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Mensch-Hannover Mutter und Tochter schenken Kindern Glücksmomente
Menschen Mensch-Hannover Mutter und Tochter schenken Kindern Glücksmomente
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21:04 11.12.2018
Arbeiten auch mit Pferden: Andrea und Lisa Meyer bieten Kindern im idyllischen Isernhagen eine Oase. Quelle: Florian Petrow
Hannover

Wenn man das Grundstück von Andrea Meyer (55) in Isernhagen betritt, steht man umgehend in der Idylle. Gut, das Wetter sorgt in diesen Tag dafür, dass es ziemlich grau ist, aber ansonsten hat es was von Bullerbü: Eine große Weide mit sieben Pferden offenbart sich gleich hinter dem Haus der Familie, ein riesiger Hasenstall, aus dem der Geruch von Heu dringt. Diese Ruhe. Es ist einfach schön in dem Verein „Glücksmomente“. Vor allem, wenn Kinder und Jugendliche über das Gelände toben. Eine echte Oase.

Und zwar eine, die gebraucht wird: „Wir kümmern um misshandelte Kinder, solche, die nicht mehr lange zu leben haben, Kinder, die ein Elternteil oder Geschwister verloren haben“, fasst Lisa Meyer (29), die mit ihrer Mutter den Verein betreibt, zusammen. Was die Kinder verbindet: Sie sind schwer traumatisiert und kommen aus der Region. Die Meyers bieten therapeutisches Reiten an, „die Erfolge sind enorm“, so die 29-Jährige. Dabei geht es um viel mehr als um den bloßen Umgang mit einem Pferd. „Die Kinder befinden sich in einem geschützten Raum, hier fühlen sie sich sicher“, erläutert Andrea Meyer. Ein zentrales Merkmal des Vereins „Glücksmomente: Kinder können alles erzählen, „nichts wird bewertet, es gibt keine Sanktionen.“ Die 55-Jährige findet es immer wieder faszinierend zu beobachten, wie sich die Kleinen von ganz alleine öffnen – nicht auf Knopfdruck, sondern wenn ihnen danach ist. „Wir sind ein zusätzliches Angebot“, betont Meyer.

Jede einzelne Geschichte, die die Jüngsten der Gesellschaft mit sich tragen, birgt große Tragik in sich, „es sind viele verlorene Seelen dabei“, weiß Andrea Meyer. „Aber wir erleben mit ihnen auch die schönsten und intensivsten Momente. Es ist eine Riesenbereicherung.“ Einmal in der Woche für zwei Stunden kommen die Kinder und Jugendlichen zwischen vier und 18 Jahren zum Verein. Dann gehen sie raus, auch bei Wind und Wetter, kümmern sich um die Tiere, es wird geritten, gestriegelt, gefüttert. Auch Aktivitäten wie Basteln, Kneten und Malen stehen auf dem Programm, Geschichten werden ihnen außerdem vorgelesen. „Die Kinder bestimmen im Anfangskreis, worauf sie Lust haben.“

Die Schicksale, die die unschuldigen jungen Menschen erleiden mussten, gehen an die Nieren: Von kleinen Kindern, die in ihren Zimmer eingesperrt waren und jetzt in Obhut leben, ist die Rede. Von einem kleinen Jungen, der nicht mehr lange zu leben hatte. Die Eltern gingen mit ihrem schwer kranken Sohn auf Weltreise, versprachen ihm, dass er auf jedem Kontinent noch einmal reiten kann. Sie wussten, dass der Kleine medizinisch keine Chance mehr hatte, wollten die verbliebene Zeit – wenige Wochen – schön gestalten. Zufällig sind sie auf „Glücksmomente“ gestoßen: „Er hat sich so sehr gefreut“, erinnert sich Andrea Meyer an die Stunden, die der Junge auf einem Pferd gesessen hat. Alle Kontinente hat die Familie allerdings nicht mehr geschafft, ihr Kind starb. „Sie haben die Urne auf den letzten Kontinent mitgenommen“, erzählt Meyer.

Da gibt es außerdem dieses heute zwölfjährige Mädchen, das mit fünf an Oberbauchkrebs erkrankt war. Ein Jahr Behandlungszeit im Krankenhaus und mehrere Operation musste es über sich ergehen lassen. „Wenige Wochen, nachdem sie aus der MHH entlassen worden war, erkrankte die Mutter an Darmkrebs, starb kurz darauf.“ Andrea und Lisa Meyer haben das Mädchen bis zum Tod der Mutter begleitet.

„Nächstenliebe“, antwortet Andrea Meyer, ohne zu überlegen, auf die Frage nach ihrem Antrieb. „Jeder ist in der Lage, etwas zu geben. Man muss nur aus seiner Komfortzone rauskommen.“ Zudem hat die 55-Jährige selbst traurige Erfahrungen machen müssen: Ihr Baby, gerade einmal vier Wochen alt, starb. Dann, und das ist erst drei Jahre her, erkrankt Tochter Lisa schwer – Lymphknotenkrebs. Sie muss sich einer Chemo- und Strahlentherapie unterziehen, schaut in der Zeit den Kindern, die ihren Verein besuchen, regelmäßig aus dem Fenster zu. „Sie haben mir ihre Mützen geschenkt“, berichtet Lisa Meyer über die Anteilnahme der Kinder, die ebenfalls an Krebs erkrankt waren.

Heute gilt die 29-Jährige als krebsfrei, die Mutter einer anderthalbjährigen Tochter erwartet in vier Wochen ihr zweites Baby. Stoßen Mutter und Tochter denn auch mal an ihre Grenzen – psychisch? „Na klar passiert das“, so Andrea Meyer, „aber wenn einem Menschen zum Beispiel sagen, ihr seid der Lichtpunkt in unserer dunkelsten Zeit, dann gibt das einem unglaubliche Zuversicht und Kraft.“ Sie sehen ihr Tun als „Lebensaufgabe, nicht als Job“. Andrea Meyer hält kurz inne und sagt dann vehement: „Man muss gar nicht erst drüber nachdenken, sondern einfach nur machen.“

Gerade ist übrigens Anne-Kathrin Ertl (34) auf den Verein aufmerksam geworden. Die Freundin von 96-Spieler Matthias Ostrzolek (28) widmet sich jedes Jahr einem Projekt, für das sie fleißig Spenden sammelt. Montagabend bat die 34-Jährige in ihrem Laden „MAD“ an der Lavesstraße geladene Gäste – unter anderem die 96-Spieler Pirmin Schwegler (31), Kevin Wimmer (26) und Leo Weinkauf (22) zur Kasse, veranstaltete eine Tombola – der Erlös geht an „Glücksmomente“. „Jedes Kind soll seinen eigenen Glücksmoment bekommen“, so Ertl. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.gluecksmomente-verein.de

Von Mirjana Cvjetkovic

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