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Mensch-Hannover Michael Albert sammelt Geld für Lindens „Lose-Laden“
Menschen Mensch-Hannover Michael Albert sammelt Geld für Lindens „Lose-Laden“
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00:24 02.06.2018
FRISCH GEZAPFT: Die Spender für Mehl, Reis, aber auch Shampoo und Duschgel hat Michael Albert für seinen Lose-Laden „Lola“ am Stephansplatz selber entworfen. Quelle: Fotos: Wilde
hannover

Umweltschutz muss einem nicht peinlich sein: In der SWR-Talkshow „Nachtcafé“ klärte Michael Albert (57) Publikum und Moderator Michael Steinbrecher (52) wortgewandt und überzeugend darüber auf, wie man im Alltag Plastik vermeidet – und stellte „Menstruationstassen“ (sammeln das Blut anstelle eines Tampons) und die handliche „Popobrause“ (Wasserreinigung mit Spritzpistole anstelle von Klopapier) vor. Wer vor solchen Maßnahmen dann doch zurückschreckt, kann im „Lola“ am Südstädter Stephansplatz trotzdem seinen Beitrag leisten – und beim Kauf von Mehl, Nudeln oder Süßigkeiten auf Plastik verzichten. „Das Bewusstsein wächst“, hat Albert festgestellt. Und zwar so stark, dass er eine zweite Filiale in Linden plant.

Das erste „Lola“-Jahr war sehr schwierig

Dabei hätte ihm das Südstadt-Projekt fast das Rückgrat gebrochen: „Im ersten Jahr dachte ich, ich schaffe es nicht. Die Südstädter sind sehr vorsichtig, sie wollten erstmal schnuppern“, erzählt er vom schwierigen Start im März 2016. Den ersten „Lola“ hatte er zusammen mit Kompagnon Helmut Fürll (61) gegründet, der stieg aus, weil er seinen Job als Grafiker nicht aufgeben wollte. „Aber ich habe mich voll ins Abenteuer gestürzt“, erzählt Albert, der von sich sagt, dass er „das Risiko-Gen“ habe.

Scheint zu stimmen, wenn man sich seinen Lebenslauf ansieht. „Gradlinig war der nicht“, sagt der 57-Jährige mit einem Schmunzeln. Zwei Semester studiert der gebürtige Celler Musik in Hannover – „aber täglich acht Stunden Klavierüben war nichts für mich, außerdem habe ich furchtbares Lampenfieber.“ Der Zivildienst bringt ihn auf den Medizin-Geschmack, er legt sogar das erste Staatsexamen ab. Arzt wird er nicht: „Nicht meine Welt“, ist seine Erkenntnis. Im Rheinland macht er eine Tischler-Lehre – dem Beruf bleibt er treu, wechselt nach zwölf Jahren zurück nach Hannover, heute arbeitet er immer noch in der „Holzwerkstatt“ auf dem Lindener Faustgelände. Umweltbewusst war Albert schon immer. „Als 15-Jähriger war ich empört über die Macht der Atomlobby in Niedersachsen“, erinnert er sich, „ich war viel auf Demos“. Als Tischler schafft er seinen Transporter ab, radelt lieber und nutzt Stadtmobil-Autos. Doch was fehlt, ist die zündende Idee, um etwas zu bewegen. Die findet er 2014 in Kiel, als sich die Nachricht von der Eröffnung des deutschlandweit ersten Unverpackt-Ladens verbreitete. „Ich fuhr hin, schaute mir das an. Und wusste schon auf dem Rückweg, dass ich das auch will.“

Auf die Gasspender hat er das Patent beantragt

Der Tischler geht aber sogar noch einen Schritt weiter. Ein Laden ohne Verpackung? In Kiel zapften Kunden damals loses Mehl, Hülsenfrüchte oder Reis aus Plastikbehältern. „Das aber relativiert den Müll-Spareffekt, die Gefäße muss man ja auch nach sechs bis sieben Jahren austauschen.“ Albert will konsequenter sein, tüftelt in seiner Werkstatt an eigenen Spendern. In seinen 400 Euro teuren Glasröhren mit Edelstahl-Mechanik, Silikondichtungen und Holzgehäuse kann man sowohl Flüssigkeiten als auch feste Produkte abfüllen. „Ich habe ein Patent angemeldet“, erzählt er stolz.

Wöchentlich bekomme er Anrufe aus Deutschland von anderen Lose-Laden-Gründern, auch nach Portugal und England hat er sein Know-how weitergegeben. „Ich hatte den richtigen Riecher“, sagt er im Rückblick. Sein „Lola“ gehörte im Fahrwasser der Kieler Pioniere zu den ersten zehn Läden, inzwischen gebe es bereits 80 in Deutschland. Und einen „Verband für Unverpackt-Läden“, deren zweiter Vorsitzender der Hannoveraner ist. „Lobbyarbeit ist wichtig.“

AM SÜSSIGKEITENREGAL: Michael Albert macht seine Mitarbeiterin Jeannine Claes im Oktober zur Filialleiterin in Linden. Quelle: Frank Wilde

Denn es wartet noch viel Arbeit auf Albert und seine Mitstreiter. Lebensmittel unverpackt zu verkaufen, sei das eine, sie umweltfreundlich geliefert zu bekommen das andere. „Am liebsten hätte ich alles in großen Pfandbehältern,“, erzählt der 57-Jährige von seinem „Feldzug“ für eine bessere Welt. Bauer Banse (kennen die Südstädter vom Markt) hat er schon auf seiner Seite, die Hofmolkerei füllt die Milchzapfanlage im Laden. Getreide und Hülsenfrüchte werden in 25-Kilo-Papiersäcken („eine ganz schöne Ackerei“) geliefert, bei machen Artikeln müsse er aber immer noch auf Gastronomie-Größen zurückgreifen. „Nudeln machen mit Kummer“, gibt er zu. Die Fünf-Kilo-Pakete für Restaurants seien leider nur in Plastikhülle zu haben.

Mit diesen Strategien kann man Plastikmüll vermeiden

Der achtfache Familienvater (nur das 16-Jährige Nesthäkchen lebt noch daheim) zieht privat mit seinen Liebsten die Müllvermeidungs-Strategie „zu 100 Prozent“ durch, will aber niemanden missionieren. Heißt: Das Sandelholz-Shampoo darf man sich auch in die mitgebrachten Plastikflasche zapfen. „Nur Plastik, das nicht weggeworfen wird, ist gutes Plastik“, findet er. In den Weltmeeren treiben bis zu 140 Millionen Tonnen.

Im „Lola“ in der Südstadt schiebt eine junge Mutter den Kinderwagen durch den Laden, im Einkaufskorb sammeln sich Gläser, Tupperdosen, Flaschen. „Die Leute sind entspannter“, hat Jeannine Claes (26) beobachtet, die ab Oktober den Lindener Lose-Laden leiten wird. „Es ist ja auch einfacher, wenn man sich nicht zwischen 20, sondern nur zwischen zwei Reissorten entscheiden muss.“ Und dem CO2-Fußabdruck auf dem Planeten tut es auch gut. Michael Albert hat nachgerechnet: „In zwei Jahren haben wir etwa 80 000 Einwegverpackungen gespart.“

ERST WIEGEN: Die Waage spuckt einen Klebezettel mit dem Gewicht des Leergefäßes aus – dann kann man Ware einfüllen. Quelle: Frank Wilde

So funktioniert das Crowdfunding für Lindens Lose-Laden

Der Countdown startet am 31. Mai um 17 Uhr mit einer Party im „Lola“ am Stephansplatz (Südstadt). Bis eine Minute vor Mitternacht am 30. Juni kann man beim Crowdfunding auf der Plattform Startnext in den „Lilola“ investieren. 45 000 Euro hat Michael Albert bereits über private Sponsoren und Investoren aufgetrieben, das Startnext-Ziel liegt bei 15 000 Euro für die Einrichtung der Lindener Filiale an der Limmerstraße 15. Kommen 25 000 Euro zusammen, gibt es neben etwa 90 Spendern für Lebensmittel und Kosmetikprodukten noch zwei Extras: Eine Milchzapfanlage und eine Nussmus-Maschine. „An der kann jeder aus seinem persönlichen Lieblings-Nussmix einen Aufstrich machen. Hannover ist heiß auf diese Maschine“, glaubt Albert. Eröffnung soll im Oktober sein. Das Prinzip ist identisch mit dem Laden in der Südstadt: Kunden bringen eigene Gefäße (Schraubgläser, Tupperware) mit, wiegen sie am Eingang ab, auf einem Klebezettel steht dann das Leergewicht. Hat man Mehl, Linsen, Quark oder Schokolade abgefüllt, wird das Leergewicht beim Wiegen an der Kasse wieder abgezogen.

Alle Infos und ein Video, in dem das Konzept erklärt wird, finden Sie hier.

Von Andrea Tratner

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