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SCHLECHTES ABI: Trotz schlechter Abi-Note konnte Tsokos Medizin studieren.

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Interview

Michael Tsokos kennt "das perfekte Verbrechen"

Sein Krimi "Zerschunden" trägt den Untertitel "True Crime Thriller" und jagt dem Leser Gänsehaut ein: Michael Tsokos ist Rechtsmediziner an der Berliner Charité - und erzählt wahre Geschichten. Am 25. November liest er um 20 Uhr im Pavillon (Karten: 14,20 Euro).

Herr Tsokos, warum haben Sie sich im Studium ausgerechnet für Rechtsmedizin entschieden?

Ach, festgelegt habe ich mich da schon lange vor dem Studium. Ich bin in Kiel groß geworden, die Moorleichen im Landesmuseum Schloss Gottorf fand ich damals schon faszinierend. Als Kind habe ich auch gerne Archäologiebücher gelesen.

Ihr Abi war nicht so doll, oder?

Es war sehr, sehr durchschnittlich, wenn man das bei einer Note von 3,0 noch sagen kann (lacht). Zum Medizinstudium wurde ich nur zugelassen, weil ich den Medizinertest, der damals Pflicht war, als Zweitbester im ganzen Bundesgebiet abgeschlossen habe.

Haben Sie Tag und Nacht gepaukt?

Gar nicht! Ich bin da nur hin, weil ich dafür bei der Bundeswehr zwei Tage frei bekommen habe. Es hat vielleicht geholfen, dass ich da so entspannt rangegangen bin. Wenn meine Kinder das allerdings lesen, dann bin ich mit meiner Erziehung am Ende (lacht).

Nochmal die Frage „Warum dann ausgerechnet Rechtsmedizin?“.

Weil es die Schnittstelle aus ganz vielen Disziplinen ist. Und ich weiß morgens nicht, was mich an diesem Tag erwartet. Wenn nachts das Telefon klingelt, muss ich zum Tatort. Ich begleite die Polizei bei Tötungsdelikten vom Anfang bis zum Ende, bin am Ende auch bei Gerichtsverhandlungen als Sachverständiger dabei. Dazwischen liegen Obduktion, toxikologische Analysen, DNA-Abgleiche und vieles mehr. Manchmal telefoniere ich aus dem Seziersaal mit der Polizei, Details fließen dann sofort in die Vernehmung des Verdächtigen ein. Ich habe es nicht einen Moment bereut, diese Fachrichtung eingeschlagen zu haben.

Aber immer nur Leichen tagaus, tagein?

Wir untersuchen auch Lebende! Rechtsmediziner untersuchen zum Beispiel auch Vergewaltigungsopfer oder misshandelte Kinder, um Taten nachweisen oder widerlegen zu können.

Wie erklären Sie Ihren Kindern Ihren Job?

Der Älteste ist schon 13 Jahre alt. Neulich war er bei meiner Lesung auf dem Hamburger Krimifestival - bei den Bildern, die ich gezeigt habe, hat er nicht gezuckt. In diesem Alter haben sie bei Youtube oder in sozialen Medien oft viel härtere Dinge gesehen. Die Kleineren wissen: Papa untersucht Verstorbene und hilft der Polizei. Und der Dreijährige weiß noch nicht, was Arbeit ist.

Sind Rechtsmediziner heute Stars?

Hmm, wir sind zumindest schwer angesagt! Seit etwa zehn Jahren interessieren sich viele Menschen für das Thema. Der Münster-„Tatort“ mit Jan Josef Liefers ist Kult.

Aber auch Klamauk! Hat das Ihrer Branche geschadet?

Eher im Gegenteil! Die Münster-Folgen sind total überzeichnet, man muss sie als Profi mit einem Augenzwinkern sehen, denn mit der Realität haben sie nichts zu tun. Jan Josef Liefers und ich kennen uns auch privat. Ab und zu ruft er auch mal an, wenn er eine Frage zum Drehbuch hat.

Andere Krimis nehmen diesen Beruf aber sehr ernst. Raufen Sie sich trotzdem die Haare, wenn Sie Pathologen im TV sehen?

Das ist schon der erste Fehler. Pathologen und Rechtsmediziner haben so viel gemeinsam wie ein Gynäkologe und ein Augenarzt! Das ist ein ganz anderes Fachgebiet. In der Pathologie werden Todesfälle im Krankenhaus untersucht, sie ist eine Art Qualitätskontrolle und dient dem behandelnden Arzt. Der bekommt Informationen über die Ursache von Krankheiten oder die Entwicklung von Tumoren. Obduziert wird da heute nur noch selten.

Sehen Sie im TV noch andere Fehler?

Niemals würden Angehörige eines Toten zur „Identifizierung“ in unseren Seziersaal marschieren - das ist ein typisches Krimi-Klischee, um die Dramaturgie zu steigern! In 80 Prozent der Tötungsdelikte kommen die Täter aus dem nahen Umfeld des Toten, sie könnten bei der Gelegenheit also Spuren manipulieren. Außerdem: Oft haben wir Leichen mit hohem Fäulnisgrad oder schwersten Verletzungen. Mit diesen Bildern im Kopf könnte man die Leute unmöglich nach Hause schicken. Bei mir im Seziersaal wird auch keine klassische Musik gehört - und auf keinen Fall ein Wurstbrötchen verspeist!

Wenn man „CSI“ im TV sieht, dann glaubt man, dass die Rechtsmedizin bei uns noch in der Steinzeit ist.

Man darf sich von „CSI“ nicht täuschen lassen. Die europäische Rechtsmedizin ist um Längen besser als die amerikanische. Die Fachrichtung wurde vor 200 Jahren in Deutschland entwickelt, die bahnbrechenden Entwicklungen gab es hier. Aber viele deutsche Lehrbücher sind nicht ins Englische übersetzt, deshalb hängen die Amerikaner zurück. Was immer wieder zu horrenden Fehlurteilen in den USA vor Gericht führt.

Sie haben Tsunami-Opfer identifiziert, Massengräber im Kosovokrieg untersucht. Wie verkraften Sie solche Erlebnisse?

Ich habe da einen rein professionellen Standpunkt. Diese Aufgaben geben mir eine große berufliche Befriedigung. Ich kann den Toten einen Namen geben, den Angehörigen den Abschied ermöglichen. Und auch dank meiner Arbeit in Srebrenica wurden Massenmörder wie Milosevic verurteilt.

Wie sind Sie zur Literatur gekommen?

2007 bat mich ein Krimiautor um Beratung. Er fand, dass ich unglaubliche Geschichten zu erzählen habe - und das stimmt ja auch. So sind drei Sachbücher entstanden. Die Leute gruseln sich eben, wenn sie wissen, dass diese Fälle wirklich passiert sind.

Ihr neues Buch „Zerschunden“ wirbt mit dem Label „True Crime“. Wie viel Wahrheit steckt drin?

80 Prozent. Den Serienmörder, der immer in der Nähe eines Flughafens ältere Damen tötete, gab es wirklich, das Opfer in Berlin habe ich selber untersucht. Der Fall war nie in den Medien, weil man zwischen den Morden keine Zusammenhänge erkennen konnte - erst am Flughafen entschied der Täter spontan, wohin die Reise geht. Gefasst hat man ihn nur, weil er Jahre später in der Psychiatrie landete und ein Geständnis ablegte. Aber auch alle Nebenthemen, die im Buch auftauchen, sind real. Der Mann, der mit einem Krummsäbel seine Frau tötete. Der Mann, der von seinem Mörder zerlegt und verspeist werden wollte.

Wie arbeiten Sie mit Ihrem Co-Autor Andreas Gößling?

Wir setzen uns zusammen, die Geschichte wird dann grob „geplottet“. Andreas Gößling lässt mir Passagen frei für die rechtsmedizinischen Themen - und am Schluss bringt er das alles in einen Guss. Die drei kleinen Totenkopf-Emojis am Ende eines jeden Kapitels waren meine Idee (lacht).

Wie gehts weiter mit Ihrem Helden, dem Rechtsmediziner Fred Abel?

Das nächste Buch heißt „Zersetzt“ und erscheint im April. Die Handlung ist sogar 100 Prozent „True Crime“. Eine irre Geschichte, die ich selber erlebt habe: Ich habe in Kasachstan im Auftrag des Präsidenten gearbeitet. Der ehemalige Geheimdienstchef war ein Serienmörder - aber vor Ort traute sich niemand an den Fall. Ich habe mit Polizeischutz ermittelt.

Gibt es das perfekte Verbrechen?

Nun ja, ich wüsste, wie es geht (lacht). Nur so viel: Wenn es keine Leiche gibt, wird es schwierig, einen Mord nachzuweisen. Allerdings ist es schwierig, einen Toten verschwinden zu lassen …

NPVISITENKARTE - Michael Tsokos

Geboren am 23. Januar 1967 in Kiel. Der Sohn eines griechischen Schiffssoffiziers und einer Deutschen studierte Medizin an der Universität Kiel, 2000 machte er den Facharzt als Rechtsmediziner. Seit 2007 leitet er das Institut an der Berliner Charité. Für den „Tagesspiegel“ schrieb er eine Kolumne über seine Arbeit, für den National Geographic Channel drehte er acht Folgen einer Wissenschaftsdokumentation. 2012 veröffentlichte er zusammen mit Sebastian Fitzek den Thriller „Abgeschnitten“. 2014 gründete er in Berlin die Gewaltschutzambulanz, in der Opfer von Gewalttaten ihre Misshandlungen dokumentieren und gerichtsfest machen lassen können. Er ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.


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