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Hannover, Ricardo Ferrer hat einen Chip unter der Haut.

Ricardo Ferrer hat einen Chip unter der Haut.© Behrens

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Technik

Ricardo Ferrer Rivero - der Cyborg von Linden

In Film und Literatur längst Realität, im Alltag noch selten anzutreffen: Menschen, die sich ohne medizinische Not Computertechnik einpflanzen lassen. So ein Mensch ist Ricardo Ferrer Rivero. Was er damit bezweckt, sich davon verspricht, hat er der NP erzählt. Und wir erklären, welche Technik dahinter steckt.

Hannover. Die Verwandlung vom Menschen zum Cyborg geschah während der Computertechnik-Messe Cebit im März. Vor Publikum und per Videoübertragung im Internet. „Eigentlich wollte ich meine Eltern in Venezuela damit schockieren, doch das hat nicht so geklappt. Die sind offenbar schon daran gewöhnt, dass ich so verrückte Sachen mache“, sagt Ricardo Ferrer Rivero (32) und reibt sich unbewusst die linke Hand mit seiner rechten. Links, im Dreieck zwischen Daumen und Zeigefinger, sitzt jetzt ein Mikrochip, der Daten speichern und etwa mit einem Handy austauschen kann (siehe Info). „Jetzt bin ich ein Cyborg - ein Mensch mit implantierter Technik“, sagt Rivero, und seine Augen leuchten, während seine Mimik dabei noch einen Hauch Unsicherheit verströmt, was das am Ende wohl alles bedeuten wird.

Auf einer Veranstaltung in Amsterdam hat der hannoversche Unternehmer Bekanntschaft mit der Technik gemacht: „Ich habe da ganz viele Leute mit Chips gesehen, die so ihre Kontaktdaten getauscht haben - und ich hatte noch ganz normale Old-School-Visitenkarten!“

Von da an geisterte der Mikrochip für unter die Haut in seinen Gedanken. Während eines Besuchs auf der Cebit traf er zufällig auf den Anbieter „Digiwell“ - und der wollte die Sache dem Publikum vorführen, brauchte ein „Model“. Für Rivero die Gelegenheit, und er sagte ja.

Der Chip kommt via Spritze unter die Haut, ohne lokale Betäubung, nur desinfiziert. „Das fühlte sich ein bisschen an wie beim Blutabnehmen. Natürlich ist das noch immer Gesprächsthema. Doch inzwischen merke ich den Chip nicht mehr so häufig - ich denke, das wird sich wieder ändern, sobald es mehr Anwendungen gibt und ich ihn öfter einsetze.“ Auto- oder Haustüröffner, Zahlfunktion, Login ohne ein Passwort zu tippen, das Handy entsperren, Web-Links teilen - das ist nur der Anfang. „Sobald es bessere Mikrochips gibt - solche, die das Potenzial haben, meinen Alltag zu vereinfachen, zu verbessern - werde ich mir die einsetzen lassen“, sagt Rivero. Etwa solche, die auch Körperfunktionen registrieren. Zuhause lässt er seinen Schlafrhythmus bereits durch einen Sensor im Bett aufzeichnen und auswerten.

Rivero ist Gründer der Firma PEY, entwickelt mit ihr Bezahlterminals für die Internet-Währung Bitcoin. Etwa 40 Firmen in Hannover akzeptieren Bitcoin-Zahlungen mit Hilfe von PEY. Die Bezahl-Terminals ähneln den EC-Karten-Lesegeräten - bloß dass man hier sein Smartphone dranhält. Rivero tüftelt mit seinen Mitarbeitern - vier von fünf haben sich den Chip auch schon spritzen lassen - an einem Programm, das es möglich macht, künftig mit dem Chip plus Geheimnummer an den Terminals zu zahlen, zudem soll er als Türöffner für das Co-Working-Projekt „Hafven“ (moderne Form der Arbeitsplatzorganisation, NP berichtete) in der Nordstadt eingesetzt werden. Ziel: ab Jahresende/Anfang 2017.

Im Freundes- und Bekanntenkreis weiß man offenbar schon, wie „Ric“ - Erkennungszeichen: zwei Handy-Halter unter den Achseln - so tickt: Es habe viel weniger kritische Reaktionen gegeben, als er erwartet habe: „Die Leute regen sich mehr darüber auf, dass ich mich seit mehr als einem Jahr zu 80 Prozent flüssig ernähre, weil ich keine Zeit zum Essen habe.“ Um die Kaumuskulatur bei Laune zu halten, kaut Rivero zwischendurch Süßholz. Und wenn er Lust hat, beißt er richtig zu: „Die 20 Prozent genieße ich dafür viel mehr als früher. Das ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern ein Erlebnis für mich.“

Rivero hat sein Implantat auf der Cebit von Digiwell (vertreibt die Implantate in Deutschland) erhalten. Noch in diesem Jahr soll laut Digiwell-Chef Patrick Kramer ein neues Modell auf den Markt kommen, derzeit wird es gerade erprobt. „Das Implantat wird flach sein, nur 0,4 Millimeter, und durch einen kleine Schnitt unter die Haut geschoben“, erklärt Kramer, der selbst seit einigen Jahren Implantatträger ist und jetzt gerade auch seine Frau davon überzeugt hat. „Der neue ist kaum noch spürbar, man kann draufdrücken und es tut nicht weh.“ Eine kleine Schnittnarbe wird bleiben, doch das sei unerheblich, sagt Kramer: „Ich habe mehr Narben von meinem Hund als durch Implantate!“

Wie viele Menschen sich schon einen derartigen Chip haben einpflanzen lassen, ist nicht bekannt, ein paar Tausend sollen es in Deutschland mittlerweile sein. Allerdings machen Ärzte das wohl nicht so gerne - da helfen Piercing-Studios.

„Einen Cyborg Stammtisch in Hannover gibt es noch nicht“, sagt Rivero, der mit seiner Firma im Edelstall (Capitol, Linden) an der digitalen Zukunft arbeitet. Für eine Kontaktaufnahme Gleichgesinnter ist er offen: ric@pey.de

Und wer vom Cyborg-Sein genug hat: ein kleiner Ritzer, Kapsel rausdrücken - Pflaster, fertig.

Der Cyborg - halb Mensch, halb Technik

„Cyborg“ bezeichnet ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt werden.
Der Name leitet sich vom englischen „cybernetic organism“ ab. Da Cyborgs technisch veränderte biologische Lebensformen sind, zählen sie nicht zu den Robotern und sollten nicht mit deren Untergruppe, den Androiden, verwechselt werden. Demnach ist der „Terminator“ aus der gleichnamigen Filmreihe kein Cyborg, sondern ein Androide: ein Roboter mit lebender Außenhülle. Er ist oder war kein Mensch – so wie „Data“ aus der Serie Star Trek. Der mächtige „Darth Vader“ aus „Krieg der Sterne“ ist hingegen ein Cyborg: Seine noch als Mensch Anakin Skywalker erlittenen Verletzungen durch einen Sturz in flüssige Lava im Kampf mit dem Gegenspieler Obi Wan Kenobi wurden durch Technik kompensiert.

Zahlen per Handauflegen - so funktioniert die Technik

Zahlen oder Türen öffnen per Handauflegen: Der bei Ricardo Ferrer Rivero eingepflanzte Mikrochip nutzt die RFID-Technik (Radio Frequency Identification, Identifizierung mit Radio-Wellen), mit der auf kurze Distanz Daten übertragen werden können. Das Lesegerät (hier ein Handy) mit NFC-Funktion (Near Field Communication, Kommunikation in der Nähe) versorgt den Chip auch nahezu berührungslos mit Energie (Induktion), so dass im Körper keine Batterie erforderlich ist.
Das Prinzip ist das gleiche wie beim berührungslosen Zahlen mit Karten an der Ladenkasse oder in Tankstellen, auch viele Textilien sind mit solchen Chips versehen (Diebstahlschutz, Warenwirtschaftssystem) – und Reisepass (seit 2005) sowie Personalausweis (seit 2010).
In die Welt des Sports hat diese Technik ebenfalls Einzug gehalten. Fans des argentinischen Fußball-Erstligisten Tigre (Buenos Aires) etwa können die Leidenschaft für ihr Team nun unter der Haut tragen, meldete vor einiger Zeit die Nachrichtenagentur dpa. Der Verein habe seinen Mitgliedern für eine Experimentierphase angeboten, sich einen Chip einsetzen zu lassen, um Zugang ins Stadion zu bekommen – falls sie keine Vereinsbeiträge schuldig sind. Der Chip übermittelt einem Lesegerät am Stadioneingang die Daten des Trägers.
Meist wird nur vom Chip gesprochen. Genaugenommen nennt sich das Implantat „Tag“ (englisch für ,Markierung‘, ,Etikett‘) – das ist die Glaskapsel mit Antenne und Chip. Der von Rivero misst zwei mal zwölf Millimeter und hat 800 Byte nutzbaren Speicher – das reicht für Visitenkarte und einige weitere kleine Datensätze, vor allem Web-Adressen, die ihm wichtig sind. Chip-Hersteller ist NXP, das bioverträgliche Glas vom deutschen Hersteller Schott, Produzent ist die Firma „Dangerous Things“, Anbieter in Deutschland „Digiwell“. Ein Set mit „Tag“, „Einbau“-Spritze und medizinischen Hilfsmaterialien (Desinfektion, Verband) kostet etwa 93 Euro samt Versand.


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