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SOUVERÄNE GESTE: Babak Rafati hat auch inter-nationale Spiele gepfiffen (oben).Im Gespräch mit NP-RedakteurinMirjana Cvjetkovic wirkt er ruhigund gefasst.Foto: Petrow

SOUVERÄNE GESTE:
Babak Rafati hat auch inter-
nationale Spiele gepfiffen (oben).
Im Gespräch mit NP-Redakteurin
Mirjana Cvjetkovic wirkt er ruhig
und gefasst.
Foto: Petrow© Herrmann J. Knipppertz

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Geständnis

Rafati hatte keine Kraft mehr zu leben

Profi-SchiedsrichterBabak Rafati hat im November 2011 versucht, sich umzubringen. Über die Hintergründe hat er ein Buch geschrieben: "Ich pfeife auf den Tod". Mit der NP sprach er offen über sein "Seelenleben".

Hannover. Er weiß noch genau, was er am 10. November 2009 gedacht hat - dem Abend, als 96-Torhüter Robert Enke (32) Selbstmord begangen hat: „Wie kann ein Sportler, der so erfolgreich ist, beliebt ist, Anerkennung hat, so etwas bloß tun?“

Zwei Jahre und neun Tage später wurde Profi Schiedsrichter Babak Rafati (42) kurz vor einer Bundesliga-Partie in seinem Hotelzimmer im Kölner Hyatt gefunden. Verzweifelt, vom Kummer zerfressen, von Zweifeln geplagt, vom Alkohol benebelt, hatte er sich mit einem zertrümmerten Sektglas die Pulsadern aufgeschnitten. Auch Rafati wollte nicht mehr leben. „Ich hatte bis dahin tatsächlich kein Verständnis für Enkes Tat“, sagt der Hannoveraner der NP, „heute sehe ich das ganz anders.“

Anderthalb Jahre sind nach seinem Suizidversuch vergangen,der 42-Jährige hat ein Buch geschrieben. Damit will er anderen Menschen helfen: „Es war mir wichtig zu zeigen, wie weit es mit einem gehen kann. Wenn man Dinge über sich ergehen lässt und sich keine Hilfe holt.“ Es ist aber auch ein Buch, in dem er offen sagt, dass ihn Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel (49) zu der Tat getrieben hat. „Ich fühlte mich systematisch gemobbt. Er hat mit allen Mitteln versucht, mich loszuwerden“, sagt Rafati knallhart. „Dennoch bin ich ganz allein dafür verantwortlich, was passiert ist“, schränkt er ein. Sein Buch sei keinesfalls eine Abrechnung - „es sind schonungslose Einblicke in mein Seelenleben“.

Die Seele Rafatis hatte schon lange vor dem fatalen November-Tag angefangen zu leiden. „Es war ein Prozess, der anderthalb Jahre andauerte. Um genau zu sein, seit dem Führungswechsel in der Schiedsrichterspitze“, berichtet ein gefasster Mann in Kastens Hotel Luisenhof in der City. Zweieinhalb Stunden hat er sich genommen, um zu schildern, was ihn zu der „rational nicht erklärbaren Tat“ getrieben hat. Ein „Macher-Typ“ war er, ein Sunnyboy, der auf dem Fußballplatz als arrogant galt. Es hatte den Anschein, als könne ihn nichts und niemand erschüttern. Auch nicht heftige Kritik, an seinen Leistungen als Schiedsrichter. „Trotzdem sind Dinge passiert, die mich sehr verletzt haben“, sagt er. Insbesondere war es der Satz „Alle dürfen Fehler machen, nur du nicht, Babak“, den Fandel zu ihm gesagt haben soll. „Man ist menschenunwürdig und respektlos mit mir umgegangen“ lauten seine Vorwürfe. So erfuhr er quasi nebenbei, dass man ihn von der Liste der FIFA-Schiedsrichter gestrichen hatte.

Rafati fühlte sich in der Schiedsrichter-Elite des Landes ausgegrenzt. „Perfektionist“ Rafati empfand „panische Angst, Fehler zu machen“, wurde aber gewarnt, so etwas laut zu äußern: „Das ist in einer Leistungsgesellschaft wie dem Spitzensport Fußball nicht erwünscht.“ Schließlich verlor er die Selbstliebe, die Liebe zu anderen Personen, den Kontakt zum Körper: „Nur der Kopf hat in dem Gedankenkarrussell noch gearbeitet. Und irgendwann war es so, dass ich keine Kraft mehr hatte zu leben.“ Was sich angestaut hatte, empfand er nur noch als Hass und Wut: „Und dann ist es passiert. Das Hirn schaltet aus, ich war wie ferngesteuert.“

Damit ihm das nie wieder passiert, ging er in Therapie. Auch seine Frau Rouja (30) ist in Behandlung. „Sie muss lernen, mit der Angst umzugehen, dass ich mir noch einmal etwas antue“, sagt Rafati, „ich war eine tickende Zeitbombe.“ Ist er noch gefährdet? „Ich bin über den Berg!“, so Rafati. Er wisse jetzt, wie er mit Problemen umgehen kann. Und die positive Rückmeldung auf sein Buch tue gut.

Die Sparkasse hat dem Bankkaufmann die Option gelassen zurückzukommen. Kann er sich auch vorstellen, wieder Schiedsrichter zu sein? „In Deutschland komme ich nie wieder zurück auf den Platz“, sagt er. Aber woanders? „Klar! Ich war Schiedsrichter aus Leidenschaft. Was mir passiert ist, hatte nichts mit der Schiedsrichterei, sondern mit menschlichen Verfehlungen zu tun.“

Donnerstag ab 20.15 Uhr liest er in der Buchhandlung Hubendubel (Bahnhofsstraße).