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EXPERTIN: 32 Jahre lang war Monika Freckmann für das LKA im Einsatz.

EXPERTIN: 32 Jahre lang war Monika Freckmann für das LKA im Einsatz.
 © Michael Wallmüller

NP-Porträt

Monika Freckmann liest in „Morddeutschlands“ Boden

„Dreck ist mein Leben“ – diesen Satz sagt Monika Freckmann (64) mit staubtrockenem Unterton. 32 Jahre hat sie für das LKA Niedersachsen Bodenproben von Tatorten analysiert – am 21. Juli um 21.15 Uhr ist sie der Star der NDR-Serie „Morddeutschland“. In der Folge „Die Spurenleserin“ geht es um einen brutalen Doppelmord.

Hannover.  Erde ist nicht gleich Erde: „Man kann darin lesen wie in einem Buch“, erklärt die zierliche, grauhaarige Frau mit dem energischen Auftreten. Sand, Lehm, Ackerboden, Vegetationsreste, Samen, Partikel von toten Tieren. Monika Freckmann (64) hat mit akribischer Bodenlektüre in ihrem Berufsleben viele Täter überführt – der NDR nennt die aktuelle Folge des True-Crime-Formats „Morddeutschland“ folgerichtig „Die Spurenleserin“. „Der Titel macht mich ein wenig stolz.“ Zu Recht: Freckmann ist die Hauptfigur bei der Lösung eines Falls.

Kettenkamp im Norden des Landkreises Osnabrück, 1700 Einwohner, ein beschaulicher Ort, in dem jeder jeden kennt. Im Frühjahr 2008 wird ein Ehepaar vermisst gemeldet, tatverdächtig ist der 27-jährige Sohn. Die Matratzen der Eltern sind blutdurchtränkt, an den Wänden des Schlafzimmers wurden Blutspritzer unter einem schokobraunen Neuanstrich entdeckt. Doch von den Leichen fehlt jede Spur.

Im Kofferraum des Autos, aber auch in den Turnschuhen und in den Hosentaschen des Sohnes entdeckt Freckmann im Labor winzige Spuren von hellem Sand – ein halber Teelöffel. Nicht viel, für eine Bodenanalyse mehr als genug. „Der Sohn hatte die Sachen in Waschmaschine und Trockner gestopft. Das reicht aber nicht, um solche Spuren zu vernichten“, erzählt die langjährige LKA-Mitarbeiterin.

Sieben Wochen sucht die Polizei nach den Toten, 250 Bodenproben stapeln sich in Freckmanns Labor – sie stammen von Orten mit dem entsprechenden Sandboden, die zum Bewegungsprofil des vermeintlichen Täters passen. „Ich habe die Kollegen immer wieder rausgejagt, ich bin da hartnäckig“, erinnert sich die 64-Jährige. Am Ende kann sie fünf mögliche Fundorte eingrenzen – am 15. April 2008 dann der Treffer. Die Beamten von der Polizeiinspektion Osnabrück verleihen Freckmann später eine Urkunde: „Beste Fährtensucherin seit Winnetou“ steht im Rahmen an der Wand.

Der Fall war damit abgeschlossen? „Dann geht die Arbeit erst richtig los“, sagt sie mit einem Seufzen. „Man muss die Beweise gerichtsfest machen, es geht ja nicht um Kaffeesatzleserei.“ In den letzten Jahren ihrer Karriere hat sie ihre Gutachten oft auch persönlich vor Gericht vorgestellt – weil sie als Koryphäe auf ihrem Gebiet gilt. „Obwohl mir der akademische Titel fehlt“, sagt die ausgebildete Chemielaborantin lakonisch. Ein Richter habe aus diesem Grund mal ihre Aussage abgelehnt.

2008 – „das war mein Kracherjahr“, erinnert sich die Bodenexpertin. Nach dem Kettenkamp-Fall kam der Holzklotz-Mord. Freckmann wies mit ihren Proben nach, dass der drogenabhängige Nicolai H. einen sechs Kilo schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke bei Oldenburg geworfen hatte – die 33-jährige Olga K. starb auf dem Beifahrersitz eines Autos. Und dann wurde noch der Mordfall Yasmin Stieler aus dem Jahr 1996 neu aufgerollt, weil bei einem Tatverdächtigen ein Spaten mit Erdpartikeln gefunden wurde. Zehn, zwölf Stunden pro Tag ackerte Freckmann in diesen Monaten. „Ich kann da alles andere ausblenden.“

In einem Fall reichte ihre Hartnäckigkeit nicht, die Leichen der 2006 ermordeten Karen Gauke und ihrer Tochter Clara konnte auch Monika Freckmann mit ihren Analysen nicht finden. „Ich kenne jeden Tümpel und jede Sandkuhle in dem Gebiet, das wir eingegrenzt haben“, sagt sie mit einem Seufzen. Dann schüttelt sie sich. „Das darf man nicht an sich heranlassen. Ich sehe nur die Sache – das ist auch Selbstschutz.“ In einem Indizienprozess wurde der Mörder trotzdem verurteilt.

Hatte sie denn beim LKA 33 Jahre nur mit Mord und Totschlag zu tun? Sie lächelt. „Nein, ich wurde auch gerufen, wenn einer Gehwegplatten geklaut und im eigenen Garten verlegt hat. Oder wenn Rüben vom Acker verschwunden waren.“ Auch in solchen Fällen war ihre Wissenschaft gefragt. Jetzt ist Freckmann in Altersteilzeit, verbringt viel Zeit in ihrem 350-Quadratmeter-Garten. Wie sieht da der Boden aus? „Humus und ein bisschen Steinmehl.“

True Crime – wahre Verbrechen: Die NDR-Serie „Morddeutschland“ be­dient das Interesse an solchen Formaten. Auch an der Folge am 4. August (21.15 Uhr) ist Monika Freckmann beteiligt: „Der Mörder und die Ameise“ arbeitet den Fall von Pastor Geyer auf, der 1998 wegen Totschlags an seiner Frau zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Bis zuletzt leugnete er die Tat. Was ihn überführte? Eine Ameisenart, die so­wohl am Tatort als auch unter seinen Stiefeln entdeckt wurde. Der NDR do­kumentiert die Vorgehensweise der Er­mittler und weckt Verständnis für die akribische und gewissenhafte Ar­beit hinter den Kulissen.

Von Andrea Tratner