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Mensch-Hannover Onkel Olli braut für die Nordstadt
Menschen Mensch-Hannover Onkel Olli braut für die Nordstadt
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00:17 19.08.2017
Onkel Olli vor seinem Kiosk in der Nordstadt. Quelle: Florian Petrow
Hannover

Bei der Hektik und Anonymität, die eine Großstadt wie Hannover mit sich bringt, macht er nicht mit. Es ist Dienstag, kurz nach halb zwei und Onkel Olli, wie ihn hier alle nennen, sitzt gemütlich vor seinem Kiosk an der Lutherkirche (Nordstadt). Auf einer Leuchttafel über dem Laden steht in Großbuchstaben geschrieben: „Werde Brauereibesitzer. Denn: Bier ist viel mehr als nur 1 Frühstücksgetränk.“ Alle paar Minuten kommt jemand vorbei und grüßt: „Hi Olli.“ Der nippt genüsslich an seiner Himbeerbrause und grüßt freundlich zurück. Man kommt sich vor wie in einem Hundert-Seelen-Dorf.

Um vier ins Bett, um zwölf aufstehen

Der nette Onkel hat sich über die Jahre eine gewaltige Stammkundschaft aufgebaut. Bereits um diese Uhrzeit kommen alle zehn Minuten Menschen, um sich mit Bier oder Brause einzudecken. Der Laden läuft und der Onkel kann davon leben. Ständig fährt Marc Oliver Schrank (38), wie Olli mit richtigem Namen heißt, durch Deutschland und Europa und ist auf der Suche nach neuen Bieren für seinen Kiosk. Doch das reichte ihm irgendwann nicht mehr. Denn nun will der 38 Jährige sein eigenes Bier verkaufen. Am Sonntag soll der Startschuss für die Genossenschaftsbrauerei „Nordstadt braut“ gesetzt werden – ein in dieser Form einzigartiges Projekt.

Schranks guter Freund und Mitgründer Holger Tippe (links) und der Onkel selbst. Quelle: Nancy Heusel

Seine Liebe zu Getränken hat Olli schon früh entdeckt. Bereits während Schulzeit und Studium arbeitete er in Kiosken oder als Barkeeper. Sein Studium lief eher so nebenbei und nach sechs Jahren brach Olli es schließlich ohne Abschluss ab. Der Plan, einen eigenen Kiosk zu eröffnen, war zu verlockend. Und der Alltag eines Kioskbesitzers hört sich auch gar nicht so schlecht an: „Um 13 Uhr machen wir auf, dann bin ich teils bis zwei Uhr nachts im Laden. Dann esse ich noch irgendwo Abendbrot und gehe so gegen vier Uhr schlafen. Um zwölf stehe ich dann wieder auf.“ Klingt lässig, doch auch an seinen drei freien Tagen in der Woche hat Schrank viel um die Ohren.

Onkel Olli, der Politiker

Denn Schrank engagiert sich auch politisch, ist seit zehn Jahren Mitglied in der Fraktion „Die Partei“. Daher weiß man bei ihm auch nie so richtig, ob er das, was er einem so erzählt, wirklich ernst meint oder einen nur veräppeln will. Sein nächstes großes Ziel – neben der erfolgreichen Brauereigründung – ist der Einzug in den Landtag. Schrank kandidiert als Direktkandidat für „Die Partei“ im Bezirk Hannover-Mitte. Zwar weiß er, dass seine Chancen nicht sonderlich groß sind, doch würde er den Einzug tatsächlich schaffen, „würde ich meine Verantwortung natürlich sehr ernst nehmen“, sagt er mit ebenso ernster Miene. In Hannover sitzt Schrank bereits im Stadtbezirksrat Nord. Die Schließung des Kultclubs „Chèz Heinz“ anlässlich des Umbaus des Fössebades ärgert den 38 Jährigen besonders: „Die Lösung, die jetzt gefunden wurde, macht keinen Sinn. Da wird ein Olympiabad gebaut, obwohl ein Familienbad nötig gewesen wäre“, meint Schrank.

Onkel Olli (links) mit Freund und Geschäftspartner Constantin von Hase. Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Sollte seine politische Karriere Fahrt aufnemen, würde er den Kiosk wohl an seinen einzigen Mitarbeiter Reinhold Beermann (42) übergeben. „Reini steht seit der ersten Stunde an meiner Seite“ und ist ebenso wie Constantin von Hase (34) Genosse bei dem Projekt „Nordstadt braut“. „Constantin habe ich nachts bei einem Bier kennengelernt.“ Seitdem arbeiten die beiden zusammen – seit vier Jahren auch in ihrer eigenen Firma „Cocktail Bird“. Dafür bauten sie zum Beispiel eine Cocktail-Mischmaschine, die ab 2018 jeder mieten kann.

Zurück im Kiosk: Zwei junge Männer kommen rein, sie sprechen nur gebrochen Deutsch und sind auf der Suche nach einem speziellen Bier. Der Onkel nimmt sich der Sache an und schreitet mit den beiden kreuz und quer durch den Laden, um eine passende Alternative zu finden. Kurze Zeit später kommt ein weiterer Mann rein, nimmt sich zwei Pullen aus dem Kühlschrank und geht wieder. „Das läuft hier oft so. Das Geld hat er vorne auf den Tisch gelegt, kassiere ich dann gleich ab“, sagt Olli völlig entspannt. Diese Gelassenheit ist es wohl, die ihn bei seinen Nachbarn so beliebt macht.

So funktioniert die Mitmach-Brauerei

Rund eineinhalb Jahre nach der ersten Idee wird es am Sonntag ernst. Dann findet die Gründungssitzung der Genossenschaftsbrauerei „Nordstadt braut“ ab zwölf Uhr im Hafven (Kopernikusstraße 14) statt. Alle Bierliebhaber sind eingeladen. Das erste Pils ist bereits fertig und wurde schon bei zahlreichen Anlässen wie dem „Festival contre le Racisme“ oder dem Asternstraßenfest verkauft. Ab Ende August beginnt dann auch der Flaschenverkauf. Der 24er-Kasten soll 29 Euro kosten. „Um wirtschaftlich zu arbeiten, müssen wir 600 Kästen pro Monat verkaufen. In der Nordstadt werden im Monat 18 000 Kästen getrunken. Da sollte unser Ziel also realisierbar sein“, glaubt Mitgründer Holger Tippe (48).

Langfristiges Ziel der Bierliebhaber ist es, eine eigene Brauerei in Hannover zu errichten. Da soll dann nicht nur das eigene Bier (bis zu vier Sorten soll es irgendwann geben) gebraut werden. Auch so genannte „Kuckucks-Brauer“ dürften die Brauerei mieten, um ihr eigenes Traum-Bier zu brauen. Dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Aktuell lassen Onkel Olli und Co. nach ihrem Rezept in Lauenau und Altenau brauen und abfüllen. 380 000 Euro werden für die eigene Brauerei benötigt. Für 500 Euro kann man einen Geschäftsanteil erwerben. Das erste Bier heißt bezogen auf die Postleitzahl der Nordstadt: „30167 Pils“. Wie die künftigen Biere heißen, schmecken oder aussehen sollen – all das soll gemeinschaftlich und demokratisch entschieden werden. Prost!

Von Timo Gilgen

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