, ist das schon ein großartiges Gefühl.

In Ihrem Beruf schauen Sie ganz genau hin, was für Rollen Ihnen da angeboten werden. Nach welchen Kriterien suchen Sie diese eigentlich aus?

Zuerst frage ich mich, ob es den Film geben muss, ob ich ihn gucken würde. Dann, ob er eine Bedeutung hat. Schließlich überlege ich, was er für mich für eine Bedeutung haben könnte – in welcher Form auch immer. Und mit welchen Menschen ich währenddessen meine Zeit so verbringe (). Ich habe schon sehr gern, wenn es leidenschaftlich zugeht.

Wie oft haben Sie schon Angebote abgelehnt?

Unendlich oft.

Gehört da Mut dazu?

Ja, klar. Aber deswegen kann man ja nicht immer „Ja“ sagen. Das genau ist ja der Punkt. Ich sehe zu, dass ich auf meine innere Stimme höre, und danach entscheide ich.

Wie lange mussten Sie für die Rolle Otto Düring, den Sie ja in der fünften Staffel von „Homeland“ gespielt haben, überlegen?

Lange, länger. Ich habe viele lange Gespräche geführt, in welche Richtung das gehen soll. Für mich war es eine große Entscheidung, für längere Zeit zu unterschreiben. Ich bin nicht so der Serienmensch, ich mag es nicht, etwas lange zu machen.

Hat es Ihnen trotzdem gefallen?

Es war eine tolle Erfahrung. Ich habe es aber gern, wenn ich mitreden kann und Teil des Prozesses bin. Eine Folge ist in sieben Drehtagen entstanden, das war alles sehr eng getaktet. Viel Zeit und Kapazitäten, sich näher einzubringen, ist da nicht. Und Zeit – die ist teuer im Film.

Ist es anders, für amerikanische Produktionen vor der Kamera zu stehen?

Homeland kommt auch aus den USA, ist aber eine TV-Produktion. Bei Steven Spielberg bleibt sehr viel Zeit für das Kreative, obwohl das Setting sehr groß ist. Dort war es sehr angenehm, gemeinsam zu entwickeln. Bei „Stirb langsam“ war der technische Aufwand so groß, dass da kaum Zeit fürs Entwickeln am Set gewesen ist. Generell kann man nicht sagen, dieses oder jenes sind die Unterschiede.

Nach einer Ewigkeit sind Sie wieder in Hannover. Was fällt Ihnen zu unserer Stadt ein?

Dass es Menschen in Deutschland gibt, die als Beschimpfung sagen: „Hier sieht es aus wie in Hannover in der Fußgängerzone“ (). Aber bis auf ein paar gute Freunde, mit denen ich auch schon auf dem Roof Garden war, habe ich wenig Kontakt zu der Stadt.

Können Sie mehr von Ihrem aktuellen Projekt „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck sagen?

Nee (). Es ist ein tolles Drehbuch, sehr emotional und intelligent. Es kann ein großer Film werden, und ich freue mich, dass ich dabei bin.

Von Mirjana Cvjetkovic


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