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Mike Krüger besuchte die NP-Redaktion an der Langen Laube.

Interview

Mike Krüger: Humor ist seine Überlebensstrategie

Seine Kindheit war geprägt von Verlust und Gewalt, trotzdem wurde Mike Krüger (63) zu einem der erfolgreichsten
 Komiker des Landes. Im NP-Interview spricht er über seine Jugend, seinen Erfolg und seine große Liebe Birgit.

Hannover. Man kennt Sie nur fröhlich, dabei begann Ihr Leben tragisch. Ihre Mutter starb, als Sie drei Jahre alt waren, und Ihr Vater erzählte Ihnen nie etwas über die Umstände dieses plötzlichen Todes.
Die Zeit war sehr quälend. Obwohl ich so klein war, war das Thema in meinem Unterbewusstsein immer da. Und wenn man keine vernünftige Erklärung bekommt, kann man das auch nie richtig verarbeiten.

Wie hat Ihr Vater begründet, dass das Thema tabu war?
Früher brauchten Väter nicht so viel zu begründen, das war einfach so, basta. Heute wird mit den Kindern mehr gesprochen als damals.

Wie hat sich das auf Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater ausgewirkt?
Das lief so nebeneinanderher. Mein Vater heiratete ein halbes Jahr später seine Sekretärin, und als ich zehn war, wurde ich ins Internat entsorgt. Da gabs dann kein großes Verhältnis mehr.

Im Internat wurde es für Sie nicht besser.
Richtig, das war kein Nobel-Internat wie bei Hanni und Nanni. Wir waren 42 Jungs im Schlafsaal, da gibts eine klare Hackordnung.

Wie sah die aus?
Die Ältesten waren die Chefs, und als Jüngster hatte man es schwer. Am schlimmsten
war die Prügelgasse, die haben die Älteren als Strafe eingeführt. Da stellten sich alle in zwei Reihen auf, der Bestrafte musste durch diese Gasse laufen und jeder versuchte, ihm eine zu verpassen. Mehr als zweimal Prügelgasse hat keiner geschafft.

Die Lehrer nennen Sie in Ihrem Buch „asoziales Pack“.
Man denkt ja, man wird von den Erziehern in solchen Momenten beschützt. Vor denen musste man sich aber noch mehr in Acht nehmen. Lehrer durften damals noch züchtigen, und das haben sie reichlich getan. Ich war eigentlich immer damit beschäftigt, heil durch den Tag zu kommen.

Wie schafft man es nach solchen Erfahrungen, Beziehungen einzugehen und Vertrauen zu fassen?
Ich glaube, da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man wird auch aggressiv, oder man ist einer wie ich, der denkt, man kriegt sein Leben vielleicht mit Humor hin. Ich habe schon in der Schule festgestellt, dass man Freunde kriegen kann, wenn man die Leute zum Lachen bringt.

Humor als Notausgang?
Genau. Und zum Glück habe ich meine Frau Birgit sehr früh kennengelernt. Das Vertrauen, das ich bis dahin nie hatte, habe ich sehr schnell von ihr bekommen und so auch zu ihr fassen können.

Dabei lief Ihre allererste Begegnung suboptimal ...
Ja, eine unglaubliche Anmachgeschichte (lacht). Ich war Schlagzeuger in einer Schülerband, die abends zum Tanz spielte. Ich habe Birgit im Publikum gesehen und dachte: Da musst du in der nächsten Pause mal einen coolen Auftritt hinlegen. Ich bin also rüber und sagte den ungeheuer lässigen Satz „Hallo, rauchst du auch?“, woraufhin sie „Nein“ sagte, aufstand und wegging.

Oje.
Ja, aber beim nächsten Auftritt kam sie auf mich zu und sagte: „Hallo, rauchst du auch nicht?“. Da wusste ich: Diese Frau sieht nicht nur hervorragend aus und ist intelligent, sondern – ganz wichtig – sie hat auch Humor. Das ist jetzt 45 Jahre her.

Wie macht man das, 45 Jahre lang gemeinsam glücklich zu sein?
Wir haben es immer hingekriegt, unser Privatleben und das Showgeschäft streng zu trennen. Es gibt ja Kollegen, die denken, das Showleben geht auch zu Hause weiter, das funktioniert aber nicht. Meine Frau ist auch meine Managerin, alles, was ich tue, besprechen wir gemeinsam. Sie hat alles hinter der Kamera gemacht, ich alles davor. Klare Trennungen und Absprachen sind für eine gute Ehe sehr hilfreich.

Kann es auch damit zusammenhängen, dass Sie zeitweise 298 Reisetage im Jahr hatten? Wer sich nicht sieht, kann sich auch nicht streiten.
Wir haben uns von 40 Jahren sicher 20 nicht gesehen. Das macht eine Ehe aber nicht einfacher. Da müssen beide Seiten sehr tolerant sein und auch Einsamkeit aushalten.

Und wie fand es Ihre Frau, wenn Sie auch mal eine Hotelparty mit den Rolling Stones und Miss World gefeiert haben?
Miss World hat Keith Richards deutlich mehr angehimmelt als mich, da musste sie sich keine Sorgen machen (lacht).

1975 sind Sie mit Ihrer Frau vier Wochen nach Norwegen in den Urlaub gefahren. Als Sie wiederkamen, war alles anders. Was war passiert?
Wir sind in den Semesterferien damals immer nach Norwegen gefahren, auf große und günstige Zeltplätze, wo man hervorragend angeln konnte. In der Zeit war meine LP herausgekommen ...

... die mit „Mein Gott, Walther“ ...
... ja, und der Song war durch die Decke gegangen. Als wir zurück kamen, hatte ich 30 000 Platten verkauft. Während meiner Semesterferien war ich zum Star geworden.

Und dann kam der erste TV-Auftritt in Ilja Richters „Disko“.
Alle kannten meine Songs, aber mich kannte keiner. Als der Aufnahmeleiter mich sah, sagte: „Ah, da ist ja Walther.“ Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis die Leute begriffen haben, dass es jemanden namens Mike Krüger gibt.

Ihr letzter Satz im Buch heißt „Ruhe, Licht aus, ich will lesen“. Wie entspannt sich Mike Krüger?
Gerne beim Lesen und noch lieber beim Golf. Darum mache ich auch keine Lesereise mit meinem Buch, sondern Urlaub mit meiner Frau. Die spielt auch gerne Golf. Und das werden wir wohl im Frühjahr auf Mallorca tun. Julia Braun

Das Buch

Der Song, der sein Leben veränderte, fiel ihm am Baggersee ein: Seinen ersten großen Hit schrieb Mike Krüger mit 15 Jahren. Diese und viele weitere Anekdoten aus seinem Leben erfährt man in der launigen Biografie „Mein Gott, Walther“. Krüger erzählt, wie ihn sein erster Manager ausnahm (er kassierte 50 Prozent aller Einnahmen), wie er seine große Liebe kennenlernte, wie es zur Zusammenarbeit mit Showgrößen wie Rudi Carrell und Thomas Gottschalk kam oder wie er die Geburt seiner Tochter Nina erlebte.
Das Buch liest sich leicht und locker, Krüger
plaudert mit feinem, selbstironischem Zungenschlag. Über seine schwere Kindheit schreibt er nüchterner, aber niemals verbittert.
Mike Krüger: „Mein Gott, Walther“, Piper, 288 Seiten, 19,99 Euro.


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