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Konzert

Schwerelos in Hannover: Helene Fischers Tour-Auftakt

Fünf Shows in sechs Tagen, es gibt nur noch vereinzelt Restkarten – Dienstag ist Helene Fischers (33) Stadion-Tour in der Tui-Arena gestartet.

Hannover. Es ist 21.15 Uhr, kurz vor der Pause. Helene Fischer trägt das vierte Kostüm des Abends, ein Traum in Weiß und als Reifrock ein echter Springbrunnen. Es ist ein Bild wie aus einer anderen Welt. „Wenn du lachst“, singt sie, „fängt alles an zu strahlen.“ Im Publikum nur glückliche Gesichter. 10 000 Menschen erleben einen Abend, der zugleich Erhöhung des und Flucht aus dem Alltag ist.

Es ist eine Drei-Stunden-Show, die in Deutschland unvergleichlich ist, und auch international ganz oben mitspielt. Wochenlang haben sich Fischer und ihr 150-köpfiges Team in der Dortmunder Westfalenhalle eingeschlossen, um daran zu arbeiten. 69 Termine umfasst die Tour. In jeder Stadt gibt es gleich mehrere Konzerte. In Hannover, dem Auftaktort, sind es fünf. Zwölf Tänzer und neun Musiker bevölkern die gigantische Bühne, Artisten, geschult vom Cirque du Soleil, zwei geschwungene Laufstege, einer bis zur Hallenmitte, und dazu Fischer selbst, stets mitten drin statt nur dabei. Schon zum ersten Lied, „Nur mit dir“ fliegt sie ein und dann gleich noch ein paar Ehrenrunden. Bei „Herzbeben“ in der zweiten Hälfte, dreht sie sich weit über der Bühne, nur gehalten von ihrem Partner. Ein atemloses Schauspiel.

Schwerelos geht es in die Nacht. Kostümwechsel alle paar Lieder, vom blauen Glitzer-Body zum kleinen Goldenen und Minikleid mit Uniform-Tressen. Helene Fischer, die Perfektionistin.

Doch sie, die angeblich so perfektionistische Menschmaschine, erlaubt einen Blick hinter die Fassade, erzählt, dass auch sie vor so einer Premiere Selbstzweifel und Ängste habe, erteilt lachend Babygerüchten eine Abfuhr („das ist immer noch nichts“) und ermuntert die Frauen im Publikum: „Lasst euch von keinem Menschen einreden, dass ihr nicht schön seid.“ Es haben halt nur nicht alle so viel Glück wie Frau Fischer: Sie hat Stimme, beneidenswerte Körperbeherrschung, Erfolg und Ruhm und dazu daheim einen Florian Silbereisen – „mit zerrissenen Jeans um die Häuser ziehen“, ja, das kann sie mit keinem Anderem.

Helene Fischer, Projektionsfläche, Schlagergöttin und doch eine von uns, das ist die Botschaft dieser High-End-Show. Kaum ein Song ohne besonderen Effekt: Zu „Phänomen“ gibt es eine Trommelshow. „Das volle Programm“singt sie von einem Podest, der in den Bühnenhimmel wächst. Bei „Die schönste Reise“ schreitet sie durch Schilf. Von einer schwebenden Plattform im hinteren Hallendrittel singt sie „Du hast mich stark gemacht“, ihre Liebeserklärung an ihre Eltern, und fliegt über einem Sternenhimmel aus Handylichtern. Nicht immer fügen sich Spektakel und Lied-Inhalt, aber es ist atemberaubend.

Die Band, die immer wieder in die Katakomben und wieder heraus gefahren wird, gibt immer ordentlich Butter bei die Fischer: Karibische Steeldrums zu „Ich möcht immer wieder ... dieses Fieber spüren“, ein Techno-Intro zu „Sowieso“, Hardrock-Klänge für einen Dancebattle der Tänzer in einer der Umkleidepausen.

„Achterbahn“ muss sich vor keiner modernen Dance-Nummer verstecken; „Lieb mich dann“ ist einfach eine schöne Pop-Ballade. Und „Atemlos“? Klingt schon im Intro an. Wird später zu einer Tanzeinlage als Country-Stück angedeutet. Und ist dann schließlich als Zugabe, klar, ein Triumph.

Schlager klar, aber immerhin ehrlich. „Viva la Vida“, mit der Zeile „Ein Hoch auf diesen Tag“, kanalisiert Coldplay und Andreas Bourani zugleich, und bleibt doch mit seinem südamerikanischen Rhythmen in der Tradition des guten alten Fernwehschlagers. Hier geht es immer schon um den Menschen-Leben-Tanzen-Kosmos, den heute die deutsche Pop-Poeten so erfolgreich beackern. Und um die ganz großen Dinge: die Liebe zuallererst, der Moment, der zur Ewigkeit wird und den sie heute dutzendfach ihren Fans schenkt. Und darum, dass man, wenn man den Boden verliert, auch schweben kann. Für diese Himmelstürmerin geht es immer nur weiter nach oben.

Stefan Gohlisch