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DIE NÄCHSTE GENERATION: Nadine (links) und Catharina Privitera haben schon als Kinder bei „Schese“ auf der Limmerstraße geholfen.

DIE NÄCHSTE GENERATION: Nadine (links) und Catharina Privitera haben schon als Kinder bei „Schese“ auf der Limmerstraße geholfen.
 © Florian Petrow

Leute

Neue Zeiten bei Kult-Italiener Francesco

Generationswechsel bei einer Institution auf der Limmerstraße: „Bei Jacqueline“, das Café von Francesco „Schese“ Privitera (56), hat nach sieben Wochen Umbau wieder geöffnet. Die Schwestern Nadine (34) und Catherina Privitera (31) mischen jetzt mit. Die jungen Frauen planen, ab Oktober auch abends zu öffnen.

Hannover.  Manche Dinge ändern sich zum Glück nie: An der Wand neben dem offenen Küchentresen hängt immer noch der Münzfernsprecher mit den leicht abgeknibbelten 96-Aufklebern. „Der ist altmodisch, funktioniert aber noch – wenn man D-Mark reinwirft“, erzählt Jacqueline Privitera (52) vergnügt. In erster Linie ist der Apparat aber der Hausanschluss für Mittagstisch-Bestellungen von hungrigen Stammgästen.

Die haben in diesen Tagen viel zu gucken, der Kultitaliener am Tor zur Limmerstraße präsentiert sich nach sieben Wochen Umbau im neuen Gewand. Francesco Privitera (55) hat 29 Jahre nach der Eröffnung mächtig Staub aufgewirbelt. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Wir haben die Holzvertäfelung abgerissen, die darunterliegenden Fliesen auch gleich mit.“ Das Resultat: jede Menge Schutt und Dreck. Denn auch den Putz über den Backsteinen klopfte die Familie ab, solche rohen Fassaden sind gerade voll im Trend. Nun hängen Holzkistenregale an der Wand, von den Decken hängen Pendelleuchten im Industriestil, die Küche ist offen gestaltet, Pizzaofen und Tresen aus Italien importiert. „Die Limmerstraße ändert sich“, sagt der Mann mit den sizilianischen Wurzeln, die Bewegung will er nicht verpassen.

Das Lokal hat den französischen Namen seiner Deutschen Gattin, die Lindener trinken ihren Latte Macchiato aber traditionell bei „Schese“, wie der knurrige Wirt liebevoll genannt wird. „Bei Jacqueline“ steht in großen Lettern an der Wand. „Das wird auch so bleiben“, sagen die Töchter Nadine (34) und Catherina (31). Auch wenn sich der Generationswechsel andeutet. Denn die Schwestern haben bei der Umgestaltung des Ladens ordentlich mitgemischt – „das war ein Kampf“, seufzt Nadine Privitera. „Papa will sich zwar zurückziehen, aber es ist nun mal sein Baby.“ Mit dem er die Lindener Kaffee-Kultur geprägt hat. 1988 brachte er den Hannoveranern die „getünchte Milch“ namens Latte Macchiato nahe. Der Grund war ein traumatisches Kaffeeerlebnis in der Markthalle. „Damals wurde Café au Lait in weiten Schalen serviert“, erinnert sich der 55-Jährige und schüttelt sich. „Was sollte ich denn damit machen? Für die Katzen zum Auslecken unter den Tisch stellen?“ In seinem Lokal habe er Espresso und geschäumte Milch in Glaser geschüttet – mit durchschlagendem Erfolg. „Die Leute standen in Trauben vor dem Tresen. Ich hab’s nicht erfunden, aber hier eingeführt“, beteuert er.

Unter Schicki-Micki-Verdacht stand der bodenständige Italiener nie, seine Preise sind sehr zivil, die teuerste Pizza kostet acht Euro. Doch Tochter Cathi startet im Oktober eine kleine Revolution: „Wir öffnen dann auch abends, mit einer ganz anderen Karte“, verkündet sie. „ich tüftele noch an den Gerichten.“ Ausgewählte Weine soll es geben, Cocktails, feine und vor allem überraschende Antipasti. „Wir waren als Kinder oft lange in Sizilien, ich will zurück zu diesen Wurzeln“, erzählt sie. Authentisch soll die Küche sein. Ein Projekt mit Zukunft: „Ich hab den Mietvertrag für 30 Jahre abgeschlossen“, so der Padrone des Privitera-Clans. „Schese“ ist dann ja erst 85 ....

Von Andrea Tratner