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Hannover  Samuel Koch vor seiner Wohnung in Hannover

Samuel Koch spricht vor seiner Wohnung in Hannover mit NP-Redakteurin Mirjana Cvjetkovic.© Rainer Droese

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Schauspiel

Samuel Koch: Abschied aus Hannover

Jetzt ist er weg: Samuel Koch (26) ist Freitag aus der Calenberger Neustadt nach Darmstadt gezogen. Dort ist der Schauspieler künftig am Staatstheater unter Vertrag. Mit der NP sprach Koch über seine vier Jahre in Hannover.

Hannover. Calenberger Neustadt, Anfang der Woche: In seiner Wohnung im vierten Obergeschoss stapelten sich gepackte Kartons, Bilder hingen nicht mehr an den Wänden. Chaotisch wäre das falsche Wort - doch wohnlich war es bei Samuel Koch (26) nicht mehr. Aber so ist es nun mal, wenn man umzieht: Der frisch gebackene Schauspieler mit Diplom nennt seit gestern Darmstadt sein neues Zuhause, der 26-Jährige gehört dort zum Ensemble des Staatstheaters.

„Die Stadt ist schöner als erwartet“, sagt Koch, als ihm die NP einen Abschiedsbesuch abstattet. „Noch viel kleiner und überschaubarer als hier.“ Das Überschaubare gehört zu den Dingen, die dem Blondschopf - hier lebte er vier Jahre - an der Leine gut gefallen haben. „In Hamburg und München habe ich zwei Stunden mit dem Rad gebraucht, um von A nach B zu kommen, hier höchstens 30 Minuten. Es ist alles so schön nah beieinander.“ Schön - das Wort benutzt Koch, der seit seinem fatalen Sturz bei „Wetten dass..?“ Ende 2010 im Rollstuhl sitzt, häufig, wenn er über Hannover spricht. Dabei wäre es fast in die Hose gegangen, dass er hierher zieht. „Ich kam fünf Stunden zu spät zur Aufnahmeprüfung“, erinnert er sich an den Tag Anfang 2010. Der Wecker war für vier Uhr gestellt, um acht wurde Koch wach. In Heilbronn. Er überlegte: „Geh ich hin? Geh ich nicht hin?“ Unter der Dusche und eine dreiviertel Stunde später der Entschluss - „ich gehe!“ Vor allem war er gespannt auf Tanzen, Fechten und Akrobatik im Studiengang Schauspiel der Hochschule für Musik, Theater und Medien an der Expo-Plaza.

Trotz Verspätung durfte er vorsprechen - und überzeugte als schizophrener Franz Pinsel aus dem Stück „Terrorprogramm“ von Marc Becker (45): „Meine Lieblingsrolle.“ Kurz später kam die Zusage. Das Studium ging los, „und ziemlich schnell war es ziemlich schön“, erzählt er. Und das auch dank der Kommilitonen, seinem Ensemble. „Wir wurden der Kuscheljahrgang genannt, hatten eine spannende Zeit zusammen.“ Leider auch eine traurige. Seine Klasse besuchte ihn in der Schweiz, nachdem er die ersten drei Monate auf der Intensivstation hinter sich gebracht hatte. „Sie haben für mich gesungen, getanzt, mich massiert. Es war der erste schöne Tag nach dem Unfall“, resümiert Koch seinen Krankenhausaufenthalt.

Schöne Tage hatte er auch in Hannover, trotz anfänglicher Bedenken - „Oberflächlichkeit“ hatte Koch hier vermutet. Aber Fehlanzeige, „die Leute sind überaus nett und es immer was los, rund um die Uhr.“ Das viele Grün in Hannover wird er vermissen, und auch die Kioske mit ihren „eloquenten und freundlichen Besitzern“. Schön fand er auch seine Wohnung: „Morgens und abends hatte ich immer Sonne. Tagsüber nicht, da war ich aber auch nie da“, sagt er und lacht.

Richtig viel war er mit seinem Elektrorollstuhl unterwegs. Nur ins Kino zu kommen, das ging oft nicht. Und gehört zu den Dingen, „die in Hannover doof waren.“ Aus „evakuierungstechnischen Gründen“ hat man ihn nicht reingelassen, auch wenn ihn sein Bruder Jonathan (18) und Pfleger rein- und wieder rausgetragen hätten.

Viele haben ihn gefragt, wie er es bloß schafft, so viel zu machen. „Nicht alleine. Da sind unter anderem Therapeuten, Freunde und Pflegeassistenten, ohne die das alles nicht gegangen wäre“, betont er. Deswegen hat er sich Dienstagabend bei ihnen bedankt - mit Kinderschokolade! Er hat die Packungen mit seinem Konterfei statt dem des Jungen, der die Packung sonst ziert, bekleben lassen. Vielleicht ist ja eine übriggeblieben, die er in Darmstadt in einem der vielen Kartons wiederfindet. Als Erinnerung an Hannover. Zumindest die Packung könnte er sich ja an eine der noch nackten Wänden hängen.