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Im Interview: Monica Lierhaus.© dpa

NP-Interview

Monica Lierhaus: "Mir wäre vieles erspart geblieben"

Vier Monate lang lag Monica Lierhaus im Koma. Die Ärzte sagten, sie würde die Nacht nicht überleben. Doch die ehemalige „Miss Sportschau“ kämpfte sich zurück ins Leben. Wir treffen sie und ihre Mutter Sigrid.

Der 9. Januar 2009. Sportmoderatorin Monica Lierhaus unterzieht sich einer Hirnoperation. Eine Arterie, die irgendwann geplatzt wäre, soll geschlossen werden. Es treten Komplikationen auf. „Die Ärzte sagten, sie wird die Nacht nicht überleben“, erzählt ihre Mutter. Doch Monica Lierhaus kämpft sich zurück ins Leben. Und überlebt.  

Frau Lierhaus, wenn wir hier in Ihrer Wohnung sitzen und reden: Strengt Sie das an?
Monica Lierhaus: Überhaupt nicht. Null. Alles in Ordnung.  

Sie haben sensationelle Fortschritte gemacht.
Monica Lierhaus: Danke. Ich merke sie nicht. Leider. Meine Gangart nervt mich nach wie vor sehr.
Sigrid Lierhaus: Letztes Jahr im Sommer sind wir spazieren gegangen, die Sonne schien und warf Schatten. Da sagte Monica: „Guck mal, wie ich gehe! Wie ein betrunkener Matrose!“ (lacht) Jetzt schaukelst du nicht mehr. Ist das nicht toll? Schnurgerade! Wir schaffen das, Monica. Du siehst wunderbar aus.
Monica Lierhaus: Ach, Siggi! Schön, dass ich euch habe! 

Was ging in der Sekunde in Ihnen vor, als Ärzte sagten: „Ihre Tochter wird die Nacht nicht überleben“?
Sigrid Lierhaus: Ich werde es nie vergessen. Ich bin dann zu ihr. Monica sah aus, ich verstehe das nicht, wie ein 14-jähriges Mädchen. Wie ein Engel. Ich habe noch nie einen Arzt weinen sehen. Aber am Tag der OP. Sie mussten uns mitteilen, dass sie die Nacht womöglich nicht überlebt. Einem Professor liefen die Tränen nur so runter.

Was wäre gewesen, wenn es die OP nicht gegeben hätte?
Sigrid Lierhaus: Monica ist freiwillig zur Schlachtbank gegangen. Aber ohne OP wäre sie irgendwann tot umgefallen.
Monica Lierhaus: Ich glaube, ich würde es nicht mehr machen.
Sigrid Lierhaus: Du wärst sonst tot.
Monica Lierhaus: Egal. Dann wäre mir vieles erspart geblieben. 

Nach vier Monaten im Koma sind Sie aufgewacht. Haben Sie sofort gemerkt: Etwas stimmt nicht?
Sigrid Lierhaus: Wir waren dankbar, dass sie lebt. Dass sie eigenständig atmen konnte.
Monica Lierhaus: Ich wollte nicht sprechen. Dann hat mich der Arzt ausgetrickst. „Sagen Sie: Wie heißt noch gleich Ihr Hund, Frau Lierhaus?“ Dann war Lucy draußen.
Sigrid Lierhaus: Lucy! Diese Sekunde war der Durchbruch.  

Es gab eine zweite Operation. Ein Angiom, eine Krebsgeschwulst, wurde entfernt. Sie haben Ihrer Tochter nichts von der OP gesagt.
Sigrid Lierhaus: Das konnten wir ihr nicht zumuten. Aus medizinischer Sicht musste es raus. Die OP muss man sich vorstellen wie bei einem Spiegelei, bei dem man mit dem Messer das Eigelb entfernen will. Man verletzt dabei immer ein bisschen das Eiweiß. So war es auch bei Monica. Das Kleinhirn ist verletzt worden, dadurch gibt es motorische Schwierigkeiten. Eine schlimme Zeit. 

Ein halbes Jahr lang kämpft sich Monica Lierhaus durch die Reha. Ihren Rollstuhl nennt sie „Frau Meyer“, das ist der Mädchenname der Urgroßmutter. Den Apparat, der ihr das Gehen erleichtert, tauft sie „Usain“, in Anlehnung an Sprinter Usain Bolt. Das Liegefahrrad nennt sie „Lance“, wegen Lance Armstrong.

Die Sekunde, in der Sie zum ersten Mal wieder gegangen sind …
Monica Lierhaus: ... als ich Ende 2009 die Klinik in Allensbach verlassen habe. Meine Schwester und mein Mann haben mich gestützt. Aber ich bin aufrecht gegangen!
Sigrid Lierhaus: Das bedeutete ein neues Zeitalter, ein neues Kapitel. Dass sie das geschafft hat! Da haben wir alle neuen Mut gefasst. Meine Tochter Eva hatte ein Gespräch mit dem Klinikchef. „Was meinen Sie, wie viel Prozent wird Monica eines Tages wieder erreichen?“ Er meinte, 75 bis 80 Prozent seien im günstigsten Fall drin. Eva antwortete: „Vielen Dank! Und die letzten 20 Prozent, die schaffen wir auch noch!“ Heute sind wir bei 90 Prozent.
Monica Lierhaus: Ne. Bei 85! Wenn ich das Laufen sehe.
Sigrid Lierhaus: Ein tapferes Mädchen, das kann man wohl sagen.

Glauben Sie an Schicksal?
Monica Lierhaus: Schicksal. Puh! Ich glaube, ich habe einfach Pech gehabt (ringt mit den Tränen).  

Stimmt es, dass Sie auch Bundestrainer Joachim Löw in der schwierigen Zeit besucht hat?
Monica Lierhaus: Ja, auf Sylt. Da haben wir vereinbart: Wenn ich es nach Brasilien schaffe und Deutschland bis ins Finale kommt, gibt er mir danach ein Interview. Das haben wir dann eingelöst (sie zeigt uns das Interview auf ihrem Laptop). Dafür haben sich alle Mühen gelohnt (Tränen laufen ihr die Wange herunter).

Die Ärzte hatten Ihnen anfangs ein Leben im Rollstuhl vorhergesagt.
Sigrid Lierhaus: Ein Hammer.
Monica Lierhaus: Ein Brett.
Sigrid Lierhaus: Monica war zu diesem Zeitpunkt so desolat.
Monica Lierhaus: Ich war auf dem Stand eines Kleinkindes.
Sigrid Lierhaus: Wir hatten den Rollstuhl immer im Hinterkopf. Wir haben dann alles versucht. Der Erfolg sitzt hier (zeigt auf Monica).

Was haben Sie gedacht, als Sie das Wort Rollstuhl gehört haben?
Monica Lierhaus: Ich habe in diesem Moment gedacht: Die werden sich noch wundern! Im April bin ich nach Allensbach gekommen, da habe ich das sofort gesagt. „Mein Ziel ist es, bei der WM in Brasilien zu sein.“ Die haben mich angeguckt wie ein Auto. Das hat mir niemand geglaubt, aber sie haben mir ein Trikot geschenkt – ein Brasilien-Trikot mit dem Namen „Lierhaus“.
Sigrid Lierhaus: Zu Beginn hast du nur starr dagesessen. Das war eine schreckliche Zeit. Es ist fast ein Wunder, wie du hier heute sitzt. Du bist aber auch fleißig mit den Therapien. Ihr Physiotherapeut fragt seine Patienten immer mit dem Ampelsystem. Rot ist aufhören, Gelb langsamer, Grün weiter. Monica hat immer gesagt: Grün! Grün, immer Grün.
Monica Lierhaus: Es muss ja auch immer weitergehen.           
                       
Am 5. Februar 2011 gaben Sie Ihr TV-Comeback bei der Verleihung der Goldenen Kamera. Günter Netzer hielt die Laudatio.
Monica Lierhaus: Ein ganz feiner Mensch. Ich habe mir gewünscht, dass er die Laudatio hält. Er hat sich mit Händen und Füßen gewehrt! Weil er sagt, er kann nicht reden. Dann hat er es doch gemacht. 

Ein bewegender Auftritt, nach dem es auch kritische Stimmen gab. Haben Sie ihn sich noch mal angesehen?
Monica Lierhaus: Nein. Es war ein Befreiungsschlag für mich. Ab da war klar: So bin ich jetzt. So müsst ihr mich nehmen – oder eben nicht. Von da an konnte ich frei draußen herumlaufen. Vorher wurde ich angestarrt wie ein Monster. Leute haben die Straßenseite gewechselt. Jetzt ist es besser. Der Abend hatte also auch etwas Gutes. 

Sie spielen auf den Heiratsantrag an, den Sie Ihrem damaligen Lebensgefährten gemacht haben.
Monica Lierhaus: Den würde ich heute nie wieder machen. Ich wollte Rolf etwas zurückgeben, weil er so wahnsinnig viel für mich getan hatte. Falsche Zeit, falscher Ort, das weiß ich jetzt auch. 

Ärgern Sie sich?
Monica Lierhaus: Nein, abgehakt. 

Rolf Hellgardt und Sie haben sich getrennt.
Monica Lierhaus: Ja. Schade. 18 Jahre. (ringt mit den Tränen). Aber die Welt geht nicht unter. Die Welt dreht sich weiter. Ja. Ich habe so viele Rückschläge meistern müssen – das bekomme ich jetzt auch noch hin. 

Beeindruckend.
Monica Lierhaus: Was bleibt mir?

Ein Interview von Marco Fenske


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