Navigation:

ERFOLGSGESCHICHTE: Mit Bildern wie diesen hält Nicole Jäger ihre Fans bei Facebook auf dem Laufenden – und motiviert sie zugleich.

|
Interview

Nicole Jäger: "Das Leben ist zu geil, um es wegzuwerfen“

Sie weiß, dass sie hätte längst tot sein können: Nicole Jäger (34) hat bis vor einigen Jahren 340 Kilo gewogen. Eine Panikattacke rüttelte sie wach, sie speckte 175 Kilo ab. Heute erzählt Jäger als Kabarettistin von ihren Erfahrungen.

Hannover. Frau Jäger, wann wurden Sie zuletzt wegen Ihres Gewichts komisch von der Seite angemacht?
Ehrlich gesagt, kann ich das gar nicht so genau sagen. Auf der Straße – bis auf Blicke – jedenfalls selten. Im Internet ist das eine ganz andere Sache. Unter dem Deckmantel der Anonymität lassen sich die Leute dann doch gerne mal aus. Im realen Leben noch nicht mal im Badeanzug (lacht). Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich durch mein Verhalten nicht zur Zielscheibe mache und nicht sage: Hey guck nicht so blöd, Du dumme Sau! Sondern alles mit einem Lächeln zu Boden bringe.

Ist es nicht eigentlich ein Wunder, dass Sie noch leben?
Ist es, ja. Es hätte auch anders ausgehen können, wenn ich nicht die Kurve bekommen hätte. Dann würden wir jetzt eher nicht miteinander sprechen.

Wie haben Sie die Kurve von Ihren Kurven bekommen?
Mit Mitte 20 habe ich morgens im Bett gesessen und dachte, ich hätte einen Herzinfarkt. So hat sich das angefühlt. Es war eine Panikattacke, was ich zu dem Zeitpunkt aber nicht wusste, gut so. Ich war einfach am Ende mit allem – der Psyche, der Gesundheit, dem körperlichen Wohlbefinden. Einfach jeder Bereich lag brach, das war mein Wendepunkt. Mir wurde bewusst, dass das Leben einfach zu geil ist, um es wegzuwerfen.

Da haben Sie unglaubliche 340 Kilo gewogen. Wie ist es dazu überhaupt gekommen?
Na durch Essen! Ich könnte jetzt auch was von schweren Knochen, Hormonen, familiärer Veranlagung erzählen. Man könnte sagen, ich bin das Mutterschiff des Mistbauens, ich habe die Ausreden alle erfunden! Es ist ein Suchtverhalten, eine Essstörung. Und wie jeder andere Süchtige habe auch ich mir jahrelang gesagt: So schlimm ist es doch nicht und ich kann jederzeit damit aufhören. Das stimmte aber nicht. Übergewichtige sind ja nicht dumm: Sie wissen sehr wohl, dass Kohlrabi weniger Kalorien hat als eine Pizza. Es ist Kontrollverlust.

Das war doch aber kein schleichender Prozess.
Nee, es war einfach zu viel von allem. Ich war 20 Jahre andauernd auf Diät, habe mir so letztlich den Stoffwechsel ruiniert. Ich habe entweder viel zu viel gegessen oder auch mal tagsüber überhaupt nichts und mir dann am Abend zwei Pizzen bestellt.

Wie gehen Sie es heute an?
So wie die meisten Menschen auch, weiß ich ja, was ich falsch mache. Zu allererst muss aber die Selbsterkenntnis kommen, dass man ein Problem hat. Ich habe mich gefragt, warum ich nur hungern oder nur fressen kann, warum es nicht etwas dazwischen gibt. Ich war einfach nicht glücklich! Weniger essen, mehr bewegen, das habe ich mir vorgenommen. Dabei habe ich ganz klein angefangen, etwa zum Frühstück statt fünf nur noch vier Brötchen und Obst zu essen. Ich musste mich davon überzeugen, dass ich nicht gleich verhungere.

Also haben Sie es mit ganz kleinen Schritten geschafft, bis heute 175 Kilo abzunehmen.
Ich habe eine Regelmäßigkeit reingebracht, zum Beispiel morgens, mittags und abends gegessen. In Sachen Bewegung habe ich mich langsam gesteigert: Anfangs konnte ich gerade einmal drei Stufen auf der Treppe bewältigen. Das habe ich nachts gemacht, weil es peinlich war. Irgendwann habe ich vier geschafft, dann eine ganze Treppe. Um es nach draußen auf eine Bank zu schaffen, die 100 Meter entfernt war, habe ich 25 Minuten gebraucht ...

Nervt es Sie, schlanke Mädchen und Frauen zu sehen, die wegen ihres Gewichts jammern?
Nein, noch nicht mal im Ansatz! Im Gegenteil. Die Wahrnehmung ist ja individuell. Mit zwei Kilo zu viel kann ich mich genauso unwohl fühlen wie mit 120 Kilo zu viel. Es ist immer ein Problem, sobald derjenige deshalb unglücklich ist. Und deshalb ist es unerheblich, was die Person wiegt.

Ihr Programm heißt „Ich darf das, ich bin selber dick“. Wovon handelt es?
Ich spreche als übergewichtige Frau über das Übergewicht. Normalerweise wird ja über Übergewichtige gesprochen und nicht mit ihnen. Es geht um die Gesellschaft, Sex und den Alltag. Mal bösartig, mal humorvoll. Abnehmen steht da gar nicht so im Vordergrund, eher ist die Körperlichkeit und Weiblichkeit mein Thema.

Was für Feedback gibt es vom Publikum?
Es ist – toi toi – positiv! Viele kommen mit bösem Blick rein, gehen aber mit einem Lächeln nach Hause. Das ist dann eine coole Sache. Viele kommen zu mir und erzählen, dass sie sich ertappt oder verstanden fühlen. 


- Nicole Jäger tritt mit ihrem Programm am Freitag an der Kleinkunstbühne auf, die Show ist ausverkauft! Für den Termin in Springe an der Kleinkunstbühne (Zum Oberntor 1) am 22. Januar gibt es noch Karten. Im Vorverkauf kosten sie 31,90, an der Abendkasse 34 Euro. Die Getränke sind bis zum Schlussapplaus inklusive.

Über Nicole Jäger

*17. Juli 1982 in Hamburg. Schon mit fünf Jahren fährt sie zum ersten Mal zur Kur. Als 15-Jährige bricht sie sich beim Trampolinspringen die Hüfte. Zwei Jahre sitzt sie deshalb im Rollstuhl, muss wieder laufen lernen. In dieser Zeit beginnen die Gewichtsprobleme, Rekord sind 340 Kilo! Beruflich probiert Jäger nach dem Abitur „viel aus: Ich wollte Grafikerin werden, musste aber feststellen, dass ich untalentiert bin“. Sie studiert schließlich Sprachwissenschaften, arbeitet heute als Kabarettistin und Autorin, hat neben „Die Fettlöserin – Eine Anatomie des Abnehmens“ ein weiteres Buch herausgegeben. Jäger wiegt sich jeden Freitag, zurzeit zeigt die Waage 164 Kilo an. Nächstes Ziel: 125 Kilogramm.