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BITTE LÄCHELN: Zum Innehalten wie hier an der Grenzstation in Laos war auf der 104-tägigen Reise kaum Zeit.© Privat

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Interview

Mit den Hoepners einmal um die Welt

Per Anhalter um die Welt: Die Zwillinge Paul und Hansen Hoepner (34) reisten ohne Budget durch 17 Länder - und brauchten dafür ein paar Tage länger als Jules Vernes’ Romanheld. Die NP sprach mit den Brüdern über Streit in Hongkong, Bären in Kanada und Dengue-Fieber in Indien. Über die Reise haben sie ein Buch geschrieben, heute ab 23.15 Uhr sind sie zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF).

Ich bin verwirrt: Wer von Ihnen beiden trägt jetzt Schnurrbart?

Hansen: Ach, das wechselt gelegentlich. Manchmal haben wir auch beide einen. Auf jeden Fall ist der Bart kein eindeutiges Erkennungszeichen. Wer uns kennt, kann uns aber gut auseinanderhalten - wir sind vom Charakter sehr unterschiedlich.

Paul: Hansen ist eher der Draufgänger, er ist experimentierfreudiger, der mit den schwachsinnigen Ideen (lacht). Ein McGyver, der aus allen Sachen etwas basteln kann.

Und wie ist Paul?

Hansen: Er ist der Planer von uns beiden, der Denker, der Realist.

Funktioniert das unterwegs?

Paul: Wir ergänzen uns gut, finden in brenzligen Situationen immer Lösungen. Wir geraten aber auch mal aneinander. Da ist eben Konfliktpotenzial, wenn man unterschiedlich denkt und anders an Dinge herangeht.

Hansen: Diese Reise war psychisch und körperlich sehr anstrengend. Außerdem war es beschwerlich, nur von Großstadt zu Großstadt zu ziehen, wir sind beide ja eher Naturmenschen.

Welche Regeln haben Sie vor dem Start aufgestellt?

Paul: Wir wollten ohne einen Cent aus der Tür gehen und alles Geld unterwegs selbst verdienen. Und zwar ohne Betteln! Und wir wollten so viel wie möglich über Land reisen. Also nicht Kohle in Europa verdienen und einfach ein Around-the-World-Ticket kaufen.

Womit haben Sie Geld verdient?

Hansen: Ich bin zwar Goldschmied, aber die Kreativität von uns beiden hat sehr geholfen, individuellen Schmuck zu entwerfen. Paul hatte auch die Idee, Witze zu verkaufen. Wir haben aber auch ganz klassische handwerkliche Sachen gemacht: Reifen wechseln am Taxi, Fahrräder reparieren, in Kanada haben wir sogar einen kompletten Balkon renoviert.

Bekommt man so ein anderes Verhältnis zu Geld?

Paul: Ja, man dreht jeden Cent zweimal um, bevor man ihn ausgibt. Im Supermarkt scannt man immer nach den günstigsten Preisen. Andererseits merkt man, dass Geld gar nicht so wichtig ist. Wir wurden so oft zum Essen oder zu Übernachtungen eingeladen.

Was war denn der Gedanke hinter den seltsamen Koffern?

Hansen: Die hatten genau 156 Zentimeter Kantenlänge, damit sie bei Fluggesellschaften nicht als Sperrgepäck gelten. Außerdem passen beide Koffer in einen VW-Golf-Kofferraum. Man konnte ein Rad ausklappen, zwei Hebel ausziehen und den Koffer auf diese Weise schieben oder auch am Rucksack festmachen. Drin waren Zelt, Kameraausrüstung, leichtes Werkzeug. Und sehr, sehr wenige Klamotten. Das ist auch nicht so problematisch. Wenn man sich nicht jeden Tag duscht, dann gewöhnt sich der Körper daran. Man stinkt nach vier Tagen nicht wie ein Iltis (lacht).

Der Start war schwierig, oder?

Paul: Wir kamen erst am dritten Tag aus Berlin weg. Die nächste Hürde war dann Spanien, weil es dort keine Tramper-Kultur gibt. Wir standen tagelang an einer Stelle, ohne, dass uns einer mitgenommen hat. Wenn man in Spanien den Daumen rausstreckt, zeigen einem manche Leute sogar den Vogel.

Wie haben Sie Kontakt mit den Leuten aufgenommen?

Hansen: Unser Glück war, dass die Koffer viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Die meisten Leute haben sich als Teil des Projektes gefühlt. Wenn man wie wir ohne Geld reist und auf die Hilfe anderer angewiesen ist, fühlen sich viele Menschen animiert zu zeigen, wie schön und offen die Welt ist. Also haben viele für einen Drahtring, der wenige Cent wert ist, zehn oder 15 Euro bezahlt. In Japan waren die Leute allerdings extrem reserviert.

Und Sie haben nie schlechte Erfahrungen gemacht?

Hansen: Es gehörte auch viel Glück dazu. In Kanada haben wir mal in einer „Bärenschneise“ zwischen Wald und den Mülltonnen einer Gaststätte gezeltet. Wir wurden glücklicherweise nie überfallen. Man hat in einem Zelt halt keinen Rückzugsort wie in den eigenen vier Wänden, auf der Straße ist man ein leichtes Opfer.

In welchem Land wären Sie gern länger geblieben?

Hansen: In den Ländern, in denen wir am kürzesten waren (lacht). Der ständige Wechsel war das anstrengendste der Reise. Am spannendsten war Indien. Kirgisistan und Kasachstan fand ich auch faszinierend. Die Kultur ist so anders, aber man findet trotzdem immer den kleinsten gemeinsamen Nenner und versteht sich dennoch.

Was war die kritischste Situation der Reise?

Hansen: Unser Streit in Hongkong, da waren wir kurz davor aufzugeben. Es war ultraheiß, es hat die ganze Zeit geregnet, wir haben nichts zu Essen gefunden, am Autobahnrand gepennt, waren fix und fertig. Aber in genau solchen Situationen muss man dann auch zusammenhalten. Ein Tiefpunkt hat immer auch gute Seiten: Man weiß, dass es nur noch besser werden kann, dass man nichts mehr zu verlieren hat …

In Indien haben Sie sich das Dengue-Fieber eingefangen ...

Hansen: Das ist zum Glück erst in Moskau ausgebrochen, weil sonst unsere Visa für Russland abgelaufen wären. Beim ersten Mal ist Dengue nicht gleich lebensbedrohlich, aber das sehr hohe Fieber dauert etwa eine Woche. Allerdings fallen die zweite oder dritte Infektion schlimmer aus. Ich dachte schon, dass für mich Weltreisen in Zukunft gestorben sind. Es war also quasi mein Weihnachtsgeschenk, dass Ende letzten Jahres ein Impfstoff dagegen gefunden wurde.

Wie waren die letzten Kilometer?

Hansen: Die haben wir ja leider mit dem Zug zurückgelegt. Aber ich kam in Warschau gerade frisch aus dem Krankenhaus - mein zweiter Klinikaufenthalt nach Moskau - und musste mich noch schonen. Die letzten 500 Meter zu Fuß bis zu unserer Straße waren extrem emotional. Wir waren den ganzen Sommer durch so viele Städte mit schlechter Luft oder ohne Bäume gereist, hatten so viele Länder kennengelernt - und haben dann mit den letzten vier Euro am Kiosk zwei Bier gekauft. Für mich natürlich ein alkoholfreies, wegen des Dengue-Fiebers!

Gibt es weitere Pläne?

Paul: Wir haben eine endlose Liste. Viel zu viel für zwei Leben (lacht).

DAS BUCH

Die Zeit läuft! In 80 Tagen wollen die Brüder Paul und Hansen Hoepner um die Welt reisen – ohne Geld. Die beiden Abenteurer haben immer einen Plan, doch die Realität hält stets neue Überraschungen bereit. Der vermeintlich leichte Weg nach Lissabon ist steiniger als gedacht, das Geld für den Flug nach Kanada nur schwer aufzutreiben. Doch auf ihrer Reise begegnen die jungen Männer auch ungeahnt vielen Schutzengeln, Gönnern, hilfsbereiten Mitmenschen. Sie basteln aus Kronkorken Schmuck, den sie verkaufen, streiten sich, vertragen sich, verzweifeln, schöpfen Hoffnung. Tokio ist ein Moloch, Hongkong ein Schwitzkasten, Kasachstan spannend, Moskau die medizinische Rettung. Abwechselnd berichten die Brüder aus ihrer Perspektive von den Erlebnissen. 32 Fotos dokumentieren Höhen und Tiefen der Reise, QR-Codes verlinken zu Videos (die man übrigens auch bei Youtube findet). Tolle Sofa-Lektüre!

Bewertung: 4/5

Hansen Hoepner & Paul Hoepner: „Zwei um die Welt“, Malik, 304 Seiten, 19,95 Euro.


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