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NP Interview

Purple Schulz: Songs sind seine "Notfallapotheke"

In Hannover ist er Dauergast, am Donnerstag stellt Purple Schulz (61) sein neues Album „Sing des Lebens“ in der Tanzschule Step by Step vor.

Hannover. Die NP sprach mit dem Musiker über Terror, Trost und Tanzen.

Herr Schulz, was ist Ihr Sinn des Lebens?

Mit meinen Songs das wahre Leben zurück in die Konzertsäle zu holen. Der deutsche Pop ist langweilig geworden, denn das aktuelle Geschehen in der Welt spiegelt sich leider überhaupt nicht mehr darin.

Das machen Sie mit Ihrem aktuellen Album sehr wohl: In „Das ist die Zeit“ nehmen Sie etwa Bezug auf den Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin.

Meine Frau Eri und ich sind seit mehr als 30 Jahren zusammen, schreiben gemeinsam die Lieder. Dann sitzen wir uns mit unseren Laptops am Küchentisch gegenüber, diskutieren über die Themen unserer Songs. An jenem Abend lagen unsere Handys neben uns und es erklang mehrfach der Ton von Eilmeldungen. Unmengen von Nachrichten folgten, die vom Anschlag berichteten. Das hat uns sofort eingeholt: Viele Freunde und Verwandte leben in Berlin, darunter unser jüngster Sohn und meine Schwägerin. Das hat uns natürlich sehr beschäftigt – auch wenn wir gewusst haben, dass es bei uns in Deutschland auch zu einem islamistischen Anschlag wie in Nizza, Paris und Barcelona kommen wird. Wir wussten nur nicht, wann. Jedenfalls haben wir für „Das ist die Zeit“ sofort diesen Text geschrieben, es sprudelte nur so aus uns heraus.

Hat der Anschlag Ihre Art zu leben verändert?

Nein, denn du weißt ja nie, wo der Terror als Nächstes zu­schlägt. Ich habe mich mit meiner Schwiegermutter darüber unterhalten. Sie ist über 80, hat während des Zweiten Weltkrieges im La­ger gesehen, wie Menschen tagtäglich sterben. Von ihr wollte ich wissen, wie sie den Terror heute empfindet. „Es ist schlimmer als damals. Weil du heute nicht mehr weißt, wo der Krieg stattfindet“, hat sie geantwortet. Das stimmt mich nachdenklich und zeigt mir, wie sehr wir uns schon an diesen Irrsinn gewöhnt haben. Außerdem bekräftigt es mich einmal mehr, mein Leben so zu leben, wie ich das möchte, und nicht, wie andere es erwarten.

Kann Musik Trost spenden?

Klar kann sie das. Man kann mit ihr aber auch was in Gang setzen.

Was zum Beispiel?

Mit Musik kann man bestimmte Dinge fokussieren. Mein Lied „Der letzte Koffer“ wird oft auf Trauerfeiern gespielt, mein Video zu „Fragezeichen“ als Schulungsmaterial für Pflegeschüler genutzt. Das macht mich glücklich, solche Dinge sind mein Anliegen, wenn du so willst, mein Sinn des Lebens. Denn so wird meine Musik zu einer musikalischen Notfallapotheke (lacht).

Ihre Tour haben Sie in einer psychiatrischen Einrichtung begonnen. Warum?

Weil innerhalb der Anstaltsmauern die Zahl der Bekloppten außerordentlich überschaubar ist, im Gegensatz zu draußen. Das Publikum dort kennt sich mit den Ab­gründen des Lebens aus, es reagiert außerdem sehr im­pulsiv. Jeder Tourauftakt findet dort statt, es ist einfach jedes Mal ein tolles Erlebnis, eine tolle Erfahrung.

Die Themen Alzheimer und Demenz umtreiben Sie auch. Warum eigentlich?

Ich bin seit diesem Jahr im Kuratorium der Deutschen Alzheimer-Stiftung. Die Krankheit habe ich hautnah durch meinen Vater erlebt. In dieser Hinsicht kommt meines Erachtens nach noch ein großes Problem auf uns zu, es gibt sehr viele Neuerkrankungen. Und die Situation in der Pflege ist einfach nur desaströs und katastrophal. Die Politiker aus den Wahlkampfarenen haben doch keinen blassen Schimmer, was da so abläuft.

Wie müsste man dem Thema denn Ihrer Meinung nach begegnen?

So verkürzt kann man das kaum beantworten. Mit mehr qualifiziertem Personal, das man nur mit besserer Bezahlung generieren kann. Die schlechte Bezahlung ist ja auch ein Teil des Skandals. Vor allem aber mit mehr Zeit für die Pflegebedürftigen, sie brauchen Zuwendung und Liebe. Das ist das Allerwichtigste.

Es gibt Fans, die wünschen sich vor der Show „dieses schöne Lied“ von Ihnen. Wissen Sie eigentlich, welches die meinen?

Ich rate manchmal (lacht). Und wenn ich schon während des Intros ein „Juhu“ höre, weiß ich, dass ich richtig liege.

Und welches Lied ist es denn meistens?

„Kleine Seen“. Ich weiß einfach, dass ich gekreuzigt werde, wenn ich es nicht im Programm habe.

In Hannover werden Sie es ja auch wieder spielen. Sie sind oft hier, ist mir aufgefallen.

Ja, vor allem spiele ich so gern in der Tanzschule von Chris Vogt. Das ist ein schöner, überschaubarer Raum, nicht zu groß, um mein sehr intimes Programm auf die Bühne zu bringen. Es ist ja kein Konzert im herkömmlichen Sinn, was ich da mache. Darüber hinaus verbindet mich zu Chris eine Freundschaft. Auch wenn Tanzen nicht so mein Ding ist. Wenn, dann so in der Kategorie Herbert Grönemeyer (lacht).

Purple Schulz spielt in der Tanzschule Step by Step (Melanchthonstraße 57). Karten kosten zwischen 28 und 43 Euro. Einlass ab 19.19, los geht es um 20.20 Uhr.